DFB sagt nach Enkes Tod Chile-Spiel ab: "Zum Trauern braucht man Zeit"
VON DENIS CANALP UND CHRISTIAN SPOLDERS - zuletzt aktualisiert: 11.11.2009 - 17:27Düsseldorf (RPO). Die deutsche Nationalmannschaft wird nach dem Tod von Torhüter Robert Enke am Samstag nicht gegen Chile antreten. Das teilte ein sichtlich um Fassung ringender DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger auf einer Pressekonferenz in Bonn mit: "Die Spieler haben deutlich gemacht, dass man zum Trauern Zeit braucht."
Die Absage sei das Ergebnis eines Gesprächs von Zwanziger mit dem Spielerrat, den Trainern, Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. "Wolfgang Niersbach und ich sind nach Bonn gekommen, um diese Entscheidung mit denjenigen zu sprechen, die es in besonderer Weise angeht", sagte Zwanziger. "Wir haben ein Gespräch geführt, auf dessen Inhalt, auf dessen Ernsthaftigkeit ich sehr, sehr stolz bin."
Zwanziger sagte, dass er bei den Spielern "ehrliche Trauer" feststellte und die Spieler Zeit brauchen, die Ereignisse zu verarbeiten. Der chilenische Fußball-Verband hat der Absage des Spiels bereits zugestimmt. Dafür bedankte sich Zwanziger bei den Südamerikanern. "Unser großer Respekt gilt der Nationalmannschaft von Chile und ihrem Präsidenten, der geantwortet hat: 'An ihrer Stelle hätten wir genauso gehandelt.'"
Zwanziger betont, Enke habe einige Schicksalsschläge erdulden müssen, und verweist auf den Verlust der kleinen Tochter, die 2006 wegen eines Herzfehlers starb. "Wir hatten gedacht, er hat das aufgefangen", sagt der DFB-Präsident. Die Frage nach dem Warum begleite nun Spieler, Trainer und den DFB. "Das Erinnern muss einhergehen mit Nachdenken, was wir besser machen können", sagte Zwanziger.
Nationalmannschaft-Manager Oliver Bierhoff rang anschließend offen mit seinen Tränen. "Auch mir fällt es schwer, hier zu reden", sagte er. "Ich habe mit Robert viele schöne Zeiten verbracht." Dass es in Enke so aussehen würde, hätte niemand gedacht. "Um uns herrscht Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit und auch Hilflosigkeit. Wir konnten nie über die Oberfläche hinausschauen, wie es in Robert ausschaut."
Und das weder bei den gemeinsamen Einheiten, noch im Trainingslager. "Mit seiner Frau Teresa haben wir vor der Europameisterschaft im Trainingslager viel Zeit verbracht", sagte Bierhoff weiter. "Auch unser Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann hat keine Beobachtungen gemacht, aber keiner hatte Anlass zu glauben, dass Robert an dieser Krankheit leidet." Jeder habe Robert Enke als stabil und gefestigt kennengelernt, " er hatte eine unglaublich positive Ausstrahlung auf die Mannschaft – darum war er in unseren Planungen auch ein ganz wichtiger Spieler, weil er immer ein wichtiger Halt für die Mannschaft war".
Spieler reisen ab
Die geschockten Nationalspieler reisten noch am Mittwoch aus dem Trainingslager ab. "Wir haben feststellen müssen, dass kein normaler Trainingsbetrieb möglich ist", sagte Medienchef Harald Stenger. Theo Zwanziger ergänzte, dass am Abend ein Gottesdienst in Hannover stattfinden werde. "Wir haben Bischöfin Margot Käßmann mitgeteilt, dass der Bundestrainer, der Trainerstab, der Teammanager, Kapitän Michael Ballack und ich daran teilnehmen möchten", sagte Zwanziger.
Michael Ballack setzt der Suizid seines Teamkollegen offenbar besonders zu. "Michael ist tief betroffen", sagte Oliver Bierhoff. "Er kannte ihn seit seinem 13. Lebensjahr." Beide Spieler kommen aus der DDR und haben diverse Jugendmannschaften gemeinsam durchlaufen.
Am Sonntag wird wohl die Trauerfeier in Hannover stattfinden. "Ich denke, dass wir alle daran teilnehmen werden", sagte Theo Zwanziger stellvertretend für die Nationalmannschaft. "Robert Enke ist Nationalspieler. Es ist für uns wichtig, ihn zu ehren." Erst nach der Trauerfeier beginne die Vorbereitung auf das nächste Länderspiel am Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste.
Manager Oliver Bierhoff ergänze abschließend, dass man auch darüber nachgedacht habe, das Spiel am Samstag gegen Chile als eine Art Abschiedsspiel zu nutzen. "Das kommt aber zu früh", sagte er, nachdem er sich wieder gefangen hatte. "Wir werden überlegen, wie wir über den November hinaus Robert Enke würdigen können." Nun sei sie Zeit gekommen, inne zu halten.
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