Kolumne "Eckball": 0:0 = zweimal Gähnen?
zuletzt aktualisiert: 28.11.2009 - 14:01Düsseldorf (RPO). Das schrecklichste Ergebnis des Fußballs ist das 0:0. „Zweimal Gähnen“, schimpft der uruguayische Ball-Denker Eduardo Galeano. Er spricht diesem Resultat jeglichen Höhepunkt ab, da er das Tor als „Orgasmus des Fußballs“ definiert.
Tatsächlich gibt ein torloses Treiben wenig Anlass für ungezügelte Ekstase. Die ist nur möglich, wenn passiert, was passieren soll, nämlich, dass der Ball hinein fliegt ins Netz, es erzittern und die geneigten Beobachter vor Freude oder Leid ihre Sinne verlieren lässt. Wie stolz ist daher ein 1:0, eines, wie es nun Deutschland reichte, um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 zu erhaschen. Kein großer Unterschied ist es zum 0:0, nur ein Treffer.
Doch diese Nuance ist entscheidend, sie macht aus einem langweiligen Nichts eine wunderbare Geschichte, die einen echten Helden hat und tragische Verlierer. Das 1:0 steht für den schmalen Grat zwischen Glück und Pech, es gibt den einen Höhepunkt nach dem alle lechzen; das Wesentliche ist konzentriert auf einen Augenblick, eine Szene, einen Genie-Streich, einen Fehler. Ein 1:0 – ob nun verdient, weil zwangsläufig, oder glücklich, weil von des Torwarts Gnaden - öffnet den Raum für alles, was der Fußball zu bieten hat.
Zugleich steht es für die größtmögliche Pragmatik, es ist ein resultatisches Nicht-mehr-als-nötig. Genau genommen müsste das 1:0 des Trainers Liebling sein, bedeutet es doch, dass die richtige Mischung aus Kompaktheit und Effektivität gefunden wurde. Hinten nichts zugelassen und vorn das eine Ding gemacht: mal verdient, mal unverdient. 1:0 steht nicht für Eleganz und hohe Kunst, sondern für Ergebnis-Denken. „Ich gewinne lieber 4:3 als 1:0“, sagte früher Hennes Weisweiler, damals Trainer der ungestümen Gladbacher Fohlen-Mannschaft. Doch den ersten Titel holte Borussia erst, als Weisweiler die Wahrscheinlichkeit des 1:0 durch den Zukauf knorriger Abwehrspieler erhöhte.
Ralf Rangnick, früher fasziniert vom Gladbacher Tempospiel, erklärte jüngst, er habe seine wilden Hoffenheimer, auf gewisse Art die moderne Fohlen-Variante, neu erfunden: „Vergangene Saison haben wir gespielt, als gäbe es kein Morgen“, sagte Rangnick und erinnerte an das vogelwilde 4:5 bei Werder Bremen, einer Orgie des Offensivfußballs. Nun sei es seiner Mannschaft auch möglich, 1:0 zu gewinnen nach einem weniger guten Spiel, frohlockte Rangnick.
Machen wir uns nichts vor: Wer 34 mal 1:0 gewinnt, der ist so was von Meister, und im Rückblick scheint es, als hätte der FC Bayern genau das getan in jenen Zeiten als er die Salatschüssel abonniert hatte. Nun sucht man in München di e Offensive und versinkt im Mittelmaß. Bundestrainer Joachim Löw weiß um den Wert des spröden 1:0-Glücks, denn das in Russland war für ihn eine Job-Garantie. Bei einem Scheitern in der WM-Qualifikation, da wäre es vorbei gewesen mit ihm als erster Fußball-Lehrer im Lande.
Doch was sollte Löw befürchten? Er wusste um das Sieger-Gen der Deutschen. Dieses erzählt die simple Geschichte, die der frustrierte englische Fußballer Gary Lineker markant auf den Punkt gebracht hat: „Fußball ist ein Spiel, wo 22 Spieler einem Ball hinterherrennen und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Was könnte diese These besser belegen als ein 1:0. Lustige Ballspielchen von Schweini und Poldi, ein fluffiger 3:0-Sieg bei den Russen, nein, der hätte dem Rest der Welt nicht diesen eiskalten Angstschweiß verspüren lassen ob der Gewissheit, was passiert am Kap der guten Hoffnung: Deutschland ist dabei und ist einer der Favoriten auf den WM-Titel.
Das 1:0 müsste eigentlich das Ergebnis der Deutschen sein, und auf gewisse Weise ist es das auch. Denn immer wieder gab es neuralgische Spiele, wie nun dieses in Russland, die mit eben diesem Ergebnis enden. So das erste Spiel der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg: Herbert Burdenski schoss vom Elfmeterpunkt am 10. November 1950 das einzige Tor gegen die Schweiz. Ein 1:0 der Deutschen ist es auch, das de n Engländern schwer auf der Seele lastet, mehr fast, als all die verlorenen Elfmeterschießen gegen die „Krauts“. Dietmar Hamann, der frecher Weise sein Geld auch noch beim FC Liverpool verdiente, schoss am 7. Oktober 2000 beim 1:0 des DFB-Teams das letzte Tor aller Zeiten im legendären „alten“ Wembley-Stadion.
Auch bei großen Turnieren gab es viele deutsche 1:0-Siege, die bedeutsam waren. 1974 der gegen Polen, die Frankfurter Wasserschlacht, und zuvor der 1:0-Sieg gegen die BRD, errungen von der DDR, dem anderen, inzwischen verschwundenen Deutschland. Genau genommen war das die Grundlage für den westdeutschen WM-Sieg, danach lief alles anders und besser und wurde gut.
1986 gab es in Mexiko im Achtelfinale ein spätes 1:0 gegen Marokko durch einen Schuss von Lothar Matthäus aus gefühlt 100 Metern in der 88. Minute; 1990 ein 1:0 gegen die Tschechoslowakei im Viertelfinale, weil wieder Matthäus einschoss, da per Elfmeter; 2002 traf Michael Ballack im Halbfinale gegen Südkorea (nachdem es zuvor auch gegen Paraguay und die USA 1:0-Siege gegeben hatte); 2006 begann das Sommermärchen erst richtig, als Oliver Neuville in der Nachspielzeit des letzten Vorrundenspiels gegen Polen das einzige Tor erzielte.
Genau genommen waren alle drei deutschen Final-Siege bei Weltmeisterschaften ein 1:0. Gegen Argentinien 1990 ganz offiziell, weil da nur Andreas Brehme traf, vom Elfmeterpunkt. Aber auch 1954. Bei näherer Betrachtung reduziert sich das gesamte Berner Finale gegen die Ungarn (3:2) auf prasselnden Regen und jene Sekunden, in denen Reporter Herbert Zimmermann rief: „Rahn müsste schießen, Rahn schießt. Tor, Tor Tor!!!!“
1:0 war das Resultat der zweiten Halbzeit, die anderen Tore sind Statistik vor der Pause (Rahn, Morlock), deutsche Tugenden nach 0:2 zurück gekämpft, doch das Tor von Rahn, dem „Boss“, das war die Geburt einer großen Fußballnation. 1974 ziehen wir die Elfmetertore von Neeskens und Breitner ab, die sich vor jenem Drehroller von Gerd Müller zutrugen, der uns den Titel gegen die Holländer brachte, weil wir uns an Pelé halten, der sagte, dass Elfmeter hässliche Tore sind – und wir wollen nicht den Ruch der Hässlichkeit auf unserem WM-Sieg haben. (1990 war es auch ein Elfmeter, doch der war schön, weil Brehme das Unmögliche schaffte, den argentinischen Elfmeter-Töter Goycochea zu überwinden. Das war eine Kunst und kein bisschen hässlich.)
Nicht zu vergessen jenes 1:0, das eine Schande für den germanischen Fußball war (obwohl eigentlich typisch für die ihm nachgesagte Zielstrebigkeit): Gijon, 25. Juni 1982, der Nichtangriffs-Pakt mit Österreich. Horst Hrubesch machte nach elf Minuten das 1:0, danach: Ballgeschiebe, Ergebnisverwaltung beiderseits. Der Mob tobte und die aus dem Turnier geschobenen Algerier haben das bis heute nicht über wunden. Nun sind die Nordafrikaner dabei, sich mal wieder für eine WM-Endrunde zu qualifizieren.
„Wenn wir das schaffen, werden wir das Überraschungsteam sein“, sagt Karim Matmour, angestellt in Mönchengladbach. Und: „Von 1982 reden bei uns heute noch alle.“ Natürlich, wegen des bösen Treibens zwischen Deutschen und Österreichern, über das eine spanische Zeitung damals titelte: „El Anschluss.“ Vor allem aber wegen des 2:1 Algeriens gegen das deutsche Team im ersten Vorrundenspiel.
Oh je, Herr Löw, was wenn das Los Ihnen in Südafrika Algerien beschert, gegen das der DFB zweimal spielte – und zweimal verlor? Nun, es wird Löw nicht kratzen. Denn er weiß, dass seine Mannschaft 1:0 gewinnen wird. Nicht schön, aber effektiv. Und zur Not und je nach Konstellation, reicht auch ein 0:0. Wenn am Ende der Titel herausspringt im nächsten Sommer, dann hat auch das „zweimal Gähnen“ einen orgiastischen Reiz und ist gar nicht schrecklich.
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