1. Bundesliga 17/18
| 07.04 Uhr

Kölns Geschäftsführer Jörg Schmadtke
"Alles gut. Also bis auf die Tabelle"

1. FC Köln: Jörg Schmadtke - "Alles gut. Also bis auf die Tabelle"
Jörg Schmadtke bei der Mitgliederversammlung des 1. FC Köln. FOTO: dpa, mb fdt
Köln. Die Europapokal-Rückkehr verpatzt, in der Liga Tabellenletzter: Im Interview mit unserer Redaktion spricht Kölns Geschäftsführer Jörg Schmadtke über die aktuelle Situation, Ex-Torjäger Anthony Modeste und sein Verhältnis zu Trainer Peter Stöger. Von Patrick Scherer

Jörg Schmadtke blickt aus dem Fenster seines Büros im ersten Stock des Geißbockheims. Unten auf dem Rasen gibt Trainer Peter Stöger den Spielern Anweisungen. Der Geschäftsführer des 1. FC Köln beobachtet die Szenerie aufmerksam, bevor er sich an den Tisch setzt und am Espresso nippt.

"Alles gut", sagt er. "Also bis auf die Tabelle." Am Freitagabend (20.30 Uhr/Live-Ticker) soll beim VfB Stuttgart im achten Anlauf der erste Saisonsieg gelingen. Und damit der Grundstein gelegt werden für den Weg aus der Abstiegszone.

Herr Schmadtke, wie erleben Sie die Länderspielpause? Ist es schön, die Zeit zur Analyse zu haben, oder ärgert es Sie, so lange auf die Möglichkeit zur Wiedergutmachung warten zu müssen?

Jörg Schmadtke Es war gut für uns. Wir konnten nach den vielen Englischen Wochen mal durchschnaufen und an der ein oder anderen Stelle nachjustieren.

Nachjustieren – können Sie da etwas mehr ins Detail gehen?

Schmadtke Wenn man einen Punkt nach sieben Spieltagen hat, liegt ja irgendwas im Argen. Da versucht man den Verbund zu stärken, verschiedene Abläufe zu trainieren. Wir haben das Spiel nach vorne neu sortiert und versucht, nach hinten mehr Stabilität zu erzeugen. Die Dinge angepackt, die man auf dem Fußballplatz so macht.

Woran liegt es denn, dass der im Sommer aufgestellte Plan bisher nicht aufgeht?

Schmadtke Wir waren zu Beginn nicht so griffig wie in der Vergangenheit. Daraus resultierten viele Gegentore. Unser Spiel nach vorne war weniger klar und zielorientiert. Wenn du keine erfolgreichen Ergebnisse einfährst, addieren sich die Dinge.

Wie muss man sich den Austausch zwischen Ihnen und Peter Stöger in diesen Tagen vorstellen?

Schmadtke Der Austausch ist wie immer. Ich kann die ganzen Gerüchte, die herumwabern, nicht bestätigen.

Wie beschreiben Sie denn das Verhältnis zwischen Peter Stöger und Ihnen? Sachlich, professionell, freundschaftlich?

Schmadtke Sachlich, professionell, freundschaftlich.

Gibt es noch mehr?

Schmadtke Das Verhältnis ist so, wie es immer war. Ich bin überrascht, dass es Gerüchte gibt, die etwas anderes behaupten. Das ist ein klassischer Fall von: Man muss die Dinge nur häufig genug wiederholen, dann werden sie als wahr wahrgenommen.

Ist es eine Option, zu sagen: Egal, was in den kommenden Monaten passiert, wir beenden die Saison definitiv mit Peter Stöger?

Schmadtke Kann sein. Aber das sind keine Szenarien, die ich in der Öffentlichkeit bespreche.

Welchen Eindruck vermittelt das Trainerteam auf Sie in den vergangenen Tagen?

Schmadtke Konzentriert. Sie arbeiten in dem Bewusstsein, Dinge verändern zu müssen, verfallen aber nicht in blinden Aktionismus. Sie werfen nicht alles über den Haufen, was vier Jahre lang gut war. Sie sind dabei, die Balance zu finden zwischen Dingen, die gut waren und Dingen, die man verstärkt ansprechen muss. So wie man es sich wünscht.

Und wie sieht es mit dem Team aus?

Schmadtke Selbstkritisch, aufnahmefähig – und willig, die Geschichte zu verändern.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich die schlechte Tabellensituation negativ auf das stets hochgelobte Mannschaftsgefüge auswirken könnte?

Schmadtke Das kann immer sein, stelle ich im Moment aber nicht fest. Ganz im Gegenteil. Wir hatten vielleicht eher zu Beginn ein paar Probleme im Mannschaftsgefüge. Die hat die Mannschaft selbst erkannt, sich zusammengesetzt und ausgeräumt. Allen ist die Situation bewusst, und dass es nur gemeinsam geht.

Welche Probleme gab es? Die Integration von Zugängen?

Schmadtke Auch. Insgesamt war es im Mannschaftsgefüge zu Beginn der Saison schwieriger als in den Jahren zuvor.

Liest man ein paar Kommentare im Internet oder unterhält sich mit manchen FC-Fans, könnte man meinen, hier läuft seit Jahren alles schief, was schieflaufen kann.

Schmadtke Ich bin kein Freund davon, wenn Menschen aus der Anonymität heraus glauben, jeden Blödsinn loswerden zu können – ohne sich einer Diskussion stellen zu müssen. Aus der Nichtverantwortung heraus ist es nun mal leicht, Dinge zu beurteilen.

Nun gehört das Internet in unserer heutigen Gesellschaft aber zum Meinungsbildungsprozess dazu. Das überträgt sich auch auf das Umfeld. Wie sehr können sie sich von dieser Kritik abschotten?

Schmadtke Ich nehme Schwingungen in der Umgebung schon wahr. Aber die beeinflussen mein Handeln nicht. Mein Handeln hängt nur von meiner Wahrnehmung ab.

Trifft sie diese teils heftige Kritik persönlich?

Schmadtke Teilweise, ja. Wenn es ins Persönliche geht, ist das unverschämt und nicht legitim. Das passiert auch. Aber das ist vielleicht auch der Zeitgeist, dem man sich unterwerfen muss.

Unterwerfen? Kann man nichts dagegen tun?

Schmadtke Ich gebe hier ein Interview und lege meine Sicht der Dinge dar. Mehr kann und will ich nicht tun. Wir leben in einer demokratischen Grundordnung. Da kann jeder seine Meinung äußern. Dennoch muss ich nicht alles als richtig empfinden.

Ein Angriffspunkt ist die Personalie Jhon Cordoba. Was entgegnen sie Leuten, die ihn jetzt schon als Fehleinkauf abstempeln?

Schmadtke Transfers sind immer kompliziert. Und es bedarf Zeit. Eine Beurteilung nach zehn Pflichtspielen kann man machen, aber das ist nicht fair und sachgerecht. Dass Jhon Cordoba ein anderer Spielertyp ist als Tony Modeste, wissen wir. Jhon hat andere Qualitäten. Er arbeitet viel fürs Team und wird das auch weiterhin tun. Ich bin davon überzeugt, dass er einen Mehrwert für die Mannschaft hat.

Peter Stöger hat gesagt, manchmal will Jhon Cordoba dem Team vielleicht zu viel auf einmal zurückgeben. Ist das ein Problem?

Schmadtke Die Kritik hat auch er mitbekommen, klar. Das macht mit dem ein oder anderen schon etwas. Jhon hat gedacht, er muss am ersten Spieltag vier Tore schießen, um Ruhe zu haben. Das trägt nicht zu einer Leistungsentwicklung bei. Und man muss festhalten, dass die Zulieferung der Bälle nicht perfekt war. Unser Angriffsspiel war in der vergangenen Saison anders geprägt als jetzt. Zudem hat sich durch viele frühe Gegentore unsere Spielbalance verändert. Jhon würde sich sicher leichter tun, wenn wir 40 statt 70 Prozent Ballbesitz hätten.

Fühlen Sie sich denn ungerecht beurteilt?

Schmadtke Nein. Ich glaube aber, dass die Bewertung einzelner Transfers nicht ganz sauber ist. Wer sagt: ,Die haben nur unerfahrene Spieler verpflichtet', liegt falsch. Jannis Horn und Cordoba haben Bundesligaerfahrung und Jorge Meré hat über 60 Spiele in der ersten spanischen Liga, einer der besten Ligen Europas. Es wird so getan, als hätten wir ihn aus der A-Jugend geholt. Meré ist jung, aber nicht unerfahren. Sörensen hat auch 60 Bundesliga-Spiele. Da wird die Kritik nicht angebracht. Beurteilungen dürfen auch nicht davon abhängig gemacht werden, ob gerade 1:0 gewonnen oder 0:1 verloren wurde. Das ist ungerecht.

Das trifft Sie also doch?

Schmadtke Manchmal sitzt man schon zu Hause und fragt sich: ,Warum?' Aber ich bin 53, habe in dem Geschäft schon einiges abbekommen. Es beschäftigt einen, aber es ist nicht so dramatisch. Ich kann damit umgehen. Zudem ist es von Vorteil, dass sich alles auf meine Person fokussiert. So können die Mannschaft und der Trainer in Ruhe arbeiten.

Wie bewerten Sie denn Ihre Transfers im Sommer?

Schmadtke Jeder einzelne macht aus unserer Sicht Sinn. Man kann darüber diskutieren, ob uns der ein oder andere mehr gutgetan hätte.

Sie haben ja noch mal nachgelegt. Wie fit ist Claudio Pizarro?

Schmadtke Ihm haben die 14 Tage gutgetan. Er ist aber kein Spieler, der 90 Minuten durch die Gegend rennt und grätscht. Das war er noch nie. Für ihn sind Zweikampf- und Wettkampfsituationen wichtig, damit er seine Sicherheit, die er über Jahrzehnte hatte, wiedererlangt.

Ab wann kann er dem Team helfen?

Schmadtke Er hilft seit dem ersten Tag. Durch seine Präsenz, seine Erfahrung, durch Gespräche.

Er hat seinen Wert also – noch – vor allem neben dem Platz?

Schmadtke Claudio ist von seiner Struktur ein positiver Mensch und einer, der andere gerne an seiner Erfahrung teilhaben lässt. Das war ein Beweggrund, ihn zu verpflichten.

Wie sehr ärgert es Sie, dass Sie die Europapokalabende aufgrund der angespannten Situation in der Liga nicht als echte Feiertage genießen können?

Schmadtke Klar wäre es angenehmer, wenn wir zehn Punkte hätten und die Donnerstage als kleinen Höhepunkt mitnehmen. Frei von allen Belastungen. Das wäre viel schöner. Dennoch ist es für den Klub und jeden einzelnen Akteur ein Mehrgewinn. Die Europa League ist nicht die Belastung, als die sie immer dargestellt wird.

Daran wird der FC also nicht scheitern?

Schmadtke Die Dreifachbelastung ist körperlich kein Problem, wenn dann psychologisch.

Also fehlt hier und da die geistige Frische?

Schmadtke Nicht mal die geistige Frische. Aber: Wenn du als Underdog Platz fünf erreichst, dann führt das zu einem Durchatmen und einem leichten Nachlassen in dem ein oder anderen Segment. Das ist menschlich. Aber es wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit aus. Diese paar Prozent sind in der Bundesliga verheerend. Das macht den Unterschied zwischen sieben, acht oder einem Punkt aus. Mit 95 Prozent gehen die Dinge nicht. Wir brauchen 100 Prozent von jedem aus der Gruppierung. Jetzt müssen wir uns aufraffen, den nächsten Stein aus dem Weg zu räumen und den nächsten Berg hochzurennen.

Hat sich das im Sommer schon angedeutet?

Schmadtke Man kann im Nachhinein immer schlau reden. In der Situation war das so nicht wahrnehmbar. Vielleicht gab es das ein oder andere kleine Anzeichen, aber das ist Schlaubergerei.

Haben Sie schon Ideen im Kopf, was Sie mit den Modeste-Millionen im Winter anstellen?

Schmadtke Könnte sein.

Wollen Sie uns an Ihren Gedankengängen teilhaben lassen?

Schmadtke Nein.

Es ist aber realistisch, dass etwas passiert?

Schmadtke Puh. Was machen wir denn, wenn wir die nächsten sieben Spiele alle gewinnen?

Schwierige Entscheidung.

Schmadtke Sehen Sie. Also, lassen Sie uns doch abwarten und nicht irgendwelche Szenarien aufbauen.

Anthony Modeste war gegen Leipzig auf der Tribüne. Wie kam es dazu?

Schmadtke Wir haben das mitbekommen und ihn zu uns in die Loge eingeladen.

Ihr Verhältnis zueinander gilt als belastet nach dem Transfer. Wie passt das zusammen?

Schmadtke Ihm und mir haben bestimmte Dinge nicht gefallen. Und trotzdem haben wir ihn eingeladen.

Ist es möglich, dass er – solange Sie hier Geschäftsführer sind – noch einmal das FC-Trikot trägt?

Schmadtke Warum nicht? Das Leben ist so vielfältig.

Er könnte also sportlich wieder Teil der Pläne werden?

Schmadtke Fakt ist aktuell, dass er einen Vertrag unterschrieben hat und das respektieren wir.

Auch Lukas Podolski hat sich per "Express"-Interview nach dem Pizarro-Transfer wieder beim FC ins Spiel gebracht. Wie sehen Sie das?

Schmadtke Ich habe das mit einem Augenzwinkern wahrgenommen. Man kann es natürlich auch als ,Drohung" wahrnehmen, dass er wieder zurückkommt. (lacht) Da kann man gelassen sein. Mit Lukas Podolski passt alles. Wir sind in einem vernünftigen Austausch.

Beschäftigt Sie die Akte Podolski denn sportlich?

Schmadtke Nein.

Was wünschen sie sich vom Umfeld für die kommenden Wochen?

Schmadtke Die gleiche Unterstützung, die die Mannschaft in den vergangenen Wochen erfahren hat. Die war großartig. Das ist für Leute außerhalb Kölns vielleicht ungewöhnlich, zeigt aber, dass hier etwas gewachsen ist. Zudem brauchen wir einfach die ersten drei Punkte.

 
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