1. Bundesliga 16/17
| 08.28 Uhr

Harald "Toni" Schumacher
"Ich rede Klartext, auch heute noch"

Das ist Toni Schumacher
Das ist Toni Schumacher FOTO: dpa
Köln. Im Interview spricht Ex-Torwart Toni Schumacher über den perfekten Torwart, Schuldenabbau beim 1. FC Köln und Disziplin am frühen Morgen.

Der FC-Vizepräsident Harald "Toni" Schumacher steht am Fenster im Geißbockheim und schaut auf den frischen, grünen Rasen auf dem Trainingsplatz. "Muss der arme Kerl den ganzen Rasen mit dem Mini-Trecker mähen", sagt er und zeigt auf den Greenkeeper. "Nee!" Schumacher ist gut gelaunt, er bestellt einen Cappuccino.

Herr Schumacher, Sie sehen fit aus.

Schumacher Danke. Ich tue was dafür. Sechs Kilometer gehe ich jeden Morgen, auch am Wochenende.

Disziplin war immer Ihre Stärke.

Schumacher Ich glaube, es ist noch die wichtigste Eigenschaft, um im Profi-Fußball Erfolg zu haben.

Sie galten in Ihrer aktiven Zeit als Arbeitstier.

Schumacher Stimmt, so wurde ich erzogen. Ich war immer schon ein Frühaufsteher und oft als Erster auf dem Platz. Es klingt banal, aber es ist so. Der Erfolg kommt nur über harte Arbeit. Das hat mir meine Mutter früh beigebracht.

Toni Schumacher mit den RP-Redakteuren Michael Bröcker (r.) und Martin Beils. FOTO: privat

Wer ist heute für Sie der perfekte Torhüter auf der Welt?

Schumacher Manuel Neuer, ganz klar. Manchmal übertreibt er es mit dem Rausgehen, aber man merkt sich ja nicht die 1000 Steilpässe, die er abfängt, sondern den einen, den er falsch einschätzt und der zum Gegentor führt.

Wären Sie 1986 im WM-Finale gegen Argentinien beim 0:1 auf der Linie geblieben, hätte es vielleicht mit dem Titel geklappt.

Schumacher Trotzdem hätten wir es noch schaffen können, es waren ja erst 20 Minuten gespielt.

Warum gibt es eigentlich so viele gute deutsche Torhüter?

Schumacher Wir hatten immer gute Vorbilder. Ich eiferte schon auf dem Bolzplatz Toni Turek und Sepp Maier nach. Das zahlt sich dann irgendwann aus. Unsere Torwartausbildung ist zudem exzellent, ich hatte mit Rolf Herings schon in den 70er Jahren einen eigenen Torwarttrainer beim FC, als in England noch ein- und derselbe Honorar-Torwarttrainer mehrere Mannschaften abklapperte.

Wie lange bleibt Timo Horn beim FC?

Schumacher Hoffentlich lange.

Sie waren Rekordspieler mit 422 Einsätzen und 15 Jahre Stammtorwart beim 1. FC Köln.

Schumacher Es wäre mein Traum, dass Timo Horn meinen Rekord erreicht, klar. Aber das ist nicht leicht. Timo ist jetzt 22 Jahre alt, er müsste schon noch zehn Jahre hierblieben und jedes Spiel machen. Das wären dann 340 Spiele.

Sie vergessen die Europacup-Spiele.

Schumacher (lacht) Hört mir auf! Nein, im Ernst. Wir würden uns freuen, wenn Timo Horn eine Ära prägen würde. Aber wir müssen realistisch sein. Wir haben rund 20 Millionen Euro Schulden, manchmal gibt es unmoralische Angebote, die kannst du nicht ablehnen.

Toni Schumacher besitzt einen roten Ford Mustang. FOTO: privat

Wie die elf Millionen Euro für Yannick Gerhardt, der jetzt nach Wolfsburg geht.

Schumacher Ja, wir müssen unsere Schulden abbauen und gleichzeitig in die Mannschaft und in Infrastruktur investieren. Das ist der Spagat, den wir leisten müssen.

Gibt es unverkäufliche Spieler?

Schumacher Das können wir oft nicht alleine entscheiden, Wolfsburg spielt zum Beispiel finanziell in einer anderen Liga. Yannick Gerhardt verdient dort vermutlich ein Vielfaches, selbst wenn wir deutlich nachlegen würden, hätten wir da keine Chance. Und Yannick hat in Wolfsburg die Chance, europäisch zu spielen. Das müssen wir akzeptieren, wir wollen niemanden zwingen, hier zu bleiben. Irgendwann kann es auch ein Angebot für Timo Horn geben, das wir akzeptieren müssen. Aber selbst dann haben wir tolle Talente hinter Timo. Torleute werden bei uns sehr intensiv gefördert (lacht).

Sie waren Europameister und zwei Mal im WM-Finale. Was ist schöner?

Schumacher Am Ende wollen wir Profis immer Titel holen. Auf der Rückseite der Autogrammkarte soll ja kein weißer Fleck sein.

Nach der verkorksten WM 1978 gab es unter Jupp Derwall 1980 den Aufbruch und den Titel bei der EM. Was war das Geheimnis des Erfolgs?

Schumacher Der Jupp war eine Vaterfigur, nicht streng, aber eine Autorität, obwohl er uns an der langen Leine ließ. Wir hatten eine gute Mischung. Die Förster-Brüder, Dietz, Cullmann, Allofs, Hrubesch. Es herrschte ein großartiger Teamgeist. Und es war damals alles viel kleiner als heute. Es gab nur zwei Vierergruppen bei der EM, die jeweils Ersten haben das Endspiel gespielt.

Zwei Jahre später rammten Sie im WM-Halbfinale beim Herauslaufen den französischen Spieler Battiston bewusstlos und schlugen ihm zwei Zähne aus. Danach sagten Sie, es gebe im Profifußball kein Mitgefühl. Das hat Sie Sympathien gekostet. Bereuen Sie das?

Schumacher Die Aktion selbst war nicht das Problem. Das war keine Absicht. Das kann passieren. Der Schiedsrichter hat Abstoß gepfiffen. Aber ich hätte mich direkt danach um Battiston kümmern müssen. Das bereue ich heute.

Ihr Rambo-Image haben sie ja gepflegt. 1986 ledern sie im Buch "Anpfiff" über Doping im Fußball und die Branche ab. Ein Fehler?

Schumacher Nein. Ich habe immer die Dinge beim Namen genannt. Und ich stehe auch heute zu jedem Wort, das ich damals geschrieben habe. Ich habe in dem Buch nur die Wahrheit gesagt. Das Buch wurde 1,6 Millionen Mal verkauft, Und dass es bis heute keine einstweilige Verfügung von irgendjemandem gibt, zeigt ja, dass ich das aufgeschrieben habe, was war.

Das Image des Nestbeschmutzers haftet Ihnen bis heute an.

Schumacher Ich erlebe das nicht. Ich rede Klartext, auch heute noch. Wenn ich etwas sage, dann stehe ich dazu. Ich bin kein Politiker, ich eiere nicht rum. So ist das. Wieso wird der bestraft, der darüber spricht und nicht der, der es macht? Das ist die entscheidende Frage.

Na dann. Reden wir über Tabus. Gibt es heute Doping im Fußball?

Schumacher Das weiß ich nicht. Dazu bin ich zu weit weg. Ich habe es noch nicht gesehen. Ich könnte nur spekulieren, und das möchte ich nicht. Aber wer dopt, wäre bei den heutigen Kontrollen ganz schön doof.

Gibt es homosexuelle Profis beim 1. FC Köln?

Schumacher Auch das weiß ich nicht. Aber ich wäre sicher einer gewesen, der sich geoutet hätte.

Nach der öffentlichen Kritik hat der 1. FC Köln Sie 1987 aus dem Verein geworfen. Erst vor vier Jahren hat man Sie wieder zurückgeholt. Ihr Rat war lange nicht gefragt. Wie sehr schmerzte das?

Schumacher Na klar schmerzte das. Ich hätte dem Verein in jeder Sekunde zur Seite gestanden, wenn man gefragt hätte. Ich liebe den FC. Es stimmt, nachdem ich wegen des Buches rausgeworfen wurde, hat sich 30 Jahre lang keiner mehr gemeldet.

Und dann kam 2012 Werner Spinner und brauchte einen Vize?

Schumacher Ja, so war das. Er rief mich an einem Sonntagabend um 22 Uhr an, und kam gleich danach vorbei. Wir haben eine Flasche Rotwein zusammen getrunken, uns ausgetauscht. Meine Frau sagte nach dem Gespräch zu mir. 'Du brauchst nichts sagen. Ich weiß, dass Du es machst.'

Es herrscht ungewöhnliche Ruhe im Verein. Wie hat das geklappt?

Schumacher Wir sind unterschiedliche Typen in der Vereinsführung, aber wir haben uns von Anfang an eines versprochen. Es zählt nur der Verein. Wenn wir Präsidiumssitzungen haben, steht in der Mitte des Konferenztisches ein Gips-Geißbock. Wir wissen, dass unsere eigenen Interessen und Eitelkeiten zurückstehen müssen. Die wichtigsten Personen im Klub sind die Spieler, die auf dem Rasen stehen.

Das Erfolgsrezept ...

Schumacher Halt, lass uns das nicht Erfolgsrezept nennen. Wir haben das zweite Jahr die Bundesliga gehalten. Punkt.

. . . ist also die neue Bescheidenheit.

Schumacher Ja, klar. Wir brauchen Zeit. Fünf Abstiege hinterlassen Spuren.

Fans singen "Deutscher Meister FC".

Schumacher Aber nur noch selten, und da ist viel Selbstironie dabei. Gerade die jüngeren Anhänger wissen, dass wir Zeit brauchen. Wir bauen schrittweise etwas auf. Mit jungen, charakterlich sauberen Spielern und einem starken Trainer.

Hätten Sie Lukas Podolski als Bundestrainer mitgenommen?

Schumacher Dazu kenne ich ihn zu wenig. Er kann aber nicht viel falsch gemacht haben, sonst würde ihn Jogi nicht mitnehmen.

MICHAEL BRÖCKER UND MARTIN BEILS FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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