1. Bundesliga 16/17
| 09.16 Uhr

Trainer des 1. FC Köln
Stöger: "Bis 2020 im Europapokal wäre cool"

Peter Stöger will mit dem 1. FC Köln ins internationale Geschäft
RP-Redakteur Patrick Scherer hat Peter Stöger am Geißbockheim interviewt. FOTO: RP
Köln. Seit drei Jahren ist Peter Stöger Trainer beim 1. FC Köln. Dem Aufstieg in die Bundesliga folgten Platz zwölf und neun. Skandalgeschichten rund um den Klub gibt es nicht mehr. Es ist Ruhe eingekehrt. Der 50-Jährige strahlt sie aus. Heute starten die Kölner gegen Darmstadt in die Saison. Von Patrick Scherer

Herr Stöger, wie schwer wird diese Spielzeit im Vergleich mit den beiden vorherigen?

Peter Stöger Es gibt keine einfache Bundesliga-Saison, weil die Liga so stark und ausgeglichen ist. Vielleicht wird es mal eine ruhigere Saison geben, wenn es ein paar Spiele am Stück gut läuft. Aber es kann jederzeit sein, dass es richtig eng wird. In dieser Liga ist alles möglich. Deshalb wird es beim 1. FC Köln in den nächsten Jahren keine einfache Saison geben.

Macht es das kölsche Anspruchsdenken schwieriger?

Stöger Das ist schon okay. Das Anspruchsdenken kann immer hoch sein. Normalerweise sollte es nicht schwieriger werden, weil wir gute Neue geholt haben und die Spieler jetzt ein Jahr mehr Bundesliga-Erfahrung mitbringen. Wir sollten ein bisschen routinierter auftreten können. Das garantiert uns trotzdem nicht, dass es eine einfache Saison wird. Aber wir sagen auch nicht, dass wir schlechtere Voraussetzungen haben. Wir haben uns entwickelt und das müssen wir abrufen. Egal, wie die Erwartungshaltung ist.

Wie haben Sie in den drei Jahren gelernt, mit diesem Anspruchsdenken in der Stadt zu leben?

Stöger Man gewöhnt sich daran.

Können Sie mit den Fragen nach dem Europapokal leben?

Stöger Ich verstehe die Fragen zu 100 Prozent und auch den Wunsch dahinter. Nicht nur bei Fans auch bei Journalisten. Ich versuche mittlerweile gar nicht mehr gegenzulenken, sondern bin entspannt. Ich versuche nur unsere Sichtweise zu erklären: Wenn alles wunderbar funktioniert, gibt es Ausreißer wie Mainz oder Augsburg, die international spielen können. Und dann versuche ich, in einem zweiten Satz einfließen zu lassen, dass es auch richtig gute Mannschaften gibt, die es zuletzt nicht geschafft haben, in der Liga zu bleiben. Wir haben unsere eigene Wahrnehmung und Zielsetzung.

Hat diese hohe Erwartungshaltung irgendeinen Einfluss auf die tägliche Arbeit?

Stöger Nein. Bei allen Angestellten im Verein ist die Erwartungshaltung an sich, seine Vorhaben jeden Tag umzusetzen. Wenn das Team seine Vorhaben nicht erfüllen kann, liegt das oft auch am Gegner, der vielleicht dasselbe Ziel hat. Das macht es etwas schwieriger, als wenn man alleine auf dem Platz stünde. Aber den Anspruch uns weiterzuentwickeln, haben wir ohnehin jeden Tag.

Wenn es nur nach Ergebnissen geht, was muss passieren, dass Sie von einer erfolgreichen Saison sprechen?

Stöger Es ist schwer, es ausschließlich auf Punkte und Platzierungen zu reduzieren. Mit 48 Punkten wird man vielleicht mal nur Achter. Ist das gut oder schlecht? Du kannst 15. werden – mal mit 27, vielleicht aber auch mal mit 39 Punkten. Wir versuchen es auch mit unserem Gefühl zu bewerten. Haben wir im zweiten Bundesligajahr besser gespielt als im ersten? Ich meine ja. Aber auch da lasse ich andere Meinungen gelten. Da kann ich natürlich dann sagen, wir haben aber drei Plätze besser abgeschnitten. Es waren aber eben nur drei Punkte mehr. Als Trainer will ich mir das nicht so einfach machen. Klar, 43 Punkte sichern mir bestimmt den Job, aber für mich zählt: Ich sehe Spieler A in unserer Mannschaft, der seine Flankenbälle immer besser bringt. Aha, das greift. Oder ein Defensivspieler gewinnt immer mehr Zweikämpfe. Aha, der Weg ist richtig. Ich kann damit aber nicht garantieren, dass wir 3:0 gewinnen.

Kommen Sie mit dieser Sachlichkeit gegen die Emotionalität der Fans an?

Stöger In weiten Teilen der Anhänger erkenne ich die gleiche Sicht wie bei uns: Zufriedenheit mit der Entwicklung, aber träumen von etwas Außergewöhnlichem. Bei uns ist es nicht verboten, von etwas Außergewöhnlichem zu träumen. Aber wenn sechs, sieben Teams Außergewöhnliches leisten, wirst du es nicht erreichen. Ich treffe mehr und mehr Leute hier in der Stadt, die zufrieden sind, wie wir arbeiten. Wir haben auch sieben in Köln geborene Spieler im Kader, was den Fans hier wichtig ist.

Worauf wird es in dieser Saison ankommen?

Stöger Für uns wird immer entscheidend sein, wie die Mannschaft funktioniert, wie der Teamspirit ist. Das war schon in den vergangenen Jahren unser großes Plus. Vor allem wenn es schwierigere Phasen gab, hat sich die Mannschaft nicht aus der Ruhe bringen lassen und ist noch enger zusammengerückt. Das wird bei aller Entwicklung und Verstärkung des Kaders am Ende den Ausschlag geben, wie erfolgreich wir sein werden.

Was kann man als Trainer dazu beitragen, diesen Teamspirit im Laufe einer Saison zu verbessern?

Stöger Je mehr Spieler zum Einsatz kommen, desto mehr Spieler sind zufrieden. Aber deswegen werden wir nicht permanent durchtauschen. Das Wichtigste ist die Gruppe selbst. Und die funktioniert sehr gut. Die Jungs verstehen sich einfach. Sie verbringen auch in größeren Gruppen mehr Zeit miteinander als es wahrscheinlich sonst in der Bundesliga üblich ist. Dass die Mannschaft intern stimmig ist, ist ein ganz entscheidender Faktor. Das Trainerteam kann nur allen Jungs das Gefühl geben, dass sie gleiche faire Chancen bekommen und so behandelt werden. Von Spieler 1 bis 23.

Heißt das, gar keine Versprechungen zu machen?

Stöger Wenn du etwas versprichst, muss es auch eintreten. Alles andere bedeutet Vertrauensverlust. Dann wird es schwierig. Vor allem im Falle eines Negativlaufs. Der Spieler soll merken: "Hey, der Trainer will mich weiterentwickeln und wenn ich richtig gut drauf bin, bekomme ich meine Chance und wenn nicht sagt er mir zwei, drei Dinge und dann mache ich den nächsten Schritt." Sei es der Sprung in den 18er-Kader fürs Spiel oder sogar in die erste Elf. Das alles muss vom Spieler nachvollziehbar sein.

Sie haben eben gesagt, dass die Gruppe hier im Gegensatz zu anderen Bundesligisten viel Zeit zusammen verbringt. Ist das Zufall oder kann man so etwas mit der Kaderplanung steuern?

Stöger Oberste Priorität hat die sportliche Qualität. Dann ist der wirtschaftliche Faktor immer ein Thema. Aber Jörg Schmadtke (Geschäftsführer; Anm. d. Red.) und ich treffen uns persönlich mit den Spielern und versuchen ihre Ideen und Gedanken aufzunehmen. Wir sagen, wie wir ticken, wie wir arbeiten. Damit das gleich mal geklärt ist. Der Rest entsteht in der Mannschaft. Und die macht es den Neuen nicht wirklich schwer. Der Kern der Spieler, mit denen wir schon in der zweiten Liga gespielt haben, sind charakterlich top Jungs. Die wissen natürlich, dass neue Spieler auch Konkurrenten sein können, aber in erster Linie werden sie so aufgenommen, dass sie Verstärkungen sind und die Mannschaft besser machen können.

Wer sind dabei die wichtigsten Akteure?

Stöger Ich will keine Namen nennen. Da gibt es viele Spieler, die einen wesentlichen Teil beitragen. Etwa mit ihrem Umgang in der Kabine oder auch beispielsweise bei der Organisation gemeinsamer Mittagessen. Unser Teambetreuer Max Vollmar kümmert sich auch sehr darum. Wir haben sehr kurze Kommunikationswege.

Gibt es also keine Gefahr, dass Spieler abheben könnten?

Stöger Wenn sich einer wichtiger nehmen würde als er möglicherweise ist, würde er sich in dieser Mannschaft nicht wohlfühlen.

Er würde also zur Räson gerufen?

Stöger Nein. Er würde gar nicht reinpassen. Jeder hat mal Phasen, in denen er mehr gehyped wird, weil er gut spielt. Das akzeptiert auch jeder. Aber wenn einer von der Grundeinstellung ab der Norm ist, überheblich wirkt, dann bin ich mir sicher, dass er schnell merken würde, dass er bei uns nicht reinpasst.

Der Wohlfühlfaktor ist also sehr hoch beim 1. FC Köln?

Stöger Das glaube ich schon. Manche verbinden Wohlfühlfaktor allerdings mit Bequemlichkeit. Und das ist überhaupt nicht der Fall. Ich glaube aber nicht, dass einer der Jungs über einen längeren Zeitraum mit Widerwillen zum Training gekommen ist. Es geht einfach um eine angenehme Arbeitsatmosphäre.

Klingt sehr bodenständig. Gefühlt haben junge Talente heutzutage aber schnell einen Hang zu Allüren. Wie passt das zusammen?

Stöger Die meisten sind so bodenständig, wie sie es aufgrund der Situation sein können. Je nachdem, wie sie von ihrem Umfeld, dem Nachwuchsbereich, den Eltern, dem Management, behandelt werden. Bei unseren Jungs, die in den Kader aufgerückt sind, haben wir Allüren noch nicht festgestellt. Es gibt ein, zwei einfache Ansagen, was nicht geht und was gerade noch toleriert wird. Wir wollen ja auch nicht jeden nach einer Schablone haben, jeder soll seine individuellen Qualitäten ausspielen und seinen Charakter ausleben dürfen. Man muss auch ein bisschen Verständnis haben, denn die jungen Talente werden in den Nachwuchsmannschaften schon gefeiert. Da muss man ihnen klar machen, dass es jetzt ein neuer Abschnitt ist. Es gibt Ruhige und Aufgeweckte. Ich sehe da kein Muster.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Stöger Nein, will ich nicht. Aber bei uns ist es vielleicht ein wenig anders, weil hier zum Beispiel nicht nur die jungen Spieler die Utensilien auf den Platz schleppen. Bei uns sind das von Woche zu Woche fünf andere Spieler – Ältere und Junge gemischt.

Welche Rolle spielt dabei das Geld?

Stöger Das ist keine Frage des Geldes. Man sagt zwar, Geld verdirbt den Charakter, aber das will ich so nicht unterschreiben. Ich kenne einige Menschen, die sehr viel Geld haben und sehr sozial in ihren Gedanken sind. Dann kenne ich Menschen, die haben relativ wenig Geld und die würde ich auf die andere Seite stellen. Es hat eher damit zu tun, wie jemand in einer Gruppe wahrgenommen wird, wie ihm Sachen gelehrt werden, was er davon annimmt und wie sein Umfeld mit ihm umgeht.

Wird es denn schwieriger, jungen Menschen Inhalte zu vermitteln?

Stöger Es wird nicht schwieriger, aber du bist total kontrollierbar. Jeder Schwachsinn, den du als Trainer von dir gibst, kann gegoogled werden. Und wenn da kein Funken Wahrheit dran ist, hast du ein Problem. Früher war es so: Was der Trainer sagt, wird schon stimmen. Diese Generation macht es also echt spannend.

Wie ist der richtige Weg?

Stöger In Österreich würde man sagen: "Du kannst net permanent stuss daherreden." Wenn du nur oberflächliche Dinge zum Besten gibst, wirst du irgendwann durchschaut. Diese Generation hinterfragt viel mehr im Fußball. Über Trainingslehre, Ernährung, Regeneration. Das war in meiner Generation nicht so.

Wie hoch bewerten Sie, dass Jonas Hector seinen Vertrag verlängert hat?

Stöger Das zeigt, dass er sich hier beim 1. FC Köln, mit diesen Spielern so wohl fühlt, dass er bleiben möchte. Das hat dann natürlich zur Aussage, dass alles was der Verein macht, für ihn nicht so uninteressant ist. So sind beide Seiten zufrieden. Das gibt es heutzutage viel zu selten.

Ich gehe davon aus, dass ein Nationalspieler wie Jonas Hector auch mal Europapokal spielen möchte. Wurden ihm diese Perspektiven hier aufgezeigt?

Stöger Jörg Schmadtke hat die Verhandlungen geführt, natürlich haben wir auch vorher miteinander gesprochen. Vielleicht sieht Jonas das Potenzial. In zwei, drei Jahren, wann auch immer. Hätte er die Champions League für seine Glückseligkeit gebraucht, hätte er sicher die Möglichkeit gehabt, es jetzt schon wahrzunehmen. Manchmal sind andere Faktoren wie Harmonie wichtiger. Für Jonas ist es wichtig, dass er ein entscheidender Bestandteil der Mannschaft ist.

Sehen Sie auch das Potenzial?

Stöger Die sportliche Entwicklung wird so ausgerichtet sein, dass sie nach oben geht. Ohne ein Ergebnis garantieren zu können. Der Verein ist gut aufgestellt, die Stadt ist toll. Das ist der Grund warum wir alle unsere Verträge verlängert haben. Die Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Alexander Wehrle haben langfristige Verträge. Anthony Modeste, Leonardo Bittencourt, Jonas Hector, zuvor auch schon Simon Zoller und Dominique Heintz haben verlängert. Mein Vertrag läuft bis 2020. Timo Horn ist zudem beim FC geblieben. Wir haben die Fantasie. Aber es gibt keine Garantie im Spitzensport, wann der Erfolg eingefahren werden kann – vielleicht auch nie.

Geht von diesen Verlängerungen eine Signalwirkung für Spieler außerhalb von Köln aus?

Stöger Wir haben damit gepunktet, dass wir verlässlich sind. Im vergangenen und in diesem Sommer haben wir richtig gute Bundesligaspieler bekommen. Viele dieser Spieler werden aufmerksam, weil der Standort super ist und weil durch die Liga getragen wird, dass es hier Spaß macht, Fußball zu spielen. Diese Mannschaft ist unser großes Faustpfand.

In der Mannschaft herrscht Harmonie. Arbeitet das Duo Schmadtke/Stöger auch so harmonisch, wie es wahrgenommen wird?

Stöger Das ist schon so, wie es wirkt. Wir schätzen uns, haben einen ähnlichen Blick auf Fußballspieler. Für mich ist wichtig, dass er mir permanent Unterstützung gibt. Für ihn ist es wahrscheinlich angenehm, dass ich niemand bin, der dauernd aufs Tempo drückt. Ich versuche nachzudenken, wie sinnvoll das eine oder andere in der Umsetzung ist. Wir sind beide nicht dafür bekannt, populistische Entscheidungen zu treffen, nur um im Umfeld für Ruhe zu sorgen. Es ist sehr stimmig.

Wie neidvoll schauen Sie denn nach Mönchengladbach, wenn die Borussia Champions League spielt?

Stöger Neid ist ein schlechter Begleiter. Sie arbeiten erfolgreich. Max Eberl macht das richtig gut. Sie haben kontinuierlich richtige Entscheidungen getroffen. Das passiert nicht so oft. Da muss man nicht neidisch sein, da muss man Hochachtung haben. Und die habe ich auch

Sie haben einen Vertrag bis 2020. Was muss bis dahin passieren, dass sie von einer erfolgreichen Zeit sprechen?

Stöger Natürlich haben wir darüber gesprochen, wie wir mit kleinen Schritten den internationalen Plätzen näher kommen können. Wir wollen nicht bis 2020 jedes Jahr Zehnter werden. Man muss aber schauen, was machbar ist. Wir alle dürfen träumen. Wenn es 2020 wäre und wir hätten uns für den Europapokal qualifiziert: Ja, cool! Dann könnte ich gehen, dann wäre ich zufrieden."

Dann würden Sie die Fans aber nicht gehen lassen.

Stöger Wahrscheinlich sagen sie dann: "Er hat's geschafft, jetzt kann der alte Sack nach Hause gehen."

Patrick Scherer führte das Gespräch.

Quelle: RP
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