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Chris Haake: Subkultur und Fussball rund um die Reeperbahn: Azzuro rockt St. Pauli

VON CHRISTOPH HAAKE - zuletzt aktualisiert: 04.10.2004 - 22:07

Düsseldorf (rpo). Es sollte endlich wieder soweit sein. Nachdem das letzte Aufeinandertreffen zwischen Fortuna Düsseldorf und dem FC St. Pauli fünf Jahre zurück lag durften die beiden Traditionsclubs wieder in einem Pflichtspiel gegeneinander antreten. Genauso wie die Fortuna hat auch der FC St. Pauli in den letzten Jahren eine Berg- und Talfahrt miterlebt. Abstieg aus der ersten Bundesliga, kurz vor dem Konkurs und eine Rettungsaktion die deutschlandweit ihres gleichen sucht. Genauso wie die Fanszene von St. Pauli.

Man mag von ihr halten was man will. Einmalig ist sie mit Sicherheit. Die Vorfreude auf das Spiel gegen den Kietzclub war in Düsseldorf schon seit Monaten riesig und trotz der sportlichen Misserfolge machten sich gut 3000 Fortunafans auf den Weg nach Hamburg. So auch wir Jungs von Azzuro. Hamburg als Großstadt lädt einfach zu einem Wochenendurlaub ein und so fuhren wir schon am Freitagnachmittag mit zwei Autos und neun Jungs nach Hamburg.

Um drei Uhr trafen wir uns am Südpark um von dort aus die Autobahnen in Richtung Hamburg unsicher zu machen. In Hamburg angekommen sind wir um halb zehn, also sechseinhalb Stunden Fahrt, dank den ganzen Staus und Baustellen auf der A 1. Die Hinfahrt war wie jede Auswärtsfahrt eigentlich sehr lustig. Während meine Mitfahrer dem Alkohol frönten durfte ich mich auf die Straße konzentrieren und die Staumeldungen analysieren. Besonders zügig kamen wir durch Marius Taktik („ich fahr nicht schneller als 120 km/h wegen dem Spritverbrauch“) am Ziel an.

Aber irgendwann ging es dann doch über die Elbbrücken und in das Herzen Hamburgs. In Hamburg angekommen trafen wir uns vor dem Jolly Rogers erstmal mit den Jungs von Enfants Terribles, eine Sektion der Ultrá St. Pauli die wir im April diesen Jahres auf dem Anti-Rassismus Turnier in Hamburg kennen gelernt haben und mit denen Azzuro seitdem ein sehr gutes Verhältnis pflegt.

Die Zeit drängte etwas, da man noch gemeinsam zu einem Ska Konzert auf die „Große Freiheit“ gehen wollte. Auf dem Weg dorthin noch schnell einen Imbiss aufgesucht und schon standen wir mitten auf dem Kiez. Man kam sich vor wie auf einer riesigen Kirmes. Überall bunte Lichter, Musik und Menschenmassen und dazwischen immer wieder die Frage von irgendwelchen dubiosen Gestalten: „Wollt ihr nicht reinkommen?“.

In dem Laden wo das Ska Konzert stattfand war schon gut was los. Die Lost Boyz Flingern fand man recht schnell, sowie auch andere subkulturell geprägte Leute aus der Landeshauptstadt. Und natürlich viele Hamburger Ska Fans. In dem Club herrschten leider Temperaturen auf die man in Südafrika stolz wäre und so ging es erstmal in den Biergarten, wo man ein paar Astra Pils zu sich nahm. Astra Pils ist eigentlich kein sonderlich hoher Biergenuss, aber alleine schon wegen seiner Herkunft ein absolutes Kultbier, dass zu jedem Pauli Besuch dazu gehört.

Nach dem Konzert zog es uns erst einmal auf die Reeperbahn, wo wir auf viele Düsseldorfer trafen. Viele davon feierten in ihren Kutten die Niederlage der DEG. Nach einiger Zeit stieß man auf die anderen Leute der Ultras Düsseldorf. Zusammen mit Tifosi feierten wir ein wenig in einer Schlagerdisko und gaben die ersten Gesangsproben zum Besten.

Anschließend ging es ins Jolly Rogers. Das Jolly Rogers ist wohl die geilste Kneipe in ganz Deutschland. Urgemütlich, Fankneipe des FC St. Pauli und viel Ska-, Oi!-, Punk- und Fussballmusik. Auf einem Sofa im hinteren Teil der Kneipe traf man auf die halbe Düsseldorfer Skinhead Szene und die Lost Boyz Flingern, die sich mal wieder dem Alkohol gewidmet hatten. Da die Fahrt nach Hamburg aber doch recht anstrengend war beschlossen wir gegen drei lieber zu unserem Quartier zu fahren und uns für den nächsten Tag zu erholen.

Untergebracht waren wir bei drei Jungs von Enfants Terribles, die wirklich alles dafür taten unseren Aufenthalt bei ihnen so angenehm wie möglich zu gestalten. Neben hervorragenden Nachtlagern gab es auch Astra im Überfluss und das Frühstück war absolute Extraklasse. Am nächsten Morgen standen wir um elf Uhr auf. Schnell gefrühstückt und dann ab in die S-Bahn nach Hamburg-Altona. Noch schnell mit Bier versorgt und dann zum St. Pauli Clubheim wo Fortuna und St. Pauli Fans gemeinsam feierten. Gegen halb zwei ging es dann ins Stadion.

Das Stadion am Millerntor gehört mit Sicherheit zu den schönsten Deutschlands, was man vom Gästeblock leider nicht behaupten kann. Die Sicht ist mehr als schlecht uns akustisch geht so ziemlich gar nichts, was nicht zuletzt auch an den vielen Leuten im Block lag die mit Fortuna sonst eigentlich so ziemlich gar nichts am Hut haben und außer „wir wollen euch kämpfen sehn“ und pfeifen in ihrem Liedergut nicht viel zu bieten haben. Als Intro gab es von UD ein Spruchband mit einer Überziehfahne. Zum Spiel ist nicht viel zu sagen, außer das eigentlich nur der FC St. Pauli auf dem Platz stand.

Also feierte man sich lieber mal wieder selbst und ließ sich die Laune vom Geschehen auf dem Platz nicht verderben. Nach dem Spiel ging es wieder einmal zum Jolly Rogers. Dort waren gut 200 Düsseldorfer und Paulianer gemeinsam am feiern und das Büdchen neben dem Jolly machte wahrscheinlich den Umsatz seines Lebens. Dann gingen wir zum Sportschau gucken in den Fanladen von St. Pauli. Außerdem feierte man mit Sangria den Abschied von einem Mitglied der Ultrá St. Pauli.

Um acht Uhr machte der Fanladen zu und wir gingen zur Abwechselung mal wieder ins Jolly Rogers. Zu diesem Zeitpunkt hatte uns die Hälfte der Jungs von Azzuro leider schon wieder Richtung Düsseldorf verlassen, da sie am Sonntag selber ein Fussballspiel hatten bzw. noch für Klausuren lernen mussten. Im Jolly Rogers feierten wir bis mitten in die Nacht bei Ska Musik, Tanz und Gesang. Der Rückweg nach Hamburg-Rissen verlief äußerst spaßig.

Der mittlerweile doch recht hohe Alkoholpegel verleitete uns dazu die S-Bahn kurzerhand in eine Partybahn zu verwandeln. Sieben singende und feiernde Jugendliche mitten in der Nacht in einer S-Bahn. Die anderen Bahngäste waren mit Sicherheit mehr als begeistert. Nach einer halben Stunde Bahnfahrt kamen wir in Rissen an wo wir einen nahe gelegenen Spielplatz noch kurz für ein paar Rutschpartien in Anspruch nahmen, bevor es wieder zum Timo nach Hause ging. Dort tranken wir noch ein paar Astra und schauten gemeinsam ein Video an, bevor es erneut zum Schlafen ging.

Am nächsten Tag trafen wir uns alle wieder am Jolly Rogers. Für die Jungs von USP hieß es auf nach Meppen zum Spiel der Amateure, für uns ab nach Düsseldorf. Die Rückfahrt war erneut von vielen Staus und Autobahnschleichern geprägt. Allerdings nutze man die Staus zum flirten mit den weiblichen Fahrern in den anderen Autos. Um 18 Uhr kamen wir völlig erschöpft aber auch nach einem unvergesslichen Wochenende wieder in Düsseldorf an.

Die Fahrt nach St. Pauli lohnt sich wirklich immer wieder. Nirgendwo kann man so toll feiern und wird so freundlich empfangen wir auf St. Pauli. Ein Dankeschön geht noch einmal an alle Fans des FC St. Pauli, insbesondere an die Jungs von Enfants Terribles und an alle mitgereisten Fortuna Fans. Sie alle haben dieses Wochenende wieder einmal unvergesslich gemacht. Das nächste Mal geht es dann wahrscheinlich an Pfingsten wieder nach St. Pauli zum Anti-Rassismus Turnier an dem neben Azzuro wieder Fanclubs aus ganz Europa zusammen ein tolles Wochenende feiern werden.

Chris Haake, Azzuro Düsseldorf


 
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