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Liga-Boykott gegen BV Altenessen
Kampf gegen das Prügel-Image

Altenessen quält sich für den Neuanfang
Altenessen quält sich für den Neuanfang FOTO: dpa, ve mg
Essen. Wegen seiner angeblich unfairen Spielweise wurde der BV Altenessen von einer ganzen Liga boykottiert. Dieser Schritt machte den Kreisligisten zum Meister. Nun will der Verein mit einem Neuanfang seinen ramponierten Ruf retten. Von Simon Janßen

Als der Aufstieg besiegelt war, hielt sich die Euphorie in Grenzen. Keine Glückwünsche, keine Meisterfeier, keine Vorfreude auf die kommende Saison - und das bei einer Bilanz von 20 Siegen in 22 Partien. Dieser beeindruckend klingende Lauf hat allerdings eine pechschwarze Schattenseite. Denn er ist den Fußballern des BV Altenessen 06 nur gelungen, weil sich alle anderen Teams rund zwei Monate lang weigerten, gegen sie anzutreten. Aus Furcht, so hieß es. Woche für Woche bekam Altenessen in der Kreisliga B Gruppe 1 Essen Nord-West deshalb automatisch drei Punkte gutgeschrieben.

Doch was war passiert? Nach Angaben von Thorsten Flügel, Vorsitzender des Fußballkreises Essen Nord/West hatten die anderen 14 Vereine den Altenessenern vorgeworfen, von ihnen auf und abseits des Feldes beleidigt, beschimpft oder bedroht worden zu sein. Im März dieses Jahres war ein BVA-Spieler zunächst lebenslang gesperrt worden, weil er in einem Kreisliga-Duell Ende Februar einen Schiedsrichter zu Boden geschubst hatte. Von der Spruchkammer des Essener Fußballkreises wurde die Strafe jedoch auf zweieinhalb Jahre reduziert, eineinhalb davon auf Bewährung. Auch die zweite Mannschaft geriet mehrfach in die Schlagzeilen. Einmal musste die Polizei einschreiten, als sich Fußballer und Zuschauer bei einer Kreisliga-C-Partie prügelten. Der BVA II wurde mittlerweile aufgelöst.

Das Rüpel-Image des Vereins aber blieb. Selbst Stefan Raab witzelte in seiner Show TV Total über den Kreisligisten. "Mit Essen spielt man nicht", kalauerte der Moderator. In Altenessen wurde darüber nicht gelacht. Vielmehr grübelte der sportliche Leiter Walter Minewitsch, wie er den ramponierten Ruf des Vereins retten kann. Er entschied sich für einen Neuanfang.

Mehr als 20 Spieler tauschte der Verein aus. Die meisten von ihnen schnüren ihre Fußballschuhe mittlerweile für andere Essener Vereine. Auch der Trainer musste seinen Platz räumen. Nun steht Otto Prell an der Seitenlinie des gebeutelten BVA. Ein 1,93 Meter großer Hüne, den sie nur "Schleifer" nennen. Ein Mann, der solange freundlich ist, bis man ihm krumm kommt. Das wissen auch seine Spieler. "Tja, warum tue ich mir das an?", fragt Prell, der sich eigentlich aus dem Fußballtrainergeschäft zurückgezogen hatte, bis ihn Ende Februar die Anfrage des BVA erreichte. Der 54-Jährige überlegte nicht lange und nahm die Herkulesaufgabe in Essen an, stellte jedoch die Bedingung, den Kader nach seinen Vorstellungen zusammenstellen zu dürfen. Seine Bedingung wurde akzeptiert. "Theater gibt es bei mir nicht", sagt er in einem Ton, der es einem schwer macht, ihm diese Worte nicht zu glauben.

Prell schüttelt den Kopf, wenn er die unliebsamen Spitznamen hört, die in den vergangenen Monaten durch die Medien geisterten. Von "Prügel-Klub" über "Brutalo-Kicker" bis hin zu "Rüpel-Verein" war alles mit dabei. Wenn Prell von "diesem Vorfall" spricht, dann meint er den Übergriff auf den Schiedsrichter im Februar. "Dieser Vorfall" sei mehrfach hochgekocht und übertrieben dargestellt worden. Schließlich habe der Spieler den angeblich ins Koma geprügelten Unparteiischen nach dem Spiel noch nach Hause gefahren.

Fawad Asimi bestätigt die Schilderung seines Trainers. "Wir Spieler haben uns teamübergreifend immer gut verstanden. Es gab nur diesen einen Vorfall. Den Boykott haben auch nicht die Spieler gestartet, sondern die jeweiligen Vorstände der Vereine", sagt der defensive Mittelfeldakteur. Asimi ist einer von lediglich drei Spielern, die Prell nach seinem Amtsantritt nicht aussortiert hat. Die vorgenommene Selektion habe laut Prell jedoch nichts mit Gewalteskalationen zu tun: "Diese Spieler waren mir einfach nicht zuverlässig genug, und das kann ich nicht gebrauchen."

Der Erfolg gibt Prell Recht: Seine Mannschaft weilt nach sieben Spielen überraschend auf Tabellenplatz drei. Dabei ist lediglich der Klassenerhalt das erklärte Ziel. "Ich habe gehört, dass uns manche schon zum erweiterten Favoritenkreis zählen. Wenn das so ist, dann freut uns das", sagt der erfahrene Fußballlehrer mit verschmitztem Grinsen. Da ist sie etwas verspätet also doch, die Freude.

Quelle: RP
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