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Hans-Günter Bruns
"Ich habe schon Spieler bei der Polizei abgeholt"

Hans-Günter Bruns: "Ich habe schon Spieler bei der Polizei abgeholt"
Hans-Günter Bruns, Spielerlegende und Fußballbesessener. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Als Libero stürmte Hans-Günter Bruns in die Jahrhundertelf von Borussia Mönchengladbach, als Trainer ist er eher im Amateurfußball unterwegs. Was will er auch nach vier Jahrzehnten noch in diesem Job? Von Sebastian Dalkowski

Hans-Günter Bruns hat schon Schlimmeres überstanden, zum Beispiel einen Herzinfarkt. Im April 2017 teilte der Oberhausener Landesligist Arminia Klosterhardt seinem Trainer mit, dass er von seinen Aufgaben entbunden ist. Deshalb erlebt der frühere Profi von Borussia Mönchengladbach gerade etwas, das er kaum kennt: fußballfreie Zeit. Doch über Fußball reden geht immer.

War's das mit dem Trainerdasein, Herr Bruns?

Hans-Günter Bruns Nein, in der Form möchte ich nicht aufhören. Ich fühle mich auch total fit. Ein paar Jahre will ich schon noch weitermachen.

Es ist nicht Ihre erste Entlassung. Trifft Sie das noch?

Bruns Was mich daran stört, ist der pure Aktionismus. In Deutschland herrscht ja die Meinung vor, dass solche Entlassungen etwas bringen. Aber die Statistiken sagen etwas ganz anderes. Der Trainer ist eben das schwächste Glied. Aber ich bin aus dem Alter raus, in dem mich das großartig belastet. Es ist nur schade für meine Mannschaft, die war wirklich nicht schlecht. Das waren nette Jungs.

Wirklich wahr, dass Sie mit 23 Ihren ersten Trainerjob übernommen haben?

Bruns Das stimmt. Damals war ich gerade zu Wattenscheid gewechselt und habe Pasqualino Dente kennengelernt, der zu einem sehr guten Freund wurde. Sein erster Sohn war mein Patenkind. Pasqualino spielte beim FC Sardegna Oberhausen in der Kreisliga B und fragte mich eines Tages, ob ich denen nicht einmal in der Woche was zeigen könnte. Daraus wurde gleich zweimal in der Woche. So bin ich in die Sache hineingeraten.

Sie hatten doch gar keine Erfahrung als Trainer.

Bruns Ich hatte mal eine E-Jugend in Mülheim trainiert.

Sie waren damals bereits Profi. Wozu haben Sie sich noch den Trainerjob angetan?

Bruns Das war für mich nichts Besonderes. Außerdem hat ein Profifußballer eine Menge Zeit, selbst an den Tagen, an denen zweimal trainiert wird.

Wollten Sie Bundesligatrainer werden?

Bruns Weniger. Mein Ziel war es, mit meiner Philosophie von Fußball mal nach oben zu kommen. Das habe ich mit Rot-Weiß Oberhausen geschafft.

Ihr größter Erfolg.

Bruns Würde ich nicht mal sagen. Wenn es darum geht, mit welchem Material ich was erreicht habe, war Sardegna Oberhausen eindeutig höher einzuschätzen. Als ich die Mannschaft in den 90ern erneut übernahm, waren die in der Bezirksliga achter oder neunter geworden. In der Sommerpause hat sich die Mannschaft nur auf zwei, drei Positionen verändert – und wir sind in die Landesliga aufgestiegen. Dann sind wieder zwei, drei Spieler dazugekommen – und wir sind in die Verbandsliga aufgestiegen. Die haben wir sogar noch ein Jahr gehalten.

Was haben Sie in diesem Team bewirkt?

Bruns Ich habe den Spielern zu verstehen gegeben, dass sie Fehler machen können, aber von ihnen erwarte, dass sie alles, und damit meine ich alles, in einem Spiel geben. Wenn eine Mannschaft bereit ist, alles zu geben, um ein Spiel zu gewinnen, dann ist alles andere zweitrangig.

Sind Sie Kumpel oder Autorität?

Bruns Sowohl als auch. Ich kann mit den Jungs einen trinken gehen, aber genauso kann ich jemanden, mit dem ich am Tag vorher noch Arm in Arm im Klubhaus gesungen habe, zusammenfalten, wenn der irgendwas macht, mit dem ich nicht einverstanden bin.

War bei den Amateuren früher alles besser?

Bruns Eindeutig ja. Heute kommt kein Jugendlicher mehr darauf, sich außerhalb vom Training mit Fußball zu beschäftigen. Es sei denn, Bayern, Dortmund oder Schalke spielen. Wenn bei uns früher die Erste gespielt hat, waren von hundert Jugendspielern siebzig da. Heute stehen da vielleicht noch sieben, weil die das gar nicht interessiert. Die wollen alle Fußballprofi werden, haben aber nicht den Hauch einer Ahnung, was man dafür machen muss. Die glauben: Ich spiele ein bisschen Fußball und dann schaue ich mal, ob mich jemand sichtet.

Wie haben sich denn die erwachsenen Spieler verändert?

Bruns Völlig. Früher ging es nach dem Spiel ins Klubhaus und dann holla, die Waldfee. Das hast du heute nicht mehr. 80 Prozent der Spieler sind nach dem Spiel weg. Da spielen auch die Frauen eine ganz große Rolle.

Was haben die damit zu tun?

Bruns Heute entscheidet doch häufig die Freundin oder die Frau, was die machen oder nicht machen. Viel Zeit für Fußball ist da nicht vorgesehen. Ich habe viele Spieler erlebt, die an der Freundin fußballerisch gescheitert sind. Das waren talentierte Spieler, die aber auch eine Menge Zeit mit ihrer Freundin verbringen wollten. Wenn man wirklich was erreichen will, braucht man eine Frau, die das mitträgt, oder man muss sich eine andere Freundin suchen.

Oder keine.

Bruns Wir wollen mal nicht direkt übertreiben.

Wurde früher mehr getrunken?

Bruns Das auf jeden Fall.

Also nach jedem Spiel ein Kasten?

Bruns Den Kasten gibt es heute auch noch, nur sieht der völlig anders aus. Früher bestand der aus Pils, Alt und zwei, drei Cola, heute ist es eine bunte Platte. Sprite, Fanta, Cola, Cola Light – und Alt für Trainer, Co-Trainer und Betreuer.

Ein Trainer sollte froh sein, wenn die Spieler weniger trinken.

Bruns Aber ich vermisse die Geselligkeit. Ich bin ein sehr geselliger Typ. Da wächst auch eine Menge untereinander. Zwei sehr sehr gute Freunde sind frühere Spieler von mir. Wir treffen uns alle fünf, sechs Wochen in unserer Uralt-Kneipe und machen nichts anderes, als zu darten und uns wegzuschießen.

Waren Sie immer vollkommen nüchtern auf dem Platz?

Bruns Im Grunde genommen ja.

Im Grunde genommen?

Bruns Nicht bei Freundschaftsspielen.

Wie haben Sie Rot-Weiß Oberhausen von der vierten in die zweite Liga geführt?

Bruns Jedenfalls war es kein Zufall. Das größte Plus: Bis auf zwei, drei Spieler war nichts mehr da. Ich habe nach und nach den Kader aufgefüllt, Spieler geholt, die kaum jemandem was gesagt haben.

Wo hatten Sie die her?

Bruns Das ist der große Vorteil, wenn man sich ständig auf dem Fußballplatz bewegt. Ich hatte ein Buch mit hundert Spielern für alle möglichen Ligen. Ein Mike Terranova spielte damals in der Zweiten vom Wuppertaler SV, ein Dimi Pappas in der Zweiten von Rot-Weiss Essen in der Landesliga, aber ich habe den schon in Hagen gesehen. Ich wusste, dass die besser sind als die Liga, in der sie spielen. Innerhalb der Mannschaft war eine ganz besondere Atmosphäre, aber das Umfeld war schwierig. Die Ansprüche waren schon nach kurzer Zeit viel zu hoch für das, was die Mannschaft leisten konnte. Da reichte es nicht, in der Oberliga vorne dabei zu sein, da sollte auch gut gespielt werden.

Später hat der Verein Sie rausgeworfen.

Bruns Da fing die Spinnerei an, jeder wusste alles besser. Sobald beim Umfeld die Ansprüche übertrieben steigen, ist der Punkt gekommen, wo du weißt: Jetzt geht es abwärts. Du brauchst Typen, die klar in der Birne sind.

Nach den Stationen in Wuppertal und Velbert wollten Sie eigentlich aufhören. Und haben dann doch bei Arminia Klosterhardt angeheuert.

Bruns Ich wollte nur nicht mehr in einer höheren Liga trainieren. Davon war ich geheilt. Es ist immer schlimmer geworden, was die Gremien angeht. Die waren ja früher schon schlimm, aber heute? Unfassbar.

Die lassen einen Trainer nicht in Ruhe arbeiten?

Bruns Nein. Wenn ich mir die Trainerentlassungen in den höheren Ligen ansehe, scheinen Leute die Entscheidungen zu treffen, die wirklich gar keine Ahnung haben. Aufsichtsräte sind das schlimmste, was es im Fußball gibt. Die haben in ihrem normalen Leben was erreicht und meinen deshalb mitreden zu können. Oberhausen hat es den Gremien zu verdanken, dass der Verein von der zweiten wieder in die vierte Liga abgestiegen ist.

Was haben die Amateure den Profiligen sonst voraus?

Bruns Dort wird zielgerichtet Fußball gespielt, während die meisten Bundesligavereine auf Ballbesitz aus sind. Die wenigsten wissen, dass man über Ballbesitz auch Tore machen kann. Mittlerweile gucke ich mir keine Bundesligaspiele mehr an, nur Mönchengladbach, aber das hat mit Emotionen zu tun. Dieser Fußball ist mir zu langweilig. Das ist in den unteren Klassen nicht so. Weil sie den Ball nicht halten können, müssen sie Richtung Tor spielen. Da kann die Bundesliga lernen. Wird sie aber nicht. Sie denkt ja, dass dieser Fußball attraktiv ist. Wenn die Zuschauer Fußball sehen wollen, müssten sie eigentlich zu den Amateuren gehen. Aber die wollen keinen Fußball sehen, die wollen an einem Event teilnehmen. Aber ich schaue mir doch Fußballspiele an, um Tore zu sehen, nicht um mir Mannschaften anzugucken, die eine Dreiviertelstunde am Stück Ballbesitz haben und nichts passiert.

Die Bundesligavereine wollen eben zuerst mal kein Gegentor kassieren.

Bruns Entweder man will Fußball spielen oder Fußball verhindern. Ohne die Einzelleistungen wäre die Bundesliga unspektakulär. Das sind top ausgebildete Jungs, viel athletischer als wir früher, aber die nutzen maximal 60 bis 70 Prozent, weil sie ganz bestimmte Aufgaben zu erledigen haben.

Wie unterscheidet sich Ihr Job als Amateurtrainer von dem eines Profitrainers?

Bruns Es gibt doch gar keinen Unterschied. Ich sage ja, wer lesen kann, kann auch Trainer sein. Und dann muss der Trainer seine Philosophie einbringen.

Sie könnten also auch eine Bundesligamannschaft trainieren?

Bruns Warum nicht?

Müssen Sie auch mal einen Spieler aus dem Bett klingeln, weil der sonntags nicht rechtzeitig auftaucht?

Bruns Das nicht, aber ich habe schon mal Spieler morgens bei der Polizei abgeholt, weil sie in eine Saalschlägerei verwickelt waren. Das ist eben der Amateurbereich.

Welche Spielertypen begeistern Sie?

Bruns Ich weiß noch ganz genau, wie Jupp Heynckes zu mir gekommen ist. Damals war ich Mannschaftskapitän, und er sagte: Da kommt morgen jemand zum Probetraining. Guck dir den mal an und sag mir deine Meinung. Das habe ich getan. Der Kerl konnte mit links und mit rechts ein Pferd umschießen. Ich habe nie jemanden gesehen, der so beidfüßig war wie der. Der wusste selbst nicht, was sein starker Fuß ist. Ansonsten war der nur willig. Danach fragte Jupp, was ich von ihm hielt. Ich sagte: Der hat totalen Biss, fußballerisch ist der natürlich sehr limitiert. Jupp stimmte zu und sagte: Aber irgendwas hat der. Tja, Uli Borowka ist dann Nationalspieler geworden. Nur mit seinem Willen. Jupp hat ihn nach dem Training gegen die Mauer hinterm Stadion schießen lassen. Zehn Minuten nur mit dem rechten Fuß, Innenseite. Zehn Minuten nur mit dem linken Fuß, Innenseite. Zehn Minuten rechter Fuß, Außenseite. Und so weiter.

Was lassen Sie Ihren Spielern durchgehen?

Bruns Mir ist es egal, ob ein Spieler in der Disco war, solange er vernünftig spielt. Das habe ich nie verstanden, warum da so ein Heckmeck gemacht wird, weil mal jemand in der Diskothek war. Nach Spielen sind wir in Gladbach auch immer feiern gegangen. Das ist ja heute völlig abhandengekommen. Da muss nur ein Spieler vor der Disco stehen, und schon werden schon 26 Handyfotos gemacht und an die Presse geschickt.

Was können Sie Ihren Spielern vermitteln?

Bruns Eine riesige Erfahrung. Ich habe alle möglichen Ligen trainiert, ich habe im Fußball alles erlebt. Wobei es trotzdem immer noch Momente gibt, in denen ich sage: Das habe ich ja überhaupt noch nicht erlebt.

Zum Beispiel, seine Spieler bei der Polizei abzuholen.

Bruns Ja gut, die sind da reingeschlittert, haben dementsprechend agiert, zu gut agiert.

Das heißt, die haben die Schlägerei gewonnen?

Bruns Genau so war es. Dann bin ich eben mit jemandem vom Vorstand hingefahren, um die abzuholen. Ich habe nur gefragt: Habt Ihr wenigstens ein bisschen geschlafen? Ja, haben sie gesagt. Vier Stunden später war Anpfiff, sie haben gespielt. Und sie haben gut gespielt.

Im vergangenen September haben Sie einen Herzinfarkt erlitten. Hat der Arzt da gesagt: "Herr Bruns, bitte mal ein bisschen weniger trinken und trainieren"?

Bruns Moment mal. Eines möchte ich festhalten: Ich hänge nicht an der Flasche. Bei Feierlichkeiten trinke ich gerne mein Alt. Ansonsten nein. Der Arzt meinte, ich hätte noch mal Glück gehabt. Anfang Februar war ich bei der ersten Kontrolle, und er war sehr zufrieden. Die Pumpleistung ist sehr gut. Ich muss mich wenig einschränken. Seit Dezember mache ich wieder selbst Sport. Ergometer, ein paar Geräte. Man sieht es vielleicht nicht, aber ich habe 15 Kilo abgenommen. Meine Ernährung habe ich auch umgestellt.

Ich hatte mir die Frage notiert, ob Sie den Bauch noch mal loswerden wollen. Offenbar ist das schon gelungen.

Bruns Ich wollte unter 100 Kilo. Das habe ich erreicht.

Und nach wenigen Wochen haben Sie schon wieder das Training geleitet. War das nicht ein bisschen früh?

Bruns Wieso? Es war ja alles erledigt. Bei mir kam leider noch dazu, dass mein Vater gestorben ist, als ich im Krankenhaus lag. Einen Tag nach der Beerdigung bin ich in die Reha gegangen. Dann hatte ich mal Zeit, die Dinge zu verarbeiten.

Nun müssen Sie zumindest eine Weile ohne einen Trainerjob auskommen. Würden Sie sich auch noch mal Kreisliga antun?

Bruns Fußball ist für mich Fußball. In erster Linie muss da eine Mannschaft sein, die auch etwas erreichen möchte. Ich will nur nicht mehr Regionalliga oder höher trainieren, aber ansonsten ist mir die Liga egal. Aber ich bin auch nicht darauf angewiesen, Trainer machen zu müssen. Ich bewerbe mich auch nirgendwo. Wenn einer meint, dass ich ein ordentlicher Trainer wäre, kann er sich gerne melden.

 
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