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Schiedsrichter-Buch
Liebeserklärung an den Dorffußball

Schiedsrichter macht Dorffußball eine Liebeserklärung
Dies ist keine Pfeife. Und auch nicht die Abbildung einer Pfeife. FOTO: Phil Ninh
Düsseldorf. Christoph Schröder ist Literaturkritiker. Seit 27 Jahren leitet er als Schiri Amateurfußballspiele. In seinem Buch "Ich pfeife" schildert er seine Erfahrungen. Von Tobias Jochheim

Auf Seite 17 ist man noch irgendwie neidisch. Da liest man, dass jeder Amateurschiedsrichter einen Ausweis hat, der ihn als Angehörigen derselben Klasse ausweist wie Pierluigi Collina oder Howard Webb, der 2010 die Finalspiele von Champions League und WM pfiff. Und mit diesem Ausweis darf jeder Schiedsrichter alle Liga-, DFB-Pokal- und Länderspiele in Deutschland besuchen. Gratis.

Während der folgenden 200 Seiten schlägt dieser Neid um in Fassungslosigkeit. Der Leser fragt sich nicht mehr, weshalb Schiedsrichter umsonst ins Stadion dürfen. Er fragt sich vielmehr, warum man es sich antut, überhaupt Schiri zu werden. Das vorherrschende Gefühl ist eine Mischung aus Mitleid und sehr, sehr viel Respekt.

"Ich pfeife!" - oder auch "Ich Pfeife!", durch die Großbuchstaben des Titels wird das netterweise nicht aufgelöst -, ist ein gelungenes Buch. Eine Erklärung des Dorffußballs im Allgemeinen und des Schiedsrichterwesens im Besonderen, geschrieben mit Liebe.

Eine Liebes-Erklärung.

FOTO: Marijan Murat

Christoph Schröder hat sie geschrieben. Der feine Beobachter und unangestrengte Erzähler erfasst in Form trocken formulierter Anekdoten mit vielen Schnäpsen und Schnurrbartträgern das Geschehen auf den Äckern der hessischen Provinz, das dem im Allgäu, an der Nordseeküste und am Niederrhein gleicht. Er ist unheimlich nah dran, genauso nah wie die Zuschauer an ihm, die nicht nur singen "Schiri, wir wissen wo dein Auto steht", sondern auch gern mal hinterherschicken: "Das ist der silberne Fiat, F-C-1258, der da oben am Berg in der Nebenstraße steht!"

Warum aber fast 75.000 Menschen teils mehrmals pro Woche kreuz und quer über staubige oder matschige, betonharte oder rutschige Fußballplätze rennen, das zu erklären, gelingt ihm nicht. Denn so viele sind es, die den mehr als 150.000 Mannschaften im größten nationalen Sportfachverband der Welt erst ermöglichen, ihrem Spiel nachzugehen.

Die Schiedsrichter und ihre Assistenten sind unabdingbar, fast ebenso wichtig wie der Ball und wichtiger als alles andere, Bier inklusive.

FOTO: Tropen/Klett-Cotta

Jede einzelne der 1,8 Millionen Amateur-Partien pro Jahr muss zwangsläufig von jemandem geleitet werden - für teils nur 20 Euro pro Spiel plus Benzingeld. Beschimpfungen, manchmal auch Drohungen und im Extremfall Schläge gibt's frei Haus dazu. Dass sie auch lange nach Abpfiff und von vernünftigen Zeitgenossen als "schrullige Menschen, Exzentriker, Wichtigtuer sogar" gesehen werden, dessen sind sie sich dabei wohl bewusst. Fast tragisch ist es da, dass ihre Macht eine sehr begrenzte ist. Nicht von einem einzigen verschobenen Amateurspiel in Hessen habe er je gehört, schreibt Schröder, geschweige denn, dass man ihn selbst zu bestechen versucht hätte.

Auch aus Sadismus kann man nicht Schiedsrichter sein, höchstens aus Masochismus. Das Hauptmotiv ist offenbar, wie so oft bei rational nicht Fassbarem, Liebe. In diesem Fall zum Sport.

Christoph Schröder selbst hatte schon als Sechsjähriger im Tor des SV Nauheim 07 gestanden, irgendwo im hessischen Nirgendwo. Acht Jahre später entfernte er sich noch weiter von den "normalen" Menschen auf einem Fußballplatz - indem er sich zum Schiedsrichter ausbilden ließ. Das dauerte nur fünf Novemberabende lang und geschah in einem Kneipenhinterzimmer.

Dabei blieb er, weil er es kann. Und weil er um die Wichtigkeit des Amateurfußballs weiß und um die des Regelhüters darin. Wie gesagt, wirklich einleuchtend ist diese Antwort auf die Frage nach dem Warum nicht, ebenso wenig wie jene im Interview mit dem hr2-"Kulturcafé", wo er von der Menschenkenntnis schwärmt, die man als Schiedsrichter erwerbe. Eine Schule fürs Leben also.

Dass Schröders eigentliche Motivation nicht so schnell nachvollziehbar ist, macht nichts. Viel wichtiger ist ohnehin, dass den Schiedsrichtern mehr Respekt entgegengebracht wird. Dafür könnte dieses Buch sorgen, das melancholisch und lehrreich zugleich geraten ist.

Quelle: RP
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