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Ex-Kapitän von Boateng, Özil und Höwedes
Beinahe Star und zurück

Sergej Evljuskin - beinahe Star und zurück
2015 durfte Evljuskin (links) Bundesligaluft schnuppern. Mit Hessen Kassel spielte er in der 1. Runde des DfB-Pokals gegen Hannover 96. Sein Team unterlag 0:2. FOTO: Eick Rösch
Düsseldorf. Vor zehn Jahren war Sergej Evljuskin das größte Mittelfeldtalent Deutschlands. Heute spielt er in der vierten Liga. Von einem, der glücklich wurde, obwohl er sein Ziel verpasste. Von Sebastian Dalkowski

Einer fehlt, als Philipp Lahm den WM-Pokal in den Himmel stößt. Der Mann, der auch mal Kapitän der Nationalmannschaft war, sitzt am 13. Juli 2014 in einer Cocktailbar in Kassel und verfolgt das Finale vor dem Fernseher. Wäre das Leben von Sergej Evljuskin nur an ein paar Stellen anders gelaufen, dann stünde er auch auf dem Rasen in Rio. Vielleicht wäre er derjenige gewesen, dem die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff den Pokal überreicht hätte. Doch Evljuskins Realität heißt vierte Liga. Das Spiel schaut er mit Mannschaftskollegen von Hessen Kassel.

Es ist nicht so, dass im Fußball keine Geschichten vom Scheitern erzählt werden. Nur selten so eine, wie Evljuskin sie zusammen mit dem Journalisten Christof Dörr in dem Buch "Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister" aufgeschrieben hat. Weil sich Menschen nur fürs Scheitern interessieren, wenn Stars scheitern. Evljuskin allerdings war nie ein Star, doch vor zehn Jahren war er das größte Mittelfeldtalent des deutschen Fußballs. Kapitän diverser Jugendnationalmannschaften. Kapitän von Özil, Boateng und Höwedes, die wie er Jahrgang 1988 sind, aber im Gegensatz zu ihm im Finale 2014 spielten. Der erste, der die Fritz-Walter-Medaille als bester Jugendspieler zweimal in Folge gewann. Doch für die Nationalmannschaft der Herren hat er nie gespielt, auch nie in der ersten oder zweiten Liga. Was lief da plötzlich schief? Und wie hat er es geschafft, heute zu sagen: "Die Leute sind ja nicht glücklicher, wenn sie Bundesliga spielen"?

Mit sechs wird er entdeckt

Als Kind ist Evljuskin einer von Millionen von Jungs, die es zum Bundesligaprofi bringen wollen. Seine Eltern wandern mit ihm aus Kirgisistan nach Deutschland aus, da ist er zwei. Die Menschen jubeln, Deutschland ist gerade in Italien Weltmeister geworden. Die Evljuskins ziehen nach Braunschweig. Neben der Wohnung liegt ein Park, Sergej ist bald nur noch dort. Fußball spielen. Ein Trainer vom Braunschweiger SC sieht den Sechsjährigen kicken und lädt ihn zum Training ein. Sergej möchte am liebsten ins Tor, aber die Position ist schon besetzt. So beginnt er als Stürmer, landet schließlich im zentralen defensiven Mittelfeld. Er ist besser als alle anderen. Viel besser. Schneller, laufstärker, schussstärker, flexibler. Er trainiert, trainiert, trainiert. Kommt in die Kreisauswahl, die Bezirksauswahl, die Niedersachsenauswahl. Nichts hält ihn auf. 2003 wechselt Evljuskin in die B-Jugend des VfL Wolfsburg. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn er sich für Werder Bremen entschieden hätte, fürs Fußball-Internat. Doch so kann er weiter zuhause wohnen, in Braunschweig sein Abi machen, seine Freunde sehen.

Zum ersten Mal verdient er mit dem Fußballspielen Geld, 150 Euro im Monat. Obwohl die Konkurrenz in Wolfsburg größer ist, spielt sich Sergej zunächst weiter nach oben. Überall ist er der jüngste. In der A-Jugend, im Fördertraining für die erste Mannschaft, im Amateurteam. Er wird Jugendnationalspieler. Er wird Kapitän. Im Verein und in der Nationalmannschaft. Weil Franz Beckenbauer das auch war, verpasst ihm der Trainer in Wolfsburg den Spitznamen "Kaiser". 2006 unterschreibt er mit 18 seinen ersten Profi-Vertrag beim VfL Wolfsburg. Jahresgehalt: knapp 50.000 Euro. Laufzeit: vier Jahre. Vier Jahre, die alle Pläne über den Haufen werfen.

Wer ergründen möchte, warum Evljuskins Aufstieg abrupt endet, kommt nicht ohne Spekulationen aus. Vielleicht beginnt es damit, dass er Abitur machen will. Er hat noch ein Jahr. Das aber heißt, er kann nur nachmittags am Training der Profis teilnehmen. So hat er unter Trainer Klaus Augenthaler keine Chance. Doch Sergej findet, er ist jung, er hat noch Zeit. Und Abi ist immerhin Abi. Er schafft es mit 2,8, hat aber keinen Einsatz bei den Profis. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Denkt er.

Plötzlich steht er nicht mehr in der Startelf

Dass etwas schief läuft, merkt er 2007 bei der U19-EM. Die Deutschen treten mit Özil, Höwedes und Boateng an. Und Evljuskin als Kapitän. Doch der sitzt plötzlich nur auf der Bank. Bei einem Testspiel hatte er verletzt gefehlt, eine schlechte Leistung im ersten Qualifikationsspiel abgeliefert. Vielleicht ist das einer dieser entscheidenden Momente, als er am 14. Mai 2007 im Spiel gegen Ungarn in der 73. Minute ausgewechselt wird. Er wird nie mehr in der Startelf einer Nationalmannschaft stehen. Dort stand er sonst fast immer. Es ist für ihn ein Schock, als Trainer Frank Engel ihm vor dem ersten EM-Spiel in Österreich sagt, dass der Kapitän nur Ersatz ist. Evljuskin ist nicht einverstanden, hält aber still, weil er so einer nicht ist. Keiner, der laut auf sich aufmerksam macht. Vielleicht ein Mangel. Im Buch sagt Engel: "Man muss an den entscheidenden Übergangsstellen seine absolute Topleistung erbringen. Und das war bei Sergej als U19-Spieler nicht mehr der Fall." Er spielt bei der EM ganze acht Minuten. Er wird zwei Spiele für die U20 bestreiten. Zur U21 wird er nie eingeladen.

In Wolfsburg unterschrieb Sergej Evljuskin seinen ersten Profi-Vertrag – ein Bundesligaspiel hat er nie bestritten. FOTO: VfL Wolfsburg

Hätte er besser spielen können oder war er einfach nicht besser? Andere wie Özil und Boateng hatten immerhin das Glück, im Verein schon Bundesliga zu spielen. Sie waren, wie Sergej heute sagt, "einfach schon eine Idee weiter". Plötzlich ziehen Spieler an ihm vorbei, denen er früher überlegen war. Sein Jugendtrainer aus Wolfsburg, Peter Hyballa, sagt, ihm habe das Überdurchschnittliche gefehlt. Oder anders: Sergej konnte alles gut, aber nichts überragend. "Mir fehlte die eine Waffe", sagt er. Ein besonders harter Schuss. Besonders schnelle Beine. Besonders tödliche Pässe.

Doch das ist nicht alles. Es hätte Menschen gebraucht, die an ihn glauben, die ihn einfach mal in einem Bundesligaspiel auf den Platz schicken. In Wolfsburg gibt es diese Menschen nicht. Niedergeschlagen kehrt er von der EM zurück. Die Vorbereitung hat bereits begonnen. Der neue Trainer heißt Felix Magath. Und Magath setzt nicht auf die Jugend, sondern auf teure Zugänge. Evljuskin wird nie mehr mit den Profis trainieren. "Wolfsburg war damals nicht der richtige Verein für junge Talente", sagt er. Er geht direkt in die zweite Mannschaft.

Dann kommt auch noch Pech dazu

Es sind nicht nur seine Fähigkeiten, die ihre Grenzen erreichen, es ist nicht nur ein Mangel an den richtigen Menschen zur richtigen Zeit, es kommt auch noch Pech dazu. Als sein Vertrag 2010 ausläuft, möchte er zu Rot-Weiß Essen wechseln. Die spielen zwar in der vierten Liga, aber sein Jugendtrainer aus Wolfsburger Zeiten wird dort Trainer und will ihn unbedingt haben. Evljuskin freut sich auf den Neuanfang. Vor dem Wechsel fährt er mit dem VfL Wolfsburg noch zum Saisonabschluss nach Mallorca. Dort trifft er einen Spieler von Schwarz-Weiß Essen am Strand. Der berichtet: Rot-Weiß hat Lizenzprobleme. Kurze Zeit später steht fest: Probleme ist gut, Rot-Weiß bekommt keine Lizenz für die vierte Liga. Das war's mit dem Wechsel.

Noch haben größere Vereine Evljuskin auf dem Zettel. Hansa Rostock verpflichtet ihn. Evljuskin zieht zum ersten Mal in eine eigene Wohnung. Rostock spielt damals dritte Liga, will aber aufsteigen. Das gelingt gleich in Evljuskins erster Saison. Bloß meist ohne ihn in der Startelf. Das Team findet sich schnell, der Trainer hat keinen Grund, Sergej eine Chance zu geben. Wieder einer dieser Momente, wo es gegen ihn läuft. Auch wenn er sich im Training immer voll reinhängt. Immerhin hat er seine ersten Einsätze als Profi. Nach dem Aufstieg will er unbedingt bleiben, doch der Verein legt ihm einen Wechsel nahe. Als Evljuskin nicht darauf eingeht, legt er ihm den Wechsel noch näher. Schließlich lässt er sich nach Babelsberg ausleihen. Wieder dritte Liga. Dort gehört er zu den Leistungsträgern.

Er bleibt in Babelsberg, dummerweise steigt das Team in der Saison darauf in die vierte Liga ab. Der nächste Rückschlag. Evljuskin wechselt nach Goslar und 2014 schließlich nach Hessen Kassel, eine Mannschaft, die damals immerhin den Plan hat, in die dritte Liga aufzusteigen.

Auf seiner Website trägt er noch immer das Nationaltrikot

Längst ist ihm klar, dass es zu einer großen Karriere nicht mehr reichen wird. Er ist zwar auch in Kassel Berufsfußballer, doch im Buch schreibt er über die vierte Liga: "Mensch, du hast jetzt drei Jahre lang gegen große Teams gespielt, und jetzt geht‘s plötzlich gegen Eichede?" Kurze Zeit später sieht es so aus, als könne er zumindest sein erstes Länderspiel in der Männernationalmannschaft machen – für Kirgisistan. Doch weil es Probleme mit der Spielerlaubnis gibt, hat er bis heute keinen einzigen Einsatz gehabt. Nationalspieler ist er nur noch auf seiner Webseite. Auf der Startseite ist Evljuskin im Trikot der deutschen Jugendnationalmannschaft zu sehen. Seit Jahren passiert dort nichts mehr. Bald will Sergej sie abschalten.

Doch so erstaunlich es ist, dass aus der großen Karriere nichts wurde, so erstaunlich ist es auch, dass Evljuskin nicht abgestürzt ist. Er hat die Rückschläge nie mit Alkohol oder anderen Drogen bekämpft, ist nie in Depressionen versunken, hat nie ernsthaft daran gedacht, lieber einen anderen Beruf zu ergreifen. Evljuskin sieht sich nicht als gescheiterten Fußballer. Es ist für den 28-Jährigen in Ordnung, wie es jetzt ist. Er ist Stammspieler, verdient knapp 5000 Euro im Monat, kann zu Fuß zum Trainingsplatz gehen. Vierte Liga spielt ja auch nicht jeder. Vielleicht klappt es noch mal eine Liga höher. Lang ist ist die Liste der Talente, die die Kontrolle verloren, weil sie mit dem Erfolg oder den Rückschlägen nicht klarkamen.

Vermutlich haben ihm dabei ausgerechnet einige der Eigenschaften geholfen, die seinen Durchbruch als Fußballer verhinderten. Er hat nie zu 100 Prozent alles auf den Fußball gesetzt. Schon in Babelsberg hat er einen Fernlehrgang zum Betriebswirt gemacht, nun studiert er nebenbei Sportmanagement. Kürzlich hat er sich auch bei der Polizei beworben, die Chancen stehen gut. Er ist das Gegenteil von extravagant, er macht nicht mit starken Sprüchen auf sich aufmerksam, neigt zur Bescheidenheit. "Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister" war nicht seine Idee. Als der künftige Mitautor ihm mailt, ob er ein Buch über ihn schreiben dürfe, hält Evljuskin das zuerst für einen Scherz. Jetzt hilft es ihm auch, dass er nie ein Bundesligaspiel bestritten hat. "Der Fall ist viel schlimmer, wenn man schon 50 bis 60 Bundesligaspiele gemacht hat und dann in den unteren Ligen spielen muss." Am wichtigsten ist seine Haltung: "Ich bin vom Naturell her einfach so, dass ich mich nicht hängen lasse."

Kürzlich führte Evljuskin seine Mannschaft mal wieder für einige Spiele als Kapitän aufs Feld. Wie früher. Gegen Koblenz schoss er die Mannschaft als Spielführer sogar zu einem wichtigen Auswärtssieg im Abstiegskampf. Doch niemand rief ihn "Kaiser". Für seine Kollegen ist er einfach Siggi.

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