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Sechs Aufstiege in sieben Jahren
TSV Steinbach: Ein Dorfklub steigt auf und auf und auf

TSV Steinbach: Ein Dorfklub steigt auf und auf und auf
Freude nach dem Durchmarsch: Der TSV Steinbach feiert Mitte Mai den Aufstieg in die Regionalliga. Ganz links: Roland Kring. FOTO: TSV Steinbach
Früher spielte der TSV Steinbach in der zehnten Liga, in der nächsten Saison tritt der hessische Fußballverein in der Regionalliga an. Möglich gemacht hat den Erfolg der Unternehmer Roland Kring. Ein Interview über das liebe Geld und 26 Siege in 26 Spielen. Von Sebastian Dalkowski

Viel besser hätte es der Verein nicht machen können. Im Frühjahr 2009 spielte der hessische Fußballverein TSV Steinbach noch in der untersten Liga. Dann begann eine Serie, die es in Deutschland vermutlich kein zweites Mal gibt. Innerhalb von sieben Jahren stieg das Team sechsmal auf und tritt in der nächsten Saison in der vierten Liga, der Regionalliga Südwest, an. Gegen Teams wie Kickers Offenbach, Waldhof Mannheim und den 1. FC Saarbrücken. Dabei ist Steinbach bloß ein Dorf von nicht einmal 1000 Einwohnern, das zur Stadt Haiger gehört, 25 Kilometer entfernt von Siegen.

Die Erfolgsserie hat viele Protagonisten, aber nur einen Vater: Roland Kring. Der 55-Jährige ist Steinbacher und führt dort mit seinem Bruder zusammen die Sibre GmbH, ein Unternehmen, das Bremsen für Industrieanlagen herstellt und einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro hat. Seitdem er den Verein finanziell unterstützt, geht es aufwärts.

Ich verspreche, dass wir so spät wie möglich über Hoffenheim und Dietmar Hopp reden werden. Okay?

Roland Kring Ja... okay.

Ihr Trainer Peter Cestonaro sagt über die neue Saison: "Das Ziel kann nur der Klassenerhalt sein, über etwas anderes braucht man gar nicht nachzudenken." Was sagen Sie – 2018 erste Liga?

Kring Nein, das nicht. Ich stimme dem Trainer zu. Wir können zwar über etwas anderes nachdenken, aber das ist nicht realistisch.

Für wann ist der nächste Aufstieg geplant?

Kring Mit der Planung ist das so eine Sache. Als wir in der B-Liga angefangen haben, war es unser Ziel, eine Klasse höher zu kommen. Und wenn dann noch eine geht, ist es schön. Dann hat sich die Entwicklung verselbständigt. Aber wir haben uns nie vorgenommen, den Verein in die Regionalliga zu pushen. Vielleicht war unser Erfolgskonzept, gar keines zu haben.

Könnten Sie damit leben, wenn der Verein nie mehr aufsteigt?

Kring Damit kann ich sehr gut leben. Wir sind ein Dorf von 900 Einwohnern.

Müssen sich Ihre Spieler nun wieder ans verlieren gewöhnen?

Kring Zumindest müssen sie damit rechnen. Das gilt aber auch in gleicher Weise für uns im Vorstand und für unsere Fans.

Ohne Ihr Geld wäre der Verein nicht dort, wo er heute steht. Wie kamen Sie auf die Idee, den Verein zu unterstützen?

Kring Ich bin in Steinbach aufgewachsen und wohne dort immer noch. Früher habe ich selbst im Verein Fußball gespielt, bin allerdings nur bis zur zweiten Mannschaft gekommen. Ich war der Verteidiger fürs Grobe. Nach der Übernahme der Firma durch meinen Bruder und mich fingen wir an, den Verein zu unterstützen, zum Beispiel mit neuen Trikots und Fußbällen. Bei einem Gespräch kam so um 2007 die Idee auf, diese Unterstützung zur Regel zu machen. Damit der Vorstand planen kann. Zu der Zeit gab es ein städtisches Förderprogramm, einen Fußballplatz in einen Kunstrasenplatz umzubauen. Steinbach hatte damals nur einen Ascheplatz. An diesem Rasenplatz hat sich das Unternehmen beteiligt. Dadurch kam der Ball ins Rollen.

2009 ist der Verein zum ersten Mal aufgestiegen. 26 Spiele, 26 Siege, 160:22 Tore. Was war da denn los?

Kring Wir haben damals drei oder vier Spieler verpflichtet, die bereits zwei, drei Klassen höher gespielt hatten. In den unteren Klassen kann das schon den Unterschied machen.

War das nicht eine sehr langweilige Saison?

Kring Nein, die Leute waren eher euphorisch, dass sich dort etwas entwickelte – auch wenn schon in der Winterpause absehbar war, dass wir aufsteigen würden.

Wie häufig wurde die Mannschaft erneuert?

Kring Wir haben in jeder Saison vier bis neun neue Spieler geholt.

Hat der Verein eigentlich ein jährliches Budget?

Kring In dieser Saison sind es so 600.000 bis 700.000 Euro. Etwa ein Drittel davon kommt von externen Sponsoren.

Spielen in Ihrem Verein nun auch Profis?

Kring Lassen Sie es mich so sagen: Bisher hatten die Spieler einen Beruf und nebenbei waren sie Fußballer gegen Bezahlung. Nun wird sich dieses Verhältnis umkehren. Aber einen Vollprofi haben wir noch nicht. Es gibt auch einige Fußballer, die ein duales Studium in unserem Unternehmen machen. Außerdem haben wir eine GmbH gegründet neben dem Verein für die Arbeiten, die von Ehrenamtlern nicht mehr zu leisten sind.

Früher haben in der Mannschaft nur Spieler aus der Region gespielt. Das geht nun nicht mehr, oder?

Kring Da müssen wir uns an der Realität orientieren. Wir wollen nicht gleich wieder absteigen, und da gibt es in der Gegend einfach nicht genügend Spieler, die regionalliga-tauglich sind.

Wie reagieren die Spielerberater, wenn da so ein Verein ankommt, von dem sie noch nie gehört haben?

Kring Ein-, zweimal hatte ich schon das Gefühl, dass die den Eindruck hatten, wir hätten keine Ahnung vom Geschäft.

Wie können Sie denn Spieler locken, ohne einen großen Namen haben?

Kring Mit Ehrlichkeit. Wir sagen offen, dass wir von einem professionell geführten Verein noch meilenweit weg sind, aber dafür sind die Dinge bei uns noch familiärer. Wir haben nicht den Anspruch, in der Regionalliga ganz vorne mitzuspielen. Für uns geht es ums Überleben. Da muss man auch mal Spielern sagen, die den Anspruch haben, in der dritten oder sogar zweiten Liga zu spielen, dass der TSV Steinbach nicht der richtige Partner ist, zumindest nicht kurzfristig.

Woran mangelt es beim TSV Steinbach denn noch?

Kring Durch den Aufstieg sind ganz neue Aufgaben auf den Verein zugekommen, zum Beispiel das Thema Sicherheit im Stadion. Das wurde in der Hessenliga noch auf ganz kleiner Flamme gekocht. Für den Stadionumbau in unserer Kernstadt Haiger war das ein wesentliches Thema. Plötzlich gibt es auch Dopingkontrollen.Die Anforderungen an Verwaltung und Organisation sind schlagartig gestiegen, und das muss in einem kleinen Verein erst einmal strukturiert werden.

Mit dem alten Stadion im Ort hätten Sie gar nicht in der Regionalliga spielen können, oder?

Kring Genau. Sie müssen wissen, dass Steinbach ein Dorf ist, durch das nur eine Straße führt. Das Vereinsgelände liegt am Ende. Da wird es von den Parkplätzen schon eng. Das wäre für die Bewohner eine Belastung gewesen. Das ehemalige Oberligastadion in Haiger ist schon geeigneter. Da passen 5000 Zuschauer rein.

Gibt es denn Dinge, die heute noch so sind wie früher?

Kring An den Umgangsformen im Verein hat sich nichts geändert. Die handelnden Personen im Vorstand sind fast noch immer dieselben. Jeder kennt sich schon von Kindesbeinen an. Wir versuchen Dorfverein und Regionalliga miteinander zu verbinden.

Können Sie mit dem Begriff Mäzen leben?

Kring Was wäre die Alternative? Ich habe das mal bei Wikipedia nachgeschaut. Mäzen ist nicht zwingend negativ besetzt. Im Dorf bin ich aber nach wie vor der Roland. Man braucht ja auch ein Gesicht für das Ganze und nicht nur einen Firmennamen als Sponsor.

Ist es gerechtfertigt, den TSV Steinbach mit Hoffenheim und Sie mit Dietmar Hopp zu vergleichen?

Kring Da liegen schon Welten zwischen. Aber die Frage lautet ja: Ist es okay, wenn irgendwer einen kleinen Verein mit Geld pusht? Klar ist, dass der Verein ohne Geld nicht in der Regionalliga wäre. Aber was hat der Verein mit dem Geld gemacht? Viel mehr als sechsmal aufsteigen in sieben Jahren geht auch nicht. Ich bin aber auch niemand, der das mal ein paar Jahre macht und den Verein dann fallenlässt wie eine heiße Kartoffel. Das ist auf lange Sicht angelegt. Deshalb finde ich das für mich persönlich auch okay.

Aber haben Sie nie mit sich selbst die Diskussion geführt, dass es ein bisschen unfair ist, wenn ein Verein plötzlich so viele Möglichkeiten hat?

Kring Natürlich haben andere Vereine gesagt: Nun holen die mit ihrem Geld unsere guten Spieler weg. Ja, haben wir gemacht. Aber wir haben das System nicht erfunden. Wenn wir es nicht machen, macht es jemand anderes. Wir sollten nur nicht so auftreten, als ob wir die Spieler vom Nachbarverein aus reiner Böswilligkeit holen.

Bekommt der Verein den Neid zu spüren?

Kring In den unteren Klassen haben die gegnerischen Fans schon mal gerufen, das hatte dann aber mehr mit der Enttäuschung über die Niederlage zu tun. Aber in der Regionalliga sind wir beim Budget eher am unteren Ende. Natürlich fragen immer noch Leute: Warum der TSV? Weil ich da eben wohne.

Ich könnte mir vorstellen, wenn Sie sich aus dem Verein zurückziehen, müssen Sie auch das Dorf verlassen.

Kring Das wäre natürlich schlecht. Es kommt drauf an, wie man einen "Rückzug" angeht. Mit einem Alter von 55 ist das noch kein Thema. Aber bevor der Sponsor 75 ist, sollten sich beide Partner schon mal Gedanken gemacht haben, wie es weitergeht.

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