Interview mit Schalkes Manager: Assauer: Erst zum Schluss in die Tasten hauen
zuletzt aktualisiert: 19.01.2001 - 11:59sid: "Rudi Assauer, wenn Ihnen vor der Saison jemand gesagt hätte, Schalke ist in der Winterpause Tabellenführer. Was hätten Sie entgegnet?"
Rudi Assauer: "Spaßvogel! Unter den ersten fünf, sechs habe ich uns schon gesehen, aber nicht ganz oben."
sid: "Ist Schalke besser als erwartet oder die Bundesliga schlechter?"
Assauer: "Schlechter nicht, aber ausgeglichener. Es sind nicht mehr ein, zwei Mannschaften, die dominieren, sondern drei oder vier, die ordentlich kicken. Aber unabhängig davon: Die Großen da oben haben wir alle weggehauen. Wir spielen besser, mit mehr Risiko, mehr Feuer, mehr Leben in der Bude als letzte Saison."
sid: "Und wo steht Schalke am Ende der Saison?"
Assauer: "Im internationalen Wettbewerb, hoffe ich."
sid: "Kommt der Punkt, wo sie dieses Ziel nach oben revidieren?"
Assauer: "Wenn es nur noch drei oder vier Spiele sind, und wir sind auf jeden Fall mindestens Fünfter, dann kann man mal sagen: Jetzt hauen wir in die Tasten. Aber das machen die Jungs von alleine."
sid: "Wer wird Meister?"
Assauer: "Ich glaube schon, dass wieder die Bayern Meister werden. Sie sind abgebrüht, kennen die Situation seit Jahren."
sid: "Dortmund und Leverkusen haben sich in der Winterpause mit Spielern für insgesamt 60 Millionen Mark verstärkt. Sie haben auf dem Transfermarkt nichts unternommen. Warum?"
Assauer: "Weil es unfair gegenüber der Truppe wäre. Sie hat ein sehr gutes erstes Halbjahr hingelegt. Wir haben noch Niels Oude Kamphuis, Sven Kmetsch und Olaf Thon, die wiederkommen. Warum sollten wir unnütz Geld ausgeben?"
sid: "Bayern-Manager Uli Hoeneß ist aus dem Poker um den Tschechen Tomas Rosicky ausgestiegen und hat das als Sieg der Vernunft verkauft. Ist es unvernünftig, wenn Dortmund für einen 20-Jährigen 25 oder 30 Millionen Mark ausgibt?"
Assauer: "Wir haben im letzten Jahr Emile Mpenza geholt für einen nicht unerheblichen Betrag. Das war damals auch für viele erschreckend. Da hat man auch gefragt: Wieso, weshalb, warum? Heute weiß man warum. Die Frage ist immer, wie hoch das Risiko ist, das man eingeht."
sid: "Und wie hoch ist es für Dortmund?"
Assauer: "Ich habe ihn zweimal spielen sehen. Er ist ein Riesentalent, ein Superkicker, aber er hat nur in der tschechischen Liga gespielt, ist noch nicht fertig und muss sich erstmal durchbeißen."
sid: "Ist es nicht ein großes Risiko, so viel Geld für einen Spieler auszugeben, ohne zu wissen, was der Vertrag mit ihm überhaupt wert ist? Denn noch streiten der Fußball und die EU darüber, ob ein Spieler jedes Jahr oder nur erst nach drei Jahren den Klub ablösefrei verlassen kann."
Assauer: "Wenn wir warten, bis das irgendwann entschieden ist, müssen wir den Laden schließen. Was willst du den Jungs hier in der Nordkurve erklären, wenn du jedes Jahr eine neue Mannschaft präsentierst? Kaum können sie den Namen aussprechen, ist er wieder weg. Ich glaube nach wie vor an eine Drei-Jahres-Regelung, und die finde ich auch vernünftig."
sid: "Auch Schalke hat in den vergangenen beiden Jahren viel investiert, greifen Sie im Sommer noch mal tief in die Tasche?"
Assauer: "Wir wollen die Mannschaft weiter verstärken und verjüngen. Das werden wir auch tun. Ob wir noch mal eine Schippe drauflegen, müssen wir von Fall zu Fall abchecken. Wir haben keine Notenpresse im Keller, die 1.000-Mark-Scheine druckt. Wir haben schon eine Menge geschultert, aber ein vertretbares Risiko muss man eingehen. Noch wissen wir nicht, wieviel Spielgeld wir im Portemonnaie haben, weil wir nicht wissen, ob und wo wir international spielen. Wir haben schon vor, 20 etwa gleichwertige Feldspieler über dem Durchschnitt der Liga zu haben. Wer geht und wer bleibt, wird in den nächsten Tagen ratzfatz entschieden."
sid: "Sie wollten Schalke zur dritten Kraft im deutschen Fußball machen..."
Assauer: "Das haben wir immer noch vor Augen. In Berlin ist ein neuer Konkurrent erwachsen, der vorher nicht auf dem Zettel stand. Die haben es in der neuen Hauptstadt ein bisschen leichter als wir hier im Pott. Aber was wir hier aufgebaut haben, die Arena, die gesamte Infrastruktur, ist Eigentum von Schalke 04, das haben die anderen nicht. Wenn wir keine gravierenden Fehler machen, können wir auf längere Zeit ganz oben mitmischen."
sid: "Auch finanziell in Dimensionen wie Bayern und Dortmund vorstoßen?"
Assauer: "Sicherlich, man braucht nur eins und eins zusammenzuzählen, dann kommt man mit der Arena und den Einnahmen dahin."
sid: "Sie sind seit 1993 im Amt. Wie fällt Ihre Bilanz nach fast acht Jahren aus?"
Assauer: "Als ich angefangen habe, war der Klub hochverschuldet, bei den Banken verschrien, die Lizenz in Gefahr. Bis heute hat der Verein eine Arbeit geleistet, die in dieser Form kein anderer in der Bundesliga geschultert hat. Heute spricht man bei Sponsoren, Banken und auch bei der Konkurrenz mit Hochachtung von Schalke 04. Von der Wirtschaftskraft gehören wir zu den Top Fünf der Bundesliga. Wir wollen noch das ein oder andere ergänzen, dann haben wir hier mit der Arena ein Schalker Feld, das in ganz Europa seines Gleichen sucht."
sid: "Ihr Vertrag läuft im Oktober 2002 aus. Ist dann das Kapitel Schalke für Sie erledigt?"
Assauer: "Nein, ich bleibe dem Verein erhalten. Den täglichen Kram, den du um die Ohren hast, den können dann andere machen. Bei großen Transfers und der Generalrichtung, da werde ich noch dabei sein. Ob als Präsident oder zweiter Vorsitzender, ist sekundär. Akquise, Betreuung von Sponsoren, Verhandlungen mit Fernsehanstalten über Veranstaltungen in der Arena, das könnte mir Spaß machen. In einer hauptamtlichen Mannschaft, dafür müssen wir jetzt die Strukturen schaffen. Denn ein paar Männeken können das hier nicht mehr schaffen."
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