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Bayer Leverkusen
Alles unter Kontrolle

Das ist Rudi Völler
Das ist Rudi Völler FOTO: ddp
Leverkusen. Bayer 04 gilt im Profi-Fußball als Vorreiter in der Anwendung modernster Analysetechnik in Training und Wettkampf. Roger Schmidt und sein Team nutzen ein GPS-gesteuertes System, das umfangreiche Werte über die Bewegungen der Spieler ermittelt und somit ein individuelleres Training ermöglicht, das Verletzungen vorbeugen soll. Von Stefanie Sandmeier

Für die Profis von Bayer 04 ist es inzwischen ein routinierter Ablauf. Nach jedem Training führt ihr Weg vorbei an einer kleinen Kiste. Darin werden die Transponder gesammelt, die sie während der Einheiten am Körper tragen.

Mancher Zuschauer schaut noch immer etwas verwundert, wenn er sieht, was Fußballer inzwischen unter ihrem Trikot anhaben. Der Pulsgurt, den Sportler früher um den Brustkorb trugen, ist längst der GPS-Weste gewichen. Bayer 04, das im Profi-Fußball als einer der Vorreiter in der Anwendung modernster Analysetechnik gilt, vertraut auf diese Technologie. Die junge Generation von Trainern, zu der auch Roger Schmidt gehört, überlässt bei der Trainingssteuerung nichts mehr dem Zufall. Der 48-Jährige vereint in Leverkusen inzwischen ein Co-Trainer-Team von Spezialisten um sich, die in allen Bereichen die Abläufe optimieren sollen.

Oliver Bartlett ist dabei ein entscheidender Mann. Schmidt brachte den 46-Jährigen von Red Bull Salzburg mit. Seine offizielle Bezeichnung Co-Trainer/Athletik signalisiert, wie wichtig Bayer 04 die Fitness im Spiel ist. "Die Athletik ist nahe mit unserer Spielidee verknüpft. Wir wollen attraktiven und schnellen Fußball spielen - und das über 90 Minuten", sagt Bartlett.

Der gebürtige Engländer ist federführend für die Leistungsdiagnostik bei Bayer 04 verantwortlich, die in Zusammenarbeit mit der medizinischen Abteilung um Dr. Karl-Heinrich Dittmar und dem Rehateam helfen soll, das Training zu optimieren und - im Endeffekt - jeden Spieler besser zu machen.

Bartletts Kernfragen: "Was machen die Spieler wirklich?" Und wie müssen beispielsweise Trainingsintensität oder Erholungspausen dosiert werden? "Uns interessiert mit Blick auf die Belastungssteuerung, mit welchen Intensitäten sich ein Spieler über den Platz bewegt."

Um das herauszufinden, sind die Profis in jedem Training mit GPS-Westen ausgestattet. Über GPS, also das Global Positioning System, wird auf dem Platz die Position des Spielers bestimmt. Zudem werden Beschleunigungen in alle Richtungen und Pulsfrequenz erfasst. "Wir sind in der Lage, neben den üblichen physiologischen Daten auch physikalische Messgrößen zu ermitteln. Nach entsprechender Auswertung können wir noch spezieller, also individueller trainieren", sagt Bartlett.

Mittels Satellit können alle Laufdaten (auch Sprintwerte) erhoben, in einem Chip gespeichert und später ausgelesen werden. Das Gerät kann mit Hilfe des Satelliten positionsgenau bestimmen, wo auf dem Feld sich der Spieler bewegt hat. Heißt: Wie viel ist er gelaufen und wie viel gesprintet? Ein integrierter Akzelerometer, ein Beschleunigungsmesser, liefert überdies Informationen, in welchen Tempobereichen und Belastungszonen der Sportler unterwegs war. Das Auslesen der Daten dauert etwa 15 Minuten. Bartlett hat also zwischen zwei Einheiten von jedem eine Analyse darüber, ob die Trainingsintensität genug war oder er reagieren muss.

Reagieren heißt: Einem Spieler, der an seiner Belastungsgrenze angekommen ist und dem eine Verletzung droht, eine Pause zu geben. Bartlett ergänzt: "Roger hat zwar ein gutes Auge dafür, welche Intensität er mit dem Team gehen kann, aber wir können es mit Zahlen bestätigen."

Um zu sehen, wie die Muskulatur auf Belastung reagiert, werden überdies Bluttests gemacht. Täglich vor jedem Training bekommt jeder Profi einen Piks ins Ohr. "Bereits eine Dreiviertelstunde vor dem Beginn haben wir alle Werte zusammen und können in der Besprechung das Training nach dem Fitness- und Gesundheitszustand der Spieler ausrichten", erklärt der 46-Jährige. "Wir betreiben in Leverkusen einen enormen Aufwand, aber die Erfolge geben uns recht. In der letzten Saison sind wir mit wenig muskulären Verletzungen durchgekommen."

Die Spielzeit zeigte überdies, dass die Bayer-Profis trotz Dreifachbelastung und kraftraubendem Spiel physisch bis zum Schluss fit waren. "Das ist das Ziel und die Basis, dass wir überhaupt so spielen können", sagt Bartlett. Die Fußballer tragen die Westen auch in den Spielen. Aufwendige Kamerasysteme helfen dann in den Stadien bei der Datenerfassung. Im Trainingslager greift die Werkself auf ein vereinfachtes System zurück. Um den Rasen sind Funkstationen aufgebaut, die über den Transponder, den die Profis zwischen den Schulterblättern tragen, die Daten übermitteln. "Man muss sich das vorstellen wie ein Smartphone, über das auch jede Position bestimmt werden kann."

Die Daten guter Spiele dienen der Orientierung. "Wenn wir wissen, was wir im Wettkampf brauchen, können wir das entsprechend trainieren. Zugleich stellen wir sicher, dass wir nicht an unsere Grenzen gehen", erklärt der Coach.

Im Profisport ist der verdrahtete, in Echtzeit überwachte und durchanalysierte Mensch längst Teil des Business. "Wenn Sie sich in die Position des Vereins reindenken: Für den ist jeder Spieler eine Investition. Wenn die beste Elf fit und gesund ist, haben wir die höchste Wahrscheinlichkeit, dass wir gewinnen", rechnet Bartlett vor. "Also wollen wir diese Wahrscheinlichkeit maximieren." Überzeugungsarbeit müsse er bei den Profis nicht leisten. "Natürlich kamen anfangs Fragen, das sind mündige Spieler. Aber sie wissen: Dafür, dass sie uns erlauben, diese Daten zu sammeln, wird das Training spezifischer. Sie wissen: Wir trainieren sie nicht in den Keller und machen vieles, was sie gerne tun", sagt Bartlett.

So gibt es in der Vorbereitung beispielsweise keine langen Dauerläufe mehr ("Weil wir wissen, dass diese für unser Spiel nichts bringen.")

Warum der Aufwand nötig ist, wird man, so die Hoffnung des Trainerstabs, auch in der neuen Bundesliga-Saison sehen. "Wir trainieren sehr spielgemäß. Ich bin zuversichtlich", sagte Bartlett, "dass uns das System noch einmal ein Stück nach vorne bringen wird."

Quelle: RP
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