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Bayer Leverkusen
Benny Henrichs – plötzlich Nationalspieler

Leverkusen. Joachim Löw hat den 19-Jährigen in das Aufgebot für die anstehenden Länderspiele in San Marino und Italien berufen. Das Eigengewächs von Bayer 04 hat eine rasante Entwicklung vollzogen - und sich in der Viererkette festgespielt. Von Dorian Audersch

Es hatte sich angekündigt. In der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Heimspiel am Samstag gegen den SV Darmstadt 98 (15.30 Uhr/Live-Ticker) machte Roger Schmidt eine vieldeutige Anmerkung. "Warten wir doch ab, was der Tag noch so bringt", sagte Bayers Trainer - und lachte. Es war seine Antwort auf die Frage, ob es Signale gebe, dass Bundestrainer Joachim Löw Bayers Außenverteidiger Benjamin Henrichs in den DFB-Kader für die Spiele in San Marino und Italien berufen würde. Er sei im ständigen Austausch mit Löw und seinem Assistenten Hansi Flick, versicherte Schmidt und riet zu Geduld. Kurze Zeit später war klar: Henrichs ist Leverkusens neuster - oder besser gesagt -jüngster Nationalspieler.

Vom Kurtekotten zum DFB - das hatten vor ihm bereits fünf andere Spieler geschafft. 1988 war Knut Reinhardt in die Nationalmannschaft berufen worden, 2007 folgte Gonzalo Castro. 2008 schaffte René Adler den Sprung und 2010 Stefan Reinartz. Der bisher letzte war Christoph Kramer 2014. Nun wird Benjamin Henrichs diese Ehre zuteil. "Das ist ein toller Tag für mich. Ich freue mich riesig über die Einladung", twitterte er gestern Nachmittag. Er werde alles geben, um sich gut zu präsentieren.

Schmidt ist voll des Lobes für seinen Schützling, den er einst vom offensiven Mittelfeldspieler zum Außenverteidiger umschulte. Im Wintertrainingslager in Orlando erklärte er Henrichs seine Vorstellungen - und das Eigengewächs, das seit dem Grundschulalter für Bayer 04 spielt, nahm die neue Rolle an. Er ist links wie rechts in der Viererkette einsetzbar, hat einen enormen Offensivdrang, ist technisch stark und Nervosität scheint für ihn ein Fremdwort zu sein. Henrichs spielt mit seinen 19 Jahren bisher so abgeklärt, als hätte er bereits 200 Bundesligaspiele hinter sich - in Wahrheit sind es saisonübergreifend insgesamt nur 17 Partien und vier Einsätze in der Champions League. Zudem ist er bodenständig und sehr gläubig. Zuletzt spielte er bärenstark beim 1:0-Sieg in London.

Gefühlt war er auf dem gesamten Spielfeld unterwegs und ließ defensiv auf seiner Seite so gut wie nichts zu. Nun steht er vor seinem Debüt im Weltmeister-Team von Joachim Löw - auf einer Position, die im deutschen Fußball seit Jahren chronisch unterbesetzt ist. Dies ist eine erstaunliche Entwicklung für den gebürtigen Bocholter, der 2004 als Grundschüler von der SpVg Porz-Gremberghoven zu Bayer 04 wechselte und dort alle Jugendteams durchlief.

"Benny hat eine hohe fußballerische Qualität - nicht nur am Ball, sondern vor allem auch im taktischen Verhalten", sagt Schmidt.

"Er ist aufmerksam, fokussiert und immer in der Lage, seine Fähigkeiten in das Spiel einzubringen." Sein Stellungsspiel sei ebenfalls stark. Dabei komme ihm auch zugute, einst als offensiver Mittelfeldspieler auf dem Platz unterwegs gewesen zu sein. "Hinzu kommt sein hervorragendes defensives Zweikampfverhalten. Es ist unheimlich schwer, an ihm vorbei zu kommen. Direkte Eins-gegen-Eins-Duelle verliert er nur sehr selten." Beste Voraussetzungen also für den Posten des Außenverteidigers - rechts wie links. "Das ist höchstes Niveau", schwärmt Schmidt.

Henrichs ist nicht das einzige Talent, auf das man in Leverkusen zurecht stolz ist. Auch Kai Havertz hat zuletzt auf sich aufmerksam gemacht. "Ich brauche eine gewisse Robustheit und Entschlossenheit in den Zweikämpfen. Benjamin Henrichs hat das sehr schnell gezeigt - und deswegen ist er jetzt auch da, wo er ist." Das gleiche gelte für Havertz. Der 17-Jährige ist das nächste Talent der Werkself, das in den Startlöchern steht. In Wolfsburg und auch bei seinem Debüt in der Champions League in London überzeugte der Youngster durch selbstbewusstes Auftreten, Zweikampfstärke und gute Ballführung. "Jetzt ist es unsere Aufgabe, diese Talente weiter zu fördern", betont Schmidt.

Das ist mehr als nur eine Phrase für den Trainer von Bayer 04. Er versteht es offensichtlich, junge Spieler zu entwickeln, sie zu fordern und zu fördern. Julian Brandt (20) reifte unter seiner Regie zum Nationalspieler - ebenso wie unter anderem Jonathan Tah (20) oder auch Karim Bellarabi (26). Henrichs und Havertz sind die jüngsten Beispiele für die Talentschmiede Bayer 04. Es gibt aber auch Spieler wie etwa Lukas Boeder, der zwar nah dran ist und schon länger bei den Profis trainiert, aber noch auf seinen Durchbruch wartet. Ein Wechsel oder eine Leihe sind denkbar. Bei ihm ist unklar, wie es weiter geht. Zuletzt kam Boeder in der U19 beim 1:2 gegen Tottenham in der Youth League zum Einsatz, wo ihm ein Eigentor und eine Rote Karte unterliefen.

Dass mehr junge Fußballer den Sprung aus der U19 zu den Profis schaffen, ist auch einem Umdenken in der Jugendarbeit zu verdanken. Vor einigen Jahren noch war die Durchlässigkeit zur A-Mannschaft zu gering. Bayer 04 erkannte das Problem und stellte die Nachwuchsarbeit um - mit Erfolg. Mit zehn Jugend-Teams in der jeweils höchsten Spielklasse geht Bayer 04 in der Saison 2016/17 an den Start.

Für das Spiel heute gegen Darmstadt werden Kevin Kampl und Lars Bender definitiv ausfallen - und Kevin Volland muss seine Rot-Sperre absitzen. Ob Havertz in die Startelf rutscht, wollte Schmidt nicht bestätigen, aber auch nicht verneinen. "Wir trauen es ihm auf jeden Fall zu", versichert der Trainer der Werkself. Neu-Nationalspieler Henrichs wird wohl auf jeden Fall von Beginn an auflaufen.

Quelle: RP
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