| 12.57 Uhr

Bayer Leverkusen
Die Nerven der Werkself liegen blank

Chicharito und Bellarabi geraten aneinander
Chicharito und Bellarabi geraten aneinander FOTO: dpa, jgu nic
Leverkusen. In der Champions League gegen eine bessere B-Elf des FC Barcelona ausgeschieden und wieder einmal die Chance verpasst, international für Aufsehen zu sorgen – bei Bayer Leverkusen liegen die Nerven auf allen Ebenen blank. Von Christoph Borschel

Die Chance, weiterzukommen war absolut da. Der AS Rom tat der Werkself den Gefallen, gegen Bate Borissow nur 0:0 zu spielen und das nicht mehr für möglich gehaltene Weiterkommen der Werkself zu ermöglichen. Doch beim 1:1 gegen den FC Barcelona ließen Hakan Calhanoglu, Karim Bellarabi und Co. reihenweise gute Chancen aus und kamen trotz einer Torschussbilanz von 26:6 nicht über das Remis hinaus. Spieler und Verantwortliche waren nach dem Verpassen des Achtelfinals mehr als gereizt.

Bereits während des Spiels gerieten Chicharito Hernandez und Karim Bellarabi aneinander. Nach einem eher mäßíg zu Ende gespielten Angriffsversuch teilte der Mexikaner dem deutschen Nationalspieler recht deutlich mit, dass dieser hätte abspielen sollen. Dessen Verständnis hielt sich in Grenzen, sodass beide Streithähne mit den Köpfen dicht aneinander gerieten und schon Schiedsrichter Mark Clattenburg getrennt werden mussten.

Konsequenzen wird die Auseinandersetzung aber nicht haben. "Das passiert im Fußball. Wir beklagen uns ja manchmal, dass es bei uns zu ruhig zu geht. Nun sind die beiden mal in der Hitze des Gefechts aneinandergeraten. Das ist aber kein Problem", sagte Sportchef Rudi Völler.

Dennoch war es in der Öffentlichkeit kein gutes Bild, was die Spieler da auf dem Rasen abgaben – aber die Verantwortlichen machten es nicht wirklich besser.

Roger Schmidt auf 180

Roger Schmidt im Gespräch mit Jan Henkel. FOTO: Screenshot Sky

Denn auch Bayer-Trainer Roger Schmidt war nach der Niederlage alles andere als mit sich und der Welt im Reinen. Von Sky-Reporter Jan Henkel auf ein vermeintliches Mentalitätsproblem beim Torabschluss angesprochen, reagierte der Coach dünnhäutig und erklärte, dass seine Mannschaft sehr jung sei und noch viel lernen müsse. Der Reporter hakte nach und entgegnete, dass auch der FC Barcelona mit einer jungen Mannschaft gespielt habe. Daraufhin entglitten dem Bayer-Coach kurzzeitig die Gesichtszüge. Er sammelte sich, atmete kurz tief durch, blickte Henkel scharf an und fragte einfach nur: "Haben Sie sonst noch was zu sagen? Folgender Dialog entstand:

Henkel: "Rudi Völler meinte eben, irgendwann muss man auch mal dran glauben. Wie kann man diesen Glauben provozieren, dass man dann auch anders auftritt beim Abschluss?"

 

Schmidt: "Ach ja, diese Frage gibt es, so lange es Fußball gibt. Natürlich, wenn man Chancen nicht reinmacht - und in so einer Hülle und Fülle, wie es heute passiert ist, dann kommt diese Frage immer wieder. Was dann letztendlich fehlt: Manchmal hält der Torwart gut, manchmal fehlt ein bisschen Glück, unkonzentriert, einfach nicht klar genug im Abschluss, vielleicht auch eine gewisse Reife und Coolness. Wir sind halt eine sehr, sehr junge Mannschaft, die jüngste in der Bundesliga - vielleicht auch die jüngste in der Champions League, weiß ich jetzt nicht."

Rudi Völler im Gespräch mit Oliver Kahn. FOTO: Screenshot ZDF

 

Henkel: "Barcelona war auch jung heute..."

Schmidt: "Haben Sie sonst noch was zu sagen?"

Henkel: "Na, das war jetzt nicht Barcelona mit Neymar, mit Suarez..."

Schmidt: "Sie haben doch gehört, was ich jetzt gesagt habe. Wir haben doch jetzt über die Champions League insgesamt gesprochen, über Chancenverwertung. Das hat doch nichts mit dem Alter von Barcelona zu tun, oder?"

Henkel: "Nein, weil sie jetzt Ihre junge Mannschaft ansprechen..."

Schmidt: "Insgesamt. Sie haben mich doch danach gefragt, wie man mehr die Chancen ausnutzen kann. Dazu habe ich Ihnen eine Antwort gegeben. Wenn Sie jetzt noch so eine komische Bemerkung machen, können wir das Interview auch abbrechen."

Henkel: "Nein, das war keine komische Bemerkung, war einfach nur, dass der Gegner heute..."

Schmidt: "Natürlich war der jung. Aber Sie haben doch gesehen heute, dass wir auf ein Tor gespielt haben, oder nicht? Ich glaube, der Gegner hat einmal aufs Tor geschossen. Dass wir genügend Chancen hatten - das hat doch nichts mit dem Gegner zu tun, dass wir unsere Torchancen nicht genutzt haben."

Henkel: "Nein, das hatte was damit zu tun, dass der Gegner heute nicht das Barcelona wie sonst war. Dass man so viele Chancen bekommt. Aber ich verstehe absolut Ihren Ärger. Ich würde mich auch fürchterlich über dieses Spiel ärgern. Wie lange, glauben sie, brauchen Sie, um das abhaken zu können?"

Schmidt: "Gar nicht. Das wird mein ganzes Leben in meinem Gedächtnis bleiben, dass wir es heute nicht geschafft haben."

Die Verabschiedung nach dem Interview fiel auch alles andere als nett aus, Schmidt würdigte Henkel beim "Auf Wiedersehen" keines Blickes.

Auch Rudi Völler völlig entnervt

Auch Sportchef Rudi Völler war nach der Partie mit dünner Haut unterwegs. Im ZDF-Interview mit Oliver Kahn und Oliver Welke analysierte er zunächst noch sehr sachlich die mangelhafte Chancenverwertung seiner Mannschaft.

Doch als Oliver Kahn der Mannschaft dann vorwirft, keine Typen in den eigenen Reihen und mit zu wenig Emotionalität gespielt zu haben, wird es dem Weltmeister von 1990 zu viel.

Völler: "Das sehe ich komplett anders. Olli, nee nee nee. Wir haben alles dafür getan, dass wir das Spiel gewinnen. Wir haben 26 Torschüsse gehabt."

Kahn: "Ja, aber das habe ich ja nicht bestritten. Klar, ich will das Spiel gewinnen, aber da gibt es dann noch einen Schritt mehr."

Völler: "Ja gut, wir haben das zweite Tor nicht gemacht. Und der Ter Stegen wird ein paar Mal angeschossen."

Kahn: "Rudi, aber wie oft passiert das denn bei Bayer Leverkusen, dass ihr euch Top-Torchancen herausspielt und dann letztlich doch scheitert?!"

Völler: "Aber das hat doch nichts mit Emotionen zu tun. Natürlich muss man da kaltblütig sein, das hat uns mit Sicherheit ein bisschen gefehlt heute. Aber das hat doch nichts mit Emotionen zu tun. Verstehst du, was ich meine?"

Olli Kahn wusste daraufhin nichts mehr zu entgegnen und ließ Moderator Oliver Welke und Rudi Völler das Gegentor sachlich weiter analysieren.

In der Tat, an Emotionalität hat es der Werkself am Mittwochabend nicht gemangelt. Zumindest nach dem Spiel nicht.

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