| 17.48 Uhr

Bayer Leverkusen
Die viel gelobten Verlierer

Einzelkritik: Tah unsicher, Calhanoglu belohnt sich
Einzelkritik: Tah unsicher, Calhanoglu belohnt sich FOTO: dpa, geb kno
Die Leverkusener spielten offensiv und mutig in München, aber vielmehr als Schulterklopfer blieben ihnen nach dem 1:2 nicht. Auch die gute Leistung gegen den FC Bayern kann nicht über die historisch schlechte Saisonbilanz hinwegtäuschen. Von Stefanie Sandmeier, München

Mit Kevin Volland verließ am späten Abend der letzte Bayer-Profi die Allianz Arena. Während seine Teamkollegen bereits wieder Richtung Rheinland unterwegs waren, stieg er in den Fan-Bus ein, mit dem mehr als 50 Freunde und Familienmitglieder aus seiner Heimat Marktoberdorf gekommen waren.

Zu erzählen gab es auf der rund einstündigen Rückfahrt ins Allgäu genug. Weniger noch als die Frage, warum der 24-Jährige nach seinem guten Champions-League-Auftritt in Moskau wie Chicharito erst nach 59 Minuten zum Einsatz kam, erregte dessen Vorstoß auf das Bayern-Tor kurz vor Schluss die Gemüter. Es war Leverkusens beste Chance, den 1:2-Rückstand noch in ein gerechtes Unentschieden zu verwandeln. Diese blieb jedoch ungenutzt. Warum, das sah Volland aber erst nach dem Spiel.

Denn als sich der Offensivmann in der 83. Minute aufmachte, zum 2:2 einzuköpfen, hatte er die Augen zu. Die Fernsehbilder bewiesen, dass Bayerns Verteidiger Javier Martinez Vollands Kopfball im Stile eines Torhüters abgewehrt hatte. Dummerweise hatten in dem Moment aber weder Schiedsrichter Marco Fritz und seine Assistenten noch Volland den Durchblick. Die Szene, die mit einer Roten Karte gegen Martínez und einem Elfmeter für Leverkusen hätte bestraft werden müssen, blieb ungeahndet. "Ich dachte noch: scheiß Winkel. Mein erstes Empfinden war aber schon, dass ich vor dem Gegenspieler am Ball war", sagte Volland. "Dann bin ich hingefallen, und als ich wieder aufgestanden bin, habe ich gesehen, dass es Außennetz war."

Völler: "Es müssen alle mitspielen – auch der Schiedsrichter"

Dass sich der Unparteiische später entschuldigte, war allenfalls ein schwacher Trost. "Wenn man die Szene hinterher gesehen hat, ist die Niederlage sehr bitter. Wenn wir das 2:2 machen, ist noch alles möglich. Zeit dafür wäre gewesen. Das war sicher eine Schlüsselsituation", fügte der Angreifer an. Die Leverkusener sahen sich nicht zu Unrecht um den Lohn für einen engagierten Auftritt gebracht. Dass die Defensive bei beiden Gegentoren von Thiago und Mats Hummels jeweils schlief, ärgerte auch Rudi Völler weniger als der geklaute Treffer ("Wir haben ein korrektes Tor erzielt, wenn man so will"). "Gegen die Bayern kann man Chancen nicht verhindern. Wenn man aber in München etwas holen will, müssen alle mitspielen – auch der Schiedsrichter", schimpfte der Sportchef. Das sei umso ärgerlicher, "weil man das Gefühl hatte: Heute wäre eine gute Gelegenheit gewesen, mal einen Punkt mitzunehmen." Denn der Rekordmeister, nach drei Pflichtspielen ohne Sieg zumindest aus Ergebnissicht wieder in der Spur, wackelte gehörig in der Schlussphase.

Leverkusen ließ sich auch vom zweiten Rückstand nicht einschüchtern, verdichtete gut das Mittelfeld und spielte selbst weiter mutig nach vorne. Aber viel mehr als Lob blieb den Bayer-Profis nicht.

Wieder einmal. Bayer 04 wird das leidige Anhängsel vom viel gelobten Verlierer nicht los, der sich die Dinge auch gerne mal selbst schöner redet als sie sind. Bisher ist es eine Saison mit vielen Konjunktiven. Nach dem Motto: Wäre dieses und jenes doch nur anders gelaufen. Mal sind verschossene Elfmeter Schuld, mal nicht gegebene wie in München, die helfen, vom eigentlichen Problem abzulenken – nämlich, dass die Werkelf zu wenig Punkte hat.

Die Bilanz nach zwölf Spieltagen ist sogar ziemlich alarmierend. Das 1:2 – so unglücklich es auch war – war bereits die sechste Niederlage. Häufiger unterlag Bayer zum gleichen Zeitpunkt letztmals vor 34 Jahren (9). Rang zehn und 16 Punkte sind zu wenig für die eigenen Ansprüche. Ziel ist ein Champions-League-Platz, dazu sollte der Kader auch im Stande sein. Die Spitze aber ist mit Leipzig schon 14 Punkte weg, der Zweite Bayern elf. "Bis Weihnachten werden wir da oben nicht mehr rankommen", sagte Völler. "Aber wir müssen den Abstand schnellstens verkürzen." Andernfalls findet die Königsklasse nächstes Jahr ohne Bayer 04 statt.

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