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Bayer 04 im Trainingslager
Calhanoglu sucht verlorenen Zauber

Bayer 04 Leverkusen: Hakan Calhanoglu sucht verlorenen Zauber
Hakan Calhanoglu beim Freistoßtraining in Florida. FOTO: KSmediaNET
Orlando. Mal ist er Freistoß-Künstler und einer der begehrtesten Nachwuchsspieler der Bundesliga, dann wieder ein Talent, das schlampig mit seinen Fähigkeiten umgeht. Ein Gespräch mit dem 21-jährigen Hakan Calhanoglu über eine Hinrunde mit Schwankungen, Erfolgsdruck und wie ihm der Glaube hilft, den gestiegenen Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Von Stefanie Sandmeier

Herr Calhanoglu, wir saßen schon einmal zusammen und haben über das Held-Sein gesprochen.

Calhanoglu (schmunzelt) Das ist noch immer kein einfaches Thema.

Weil Sie ein Lied davon singen können wie schnell es gehen kann, mal der Star und im nächsten Moment im Zentrum der Kritik zu sein?

Calhanoglu Ich habe mich daran gewöhnt, dass der Weg vom Helden zum Versager im Zusammenhang mit sportlichen Leistungen - besonders im Profi-Fußball - nicht sehr weit ist. Die Sichtweise einiger Leute ändert sich manchmal binnen eines Spiels. Damit muss man in dem Geschäft leben. Spielt man nicht wie es die Leute erwarten, wird direkt alles schlecht geredet. Dann kommen wieder Spiele, in denen ich einen Freistoß verwandele und womöglich das Spiel entscheide. Dann bin ich wieder der Held. So ist das.

Fotos: Bayers dritter Tag in Florida FOTO: KSmediaNET

Können Sie Kritik tatsächlich so leicht abschütteln? Gerade in der Hinrunde mussten Sie viel davon einstecken. Auch von den Fans, die Sie in den sozialen Netzwerken teils sehr übel beschimpft haben.

Calhanoglu Vieles habe ich gelesen, einige haben sogar gefordert, dass ich den Verein verlassen soll. So etwas geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei. Wenn ich ehrlich bin, treffen mich manche Aussagen schon. Natürlich hat der Verein viel Geld für mich bezahlt und setzt große Hoffnungen in mich. Aber man darf nicht vergessen, dass ich erst 21 Jahre alt bin. Junge Spieler können Schwankungen unterliegen. Die sollte man ihnen auch zugestehen.

Heißt, die Kritik ist berechtigt? Auch Sportdirektor Rudi Völler hat unter anderem Sie öffentlich in die Pflicht genommen.

Calhanoglu Kritik in der Sache ist immer berechtigt. Und unser Sportchef Rudi Völler hatte ja vollkommen Recht damit. Ich sehe das als Ansporn. Wenn ich diese Hinrunde mit der davor vergleiche, dann muss ich so ehrlich sein und sagen, dass ich im Jahr davor deutlich besser gespielt habe und ich es besser kann.

Völler: "Es wird sich zeigen, ob wir die Qualität umsetzen können"

Ein Vorwurf lautete, dass Sie auf dem Platz zu wenig präsent waren - gerade in den Spielen, in denen es nicht lief - und als Impulsgeber fehlten. Warum lief es nicht?

Calhanoglu Gute Frage. Nachdem ich in den zurückliegenden Jahren in Karlsruhe, Hamburg und im ersten Jahr in Leverkusen konstant gut gespielt habe, bin ich in ein kleines Loch gefallen. Ich denke manchmal zu viel nach, setzte mich selbst zu sehr unter Druck, weil ich weiß, dass die Leute auch viel von mir erwarten. Das ist Kopfsache bei mir. Ich versuche aber immer, das Beste für meine Mannschaft zu geben - auch wenn es dann nicht immer gelingt, das auch auf dem Platz umzusetzen. Für die Rückrunde habe ich mir vorgenommen, es besser zu machen. Wir als Team wollen erfolgreicher spielen, um unsere Ziele zu erreichen. Ich arbeite hart daran, meinen Teil beizutragen. Die letzten drei Spiele machen mir Mut.

Auch in Ihrer Paradedisziplin, dem Schießen von Freistößen, klappte es in dieser Spielzeit bisher erst einmal mit einem Torerfolg. Im Trainingslager treffen Sie bislang erfolgreich.

Calhanoglu In der Hinrunde hatte ich aufgrund der vielen Spiele wenig Zeit, Freistöße zu trainieren. Da stand häufig die Regeneration im Vordergrund. Ich brauche die Übung, um drin zu bleiben. Ich hoffe, dass in der Rückrunde das gute Gefühl im Fuß zurückkehrt.

Liegt Ihre Zukunft auch über die Saison hinaus in Leverkusen? Immer wieder soll es Anfragen für Sie geben.

Calhanoglu Ein Wechsel ist zum jetzigen Stand für mich kein Thema. Ich habe dem Verein viel zu verdanken, fühle mich wohl und will hier bleiben. Einen anderen Plan gibt es derzeit nicht.

Nun ist 2016 für Sie nicht nur ein wichtiges Jahr mit Bayer 04, sondern auch mit der Nationalelf. Sie sind mit der Türkei für die EM qualifiziert.

Calhanoglu Und ich hoffe wirklich, dass ich verletzungsfrei aus der Saison rauskomme und in Frankreich dabei sein kann. Die Türkei hat seit 2008 nicht mehr bei einem Großereignis gespielt. Dass wir wieder bei einem solchen Turnier dabei sind und unser Land auf dieser internationalen Bühne repräsentieren, ist für die Menschen in der Türkei, aber auch für uns als Mannschaft sehr wichtig. Wir sind ein sehr junges Team und wollen in der schweren Gruppe mit Spanien, Kroatien und Tschechien unbedingt weiter kommen. Am liebsten bis ins Finale. (lacht)

Während einige Ihrer Teamkollegen ihren Winterurlaub bereits über Silvester in den Vereinigten Staaten verbracht haben und nahtlos ins Trainingslager in Orlando eingestiegen sind, haben Sie eine Pilgerreise nach Mekka zu den heiligen Stätten des Islam unternommen.

Calhanoglu Das war ein unbeschreibliches Erlebnis. Einmal im Leben muss jeder gläubige Muslim dort gewesen sein. Ich bin mit meiner Verlobten, die ich im Sommer heiraten möchte, und meiner Familie hingereist. Es war unglaublich zu sehen, wie viele Menschen dort zusammen kommen und beten.

Wie wichtig ist Ihnen der Glaube?

Calhanoglu Mir ist meine Religion sehr wichtig. Ich habe im Trainingslager meinen Gebetsteppich dabei und versuche, mich an die Gebetszeiten zu halten.

Und das heißt?

Calhanoglu Fünf Mal am Tag. Das klappt auch ganz gut. Die Zeiten passen perfekt. Der Glaube hilft mir und gibt mir für die Rückrunde zusätzlich Kraft. Ich will zeigen, dass ich ein wichtiger Spieler für die Mannschaft sein kann.

Quelle: RP
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