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Leverkusen-Manager Jonas Boldt
"Das öffentliche Bild von Schmidt ist viel zu negativ"

Bayer 04 Leverkusen: Jonas Boldt beklagt "viel zu negatives" Bild von Roger Schmidt
Bayer Leverkusens Manager Jonas Boldt. FOTO: KSMediaNet
Leverkusen. Jonas Boldt,seit 2014 als Manager Sport bei Bayer 04 für die Kader-Planung mitverantwortlich, spricht im Interview über das Bild von Trainer Roger Schmidt in der Öffentlichkeit, unkalkulierbares Verletzungspech und Gerüchte um Lucien Favre.

Herr Boldt, Dreiviertel der aktuellen Saison liegen hinter Bayer 04. Im DFB-Pokal und in der Europa League ist Leverkusen nicht mehr vertreten. In der Liga startet der Klub als Sechster in den Endspurt. Wie ordnen Sie die bisherige Saison ein?

Boldt Als Zwischenfazit muss man sicher festhalten, dass die Saison bis hierhin nicht wie gewünscht verlief. Wir hatten Aufs und Abs, mit zum Teil schwierigen Phasen, in denen wir auch Fehler gemacht haben. Aber es sind auch noch sieben Spieltage zu absolvieren. Das wichtigste Saisonziel, die Qualifikation für das internationale Geschäft, ist weiter erreichbar. Wir haben es insbesondere in den Duellen mit Wolfsburg, Berlin, Schalke und Gladbach selbst in der Hand.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Boldt Bei allem Sportlichen, was sicher zum Teil zu Recht kritisiert wurde, haben wir zwischendurch aber sehen können, welches Potenzial in der Mannschaft steckt. Gerade das Stuttgart-Spiel hat gezeigt, was trotz vieler Ausfälle möglich ist. Nun haben wir keine Englischen Wochen mehr, und hoffen, dass sich nach der Länderspielpause die Verletztenproblematik entspannt. Wir sind jedenfalls überzeugt davon, dass wir auch in der nächsten Saison international spielen. Ob Champions League oder Europa League werden wir sehen.

Schmidt kehrt nach Sperre auf Bayers Bank zurück FOTO: dpa, fg htf

Ärgert es Sie, dass die Mannschaft ihr Potenzial nicht regelmäßiger abruft?

Boldt Natürlich ärgern wir uns darüber, wenn wir Spiele verlieren. Wir sprechen auch über die Gründe und wissen, dass gewisse Dinge unglücklich gelaufen sind. Aber wir wissen auch, dass bei uns für den Erfolgsfall vieles funktionieren muss. Was lief zum Beispiel schief? Boldt Grundsätzlich ist es mir zu einfach, über Verletzte zu klagen. Aber man muss in unserem Fall schon sehen, welche Spieler das waren. Es fing damit an, dass wir ohne unseren Abwehrchef Ömer Toprak in die Saison gestartet sind. Auch Charles Aránguiz fehlte, den in Leverkusen bisher noch niemand gesehen hat, von dem wir uns aber aufgrund seiner Erfahrung viel erhofft haben. Dann kam irgendwann Lars Bender hinzu. Der Kader hat zwar enorme individuelle Qualität, damit brach aber von Anfang an eine Achse weg, die qualitativ wichtig für unser Spiel gewesen wäre. Wir können von den jungen Spielern nicht erwarten, dass sie alle drei Tage auf konstant hohem Niveau ihre Leistung abrufen. Vor allem, wenn sie so jung in die Verantwortung müssen.

Ist der Kader gerade in solchen Momenten, wenn wichtige Spieler wegbrechen, für die Anforderungen in der Breite zu schwach besetzt?

Boldt Das kann man dann immer leicht sagen. Aber es hat unsere Mannschaft – aus welchen Gründen auch immer – in einer besonderen Härte getroffen. Das ist ein Risiko, das wir bei Bayer Leverkusen immer eingehen müssen. Wir haben einige Säulen im Team, um die herum wir auf junge, talentierte Spieler setzen. Wenn zu viele dieser Säulen wegbrechen, die der Mannschaft Stabilität geben, wird es schwer.

Haben Sie den Aderlass an erfahrenen Spielern im Sommer ein Stück weit unterschätzt?

Boldt In solchen Situationen kommt es sicher schwerer zum Tragen, dass Simon Rolfes, Stefan Reinartz oder Gonzalo Castro Bayer 04 verlassen haben und vor allem Emir Spahic nicht mehr da ist. Allein auf der Sechserposition haben wir bislang mit zehn verschiedenen Spielern gespielt. Aber eigentlich hatten wir diese Spieler adäquat ersetzt. Das diese sich dann verletzt haben ist eben nicht kalkulierbar, hätte den anderen aber auch passieren können.

Wenn man merkt, dass die Saison schwierig werden könnte. Wäre es dann – auch zum Schutz der jungen Spieler – nicht richtig, die Saisonziele zu korrigieren?

Boldt Das finde ich nicht. Bayer Leverkusen ist nicht authentisch wenn wir anfangen zu erzählen: Wir wollen Siebter oder Achter werden. Dann sage ich ganz ehrlich: bin ich fehl am Platz. Das wäre das falsche Signal. Es ist natürlich schwer, in die Champions League zu kommen. Aber wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind, sondern sagen: Wir trauen uns das zu. Wenn es mal nicht funktioniert, was in dieser Saison passieren kann, muss man die Gründe analysieren. Deswegen wird hier aber niemand hektisch. Auch wenn die natürliche Reaktion von außen ist, direkt auf den Trainer loszugehen.

Fotos: Das ist Roger Schmidt FOTO: afp, pbe/iw

Er trägt die Verantwortung.

Boldt Das stimmt. Und ich kann auch verstehen, dass die Fans unzufrieden sind, wenn wir nicht gewinnen. Aber sie sehen doch auch, unter welchen Voraussetzungen wir zum Teil gespielt haben – und dass hier nicht schlecht gearbeitet wird. Wir können mitten in der Saison nun mal keine neuen Spieler holen, weil wir zu viele Verletzte haben. Dann direkt den Trainer in Frage zu stellen, ist mir zu einfach.

War die Lage so prekär, wie sie beschrieben wurde?

Boldt In Bezug auf den Trainer überhaupt nicht. Eine Trennung war nie ein Thema. Natürlich hat man Druck, wenn man dreimal in Folge verliert und die Ziele aus den Augen verliert. Es ist aber die Qualität von Bayer 04, in solchen Situationen die Nerven zu behalten und sich nicht von Populismus treiben zu lassen.

In der Vergangenheit wurden in Leverkusen aber durchaus schon Trainer entlassen, wenn die Gefahr bestand, Ziele zu verpassen.

Boldt Ich finde, die Basis der Entscheidung muss immer sein, herauszufinden, warum man die Ziele nicht erreicht hat. Da ist für uns ganz klar, dass in dieser Saison so viele Dinge ineinander geraten sind, dass es einfach schwer war, alle drei Tage die sportliche Qualität abzurufen, die von uns gefordert wird, um die Spiele in der Bundesliga und Champions League zu gewinnen.

Wie erklären Sie sich dann angebliche Aussagen, dass Spieler unzufrieden sind und wegen Roger Schmidt Wechselgedanken hegen?

Boldt Zu mir hat das noch kein Spieler gesagt. Ich lese auch, mit welchen Spielern wir verhandeln, oder mit welchem Trainer, und wundere mich manchmal.

Fotos: Schmidt sieht Spiel von der Tribüne, Krösche steht an der Linie FOTO: dpa, fve htf

Angeblich soll Bayer Kontakt zu Lucien Favre haben.

Boldt Den gibt es nicht.

Sitzt Roger Schmidt in der nächsten Saison auf der Bank – auch wenn Bayer 04 das internationale Geschäft verpasst?

Boldt Auf jeden Fall. Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass Roger Fehler gemacht hat. Er polarisiert mit seiner Art, und es ist nicht immer leicht, in einer schwierigen Phase, noch dazu wenn du angezählt wirst, stets die Souveränität zu behalten. Doch wenn man sieht, wie er Tag für Tag Leidenschaft vorlebt, Ansprachen hält, das Training leitet und vor allem Spieler besser macht – auch wenn das mitunter anders gesehen wird – dann sehen wir uns bestätigt. Bayer 04 hat seit langem wieder vier Spieler in der A-Nationalmannschaft. Karim Bellarabi, Bernd Leno und Jonathan Tah sind erst unter ihm Nationalspieler geworden. Von allen Bundesligisten setzt er die meisten U21-Spieler ein.

Hat die Öffentlichkeit ein falsches Bild von Roger Schmidt?

Boldt Egal wo ich hinkomme, auch im Ausland, werde ich gefragt: Was haben die Medien eigentlich mit Roger Schmidt? Diejenigen, die ihn persönlich kennen, sagen ohnehin, dass er umgänglich ist, wenn man auch respektvoll mit ihm umgeht. Ich bekomme permanent Anfragen von renommierten Trainern, die sich sein Training anschauen wollen und von ihm persönlich sehr angetan sind, wenn es dann auch mal zu einem Treffen gekommen ist. Dass Teile der Öffentlichkeit ein viel zu negatives Bild haben, ist definitiv so. Schade eigentlich.

Sie machen sich für einen Mentalitätswandel im Verein stark und fordern von den Leuten, ein Stück weit mutiger und selbstbewusster in ihrem Denken und Tun zu sein.

Boldt Warum sollen wir uns kleiner machen als wir sind? Bayer 04 hat sich doch wirklich etwas erarbeitet – national wie international. Wir haben den Ruf, dass in Leverkusen gut gearbeitet wird. Obwohl wir die Werkself sind, wird in dem Zusammenhang aber überwiegend von Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig gesprochen. Wir haben es in den letzten fünf Jahren viermal in die Champions League geschafft. Das ist nicht selbstverständlich, aber wir sollten so selbstbewusst sein, dass wir auch in Zukunft dazu gehören wollen. Wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Sämtliche Mitarbeiter bei Bayer04 müssen bereit sein, sich nicht immer nur in der Vergangenheit zu bewegen, sondern nach vorne zu schauen und die Ärmel hochkrempeln.

Warum ist dieses – ich nenne es mal – reservierte Denken bei Bayer 04 so?

Boldt In dem Moment, in dem man offensiver auftritt, macht man sich angreifbar. Zu sagen, wir werden Deutscher Meister wäre unrealistisch. Dafür gibt es Bayern und Dortmund, die mehr Mittel haben, und es noch dazu sehr gut umsetzen. Wenn ich unsere Saison ansehe: Wir waren alle enttäuscht nach dem Pokalaus. Davor wurde mir aber schon zu viel vom DFB-Pokalsieg gesprochen. Aber dafür musst du eben erst mal das Viertelfinale und zwei weitere Spiele gewinnen und nicht nur von Berlin träumen. Da fehlt mir manchmal die Fokussierung auf das Wesentliche. Das ist ein Punkt, den Top-Mannschaften vielleicht besser hinbekommen.

Kann man in diesem Punkt von Klubs wie Bayern München lernen, die offensichtlich nicht satt werden davon, Maximales erreichen zu wollen?

Boldt Auf jeden Fall. Ich mag das Wort Siegergen nicht, aber die Bayern ruhen sich nicht auf Erfolgen aus. Natürlich haben sie auch eine besondere spielerische Qualität, aber das Spiel gegen Juventus hat gezeigt, dass Qualität auch etwas mit Mentalität zu tun hat. Für uns gesprochen: Das Stuttgart-Spiel tut sicher gut, aber damit haben wir noch nichts erreicht. Es geht darum, sich Tag für Tag zu verbessern und das Beste herausholen. Vorzuleben, dass du immer das nächste Spiel gewinnen möchtest.

Sie sind sehr ehrgeizig, haben große Ziele? Das macht Sie auch für andere Vereine interessant.

Boldt Leverkusen ein spezieller Klub ist für mich, der mir schon immer am Herzen lag. Aber ich habe natürlich Ziele und will Dinge erreichen. Am liebsten mit Bayer Leverkusen. Mit allem anderen beschäftige ich mich aktuell nicht. Wenn ich sehe, wo ich vor fünf Jahren war, sieht man wie schnelllebig der Fußball ist. Mein Ziel ist es mit Bayer erfolgreich zu sein, Dinge zu bewegen. Dass man in seiner Karriere weiterkommen möchte, ist nachvollziehbar und normal. Wenn ich das nicht wollen würde, hätte Bayer den falschen Mann auf dieser Position.

Sie sprechen das Stuttgart-Spiel an. Es lieferte in vielerlei Hinsicht wichtige Erkenntnisse. Spieler wie Julian Brandt, die zuletzt im Formtief steckten, blühten plötzlich auf.

Boldt Julian ist ein interessantes Beispiel. Er läuft pro Spiel im Schnitt einen Stundenkilometer schneller als zum Beispiel Robben, Aubameyang, Reus oder Costa. Das zeigt, dass er die Einstellung hat, alles zu tun, sich dabei aber vielleicht etwas übernimmt. Gleiches gilt für Admir Mehmedi. Dass viele Bälle verloren gehen verwundert nicht, wenn man sieht, dass beide permanent im hohen Tempo unterwegs sind. Man sah im Spiel gegen Stuttgart, dass die Pässe sauberer und die Aktionen erfolgreicher sind, wenn sich die Jungs gezielte Pausen nehmen und nicht ununterbrochen mit hohem Puls agieren.

Heißt, es hat ein gewisser Lerneffekt stattgefunden, dass man mit dem extremen Pressing, mit dem Roger Schmidt in Leverkusen gestartet ist, dauerhaft nicht erfolgreich sein kann?

Boldt Wir haben vor anderthalb Jahren mit absolutem Pressing angefangen, das war neu und überraschend. Das hat sich dann vor allem in der Rückrunde etwas nivelliert. Wir pressen seitdem nicht mehr ganz so wild, sondern gezielter. Das hat eben auch mit einem logischen Entwicklungsprozess zu tun. Es liegt aber doch nicht am System. Wichtig ist, egal wie du spielst, dass es im Kollektiv umgesetzt wird und funktioniert. Unser Problem war in dieser Saison, dass wir zu viele individuelle Fehler gemacht haben.

Was kann man von Aránguiz noch erwarten?

Boldt Der Heilungsprozess seiner Achillessehne verläuft sehr gut, aber man sollte für diese Spielzeit nicht mehr zu viel erwarten. Wir haben bewusst einen langfristigen Vertrag mit ihm abgeschlossen, weil wir uns von ihm einiges erhoffen. Vielleicht sehen wir in dieser Saison noch etwas davon, da ist aber kein Druck. Wichtig ist, dass er fit wird. Dann können wir uns auf ihn freuen.

Bernd Leno besitzt eine Ausstiegsklausel und könnte den Verein im Sommer verlassen. In dem Zusammenhang tauchen Gerüchte auf, Bayer würde mit Ron-Robert Zieler verhandeln.

Boldt Dass Bernd ein Spieler ist, der den Wunsch hat irgendwann mal für einen Top-Klub zu spielen, ist normal und legitim. Gleiches gilt für andere auch. Ich denke aber, jeder weiß, was er in Leverkusen hat. Insbesondere Bernd betont das immer wieder. Richtig ist, dass wir bei manchen Spielern wie eben Bernd Leno oder Karim Bellarabi das Heft des Handelns nicht immer in der Hand haben und wir demnach vorbereitet sein müssen, wenn sie sich zu einem gewissen Zeitpunkt für eine Top-Adresse entscheiden sollten. Ob es dann so kommt, werden wir sehen. Namen werden wir aber sicher nicht öffentlich diskutieren. Unsere Transferaktivitäten hängen natürlich stark von unserer Abschlussplatzierung ab. Kommen wir in die Champions League, ist es natürlich einfacher, Spieler zu verpflichten oder zu halten. Früher hatte Bayer im März/April bereits alle Schäfchen im Trockenen. Das wird nicht mehr passieren. Der Markt verlagert sich. Überdies haben wir im Sommer EM, Copa America, Olympia oder insbesondere U-Turniere. Diese waren früher Scoutingmaßnahmen, bei denen Entscheidungen für die Zukunft getroffen wurden. Heute verpflichtet man dort Bundesliga-Spieler. Ich gehe davon aus, dass es ein langer Sommer wird.

Sind Sie bei der EM anzutreffen?

Boldt Wo genau ich hinreise, steht noch nicht fest. Wohl aber, dass ich den Sommer über sehr sehr viel Fußball schauen werde.

Wie sehen Sie die Chancen, dass Chicharito bleibt?

Boldt Chicharito wird alles dafür tun, um mit der Mannschaft unser Ziel zu erreichen. Darüber hinaus hat er zwei weitere Jahre Vertrag bei uns. Um einem Spieler wie ihn zu verpflichten, muss vieles zusammenpassen.

Wie viele Spieler dieser Kategorie wird man künftig in Leverkusen zu sehen bekommen?

Boldt Selbstverständlich ist das nicht und wird sicherlich nicht regelmäßig gelingen. Der Transfer bedurfte langer, hartnäckiger Arbeit, Vision und sehr viel Optimismus. Ich habe mich oft gefragt, warum tust du das? Dafür wirst du doch für verrückt erklärt. Er ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass wir mit Stolz die Qualität des Klubs nach außen tragen können. Und dass es sich lohnt, neben all der Arbeit die wir machen, immer etwas mehr zu machen – weil man an Dinge glaubt, die eigentlich unmöglich erscheinen.

STEFANIE SANDMEIER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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