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Bayer Leverkusen
Reine Kopfsache – Brandt bleibt geduldig

Porträt: Das ist Julian Brandt
Porträt: Das ist Julian Brandt FOTO: afp, pst-jlu
Leverkusen. In der Hinrunde saß der 19-Jährige meist auf der Bank - doch Bayers Youngster hat keine Eile und schätzt seine Situation realistisch ein. Von Stefanie Sandmeier

Gesprächstermine mit Julian Brandt gehören zu denen der angenehmeren Art. Der Bayer-Profi ist verbindlich, selbstkritisch und hat eine erstaunlich reflektierende Sicht auf die Dinge. Dass dies besonders erwähnenswert ist, mag vor allem an seinem Alter liegen.

Brandt ist 19 Jahre alt - und kommt zunächst wie ein 19-Jähriger daher. Lässig - und ganz modern mit Löchern in der Hose. Dazu trägt er eine Cap und Turnschuhe. Dass er in der Hotel-Lobby mit Weltmeister Christoph Kramer über seine Kopfbedeckung witzelt, ist eine nette Anekdote am Rande. Denn was Leverkusens offensiver Mittelfeldspieler zu erzählen hat, lohnt gehört zu werden - weil da einer sitzt, der ehrlich mit sich und seiner Leistung umgeht, eine klare Sprache wählt und auf dem Boden geblieben wirkt.

Fotos: Chicharito trifft Uchida und Micky Maus FOTO: Sandmeier

Dabei gäbe es in dieser Spielzeit vielleicht sogar mehr Grund zu hadern. Bisher kommt Brandt zwar auf 14 Einsätze und zwei Tore, aber meist stand er davon nur eine überschaubare Zeit auf dem Platz. Oft zu kurz, um entscheidend auf das Spiel einwirken zu können. Wenn Brandt auf das zurückliegende Jahr blickt, "dann war das ein durchwachsenes mit Höhen und Tiefen", sagt er. Gegen Ende der Rückserie trumpfte er vor allem auf, als er in drei Partien in Folge traf.

Das ließ für diese Spielzeit auf mehr hoffen. Brandt, der im Winter der Saison 2013/14 vom VfL Wolfsburg nach Leverkusen wechselte, und dem bisher eine gute Entwicklung (zwischenzeitlich von Verletzungen eingebremst) bescheinigt wird, weiß um die Erwartungshaltung. Auf der einen Seite ist er erst 19 Jahre alt. Aber eben schon zwei Jahre bei Bayer 04. "Ich bin selbst jemand, der sich hohe Ziele setzt, aber ich weiß, dass es nichts bringt, zu viel zu erwarten. Druck kann auch hemmen", erklärt Brandt. "Ich würde natürlich gerne mehr spielen. Aber hey, wir sind offensiv überragend gut besetzt. Da muss man als junger Spieler geduldig sein."

Brandts angestammte Position auf der linken Außenbahn nahm in der Hinserie meist Hakan Calhanoglu ein. Und auf der rechten Seite spielte Karim Bellarabi. Über sechs Startelfeinsätze kam er in der Liga nicht hinaus. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie in Leverkusen große Stücke auf den U 19-Europameister halten, dem es in dieser Saison bisher schwerer fiel, als Startelfspieler (wie gegen Bremen) zu überzeugen. Umso wertvoller aber war er, wenn er als Joker wie gegen Hoffenheim traf oder wie beim 4:4 gegen Rom (in der 66. Minute gekommen) und im Pokal in Köln seine Qualitäten zeigte. Daran möchte der gebürtige Bremer anknüpfen, der an diesem Mittag über vieles spricht - über Ziele, Musik oder das Ausziehen von zu Hause in einem Alter, in dem man am liebsten noch von Mutti bekocht wird.

Chicharito in Disney Land

Julian über ...

... Ziele: Ich möchte vieles erreichen in meiner Karriere, aber ich will eben nichts überstürzen. Klar möchte ich auch lieber spielen, aber ich bin nicht ungeduldig, weil ich mit 19 Jahren noch keinen Stammplatz habe. Aber bei aller Zeit, die ich mir selbst gebe, ist mein klares Ziel, mir diesen so schnell wie möglich in Leverkusen zu erkämpfen. Es wird angesichts der Qualität in unserem Kader allerdings nicht einfach, sich da durchzubeißen.

... Erwartungshaltungen: Ich erwarte selbst von mir, dass ich den nächsten Schritt mache. Das Kuriose ist ja: Auf der einen Seite kann es gerade für junge Spieler nicht schnell genug gehen. Man will am liebsten alles sofort. Wenn man dann nicht spielt und unzufrieden ist, bekommt man zu hören: Bleib cool, du bist ja noch so jung. Ich sehe das entspannt, aber jeder Fußballer hat ein gesundes Ego und will sich natürlich in der Statistik lesen.

... Rückmeldungen: Rudi Völler kam irgendwann mal auf mich zu und sagte: Hey Jule, du musst egoistischer werden. Überspitzt ausgedrückt spiele ich eben noch den Ball ab, auch wenn ich alleine aufs Tor zulaufe. Mannschaftsdienlich zu denken, ist sicher gut. Aber mal ehrlich, wie oft werden Leistungen nur anhand von Statistiken bewertet? Derjenige, der kein Tor gemacht hat, der war nicht gut. Ab und zu muss man auch mal schauen, dass man selbst gut wegkommt. Da gilt es eine Balance zu finden.

... gute Musik: Ich liebe Musik aus Nord- und Südamerika. Ich höre sehr viel spanische und brasilianische Musik, meist Reggaeton. Am liebten Titel von Nicky Jam. Gut finde ich auch Musicals. Ich war bestimmt fünfmal in König der Löwen. Mancher findet das vielleicht schnulzig. Ich finde das überragend, was da abgeliefert wird.

... Chicharito: Er ist ein Star, der viel rumgekommen und wahnsinnig professionell ist. Er weiß, wie der Fußball funktioniert. Von ihm lerne ich, dass man sein Ding machen soll. Wie eiskalt und überlegt er seine Tore schießt, ist beeindruckend. Wir spielen Pressing, aber er schafft es trotzdem noch, Dinge mit Auge zu antizipieren. Man sieht ihn nicht. Auf einmal ist er da und trifft.

... die eigene Entwicklung: Ich bin physisch viel kompakter und auch psychisch stärker geworden. Wenn man als junger Spieler in einen Verein kommt, ist man unsicher, spielt oft zu hektisch und macht mehr Fehler. Dieses Aufgeregtsein habe ich abgelegt. Wollen Sie ein Beispiel? Wenn Kyriakos Papadopoulos früher auf mich zugerannt wäre im Training, wäre ich nervös geworden. Jetzt bin ich da ganz cool. Ach ja, und ich bin mittlerweile raus aus der Nummer, Bälle tragen zu müssen (lacht).

... den Traumberuf Fußball-Profi: Ich rate jedem kleinen Jungen, der Fußballer werden will und die Voraussetzungen dafür hat, das auf jeden Fall zu versuchen. Machen wir uns nichts vor, das ist ein toller Beruf, ein Privileg. Aber es gehört für Jugendliche schon eine Menge Verzicht dazu. Ich bin mit 15 zu Hause ausgezogen und habe meine Jugend ein Stück weit geopfert.

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Quelle: RP
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