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Bayer Leverkusen
Schade: "Europa League ist kein Loser-Cup"

Das ist Michael Schade
Das ist Michael Schade FOTO: Bayer AG
Leverkusen. Nach dem Ausscheiden in der Champions League bestreitet Bayer Leverkusen am Donnerstag (21.05 Uhr/Live-Ticker) sein Zwischenrunden-Hinspiel in der Europa League bei Sporting Lissabon. Leverkusens Geschäftsführer Michael Schade spricht über Ziele, finanzielle Auswirkungen und die Chancen, Chicharito im Verein zu halten.

Herr Schade, mit welchem Gefühl fliegen Sie nach Lissabon?

Michael Schade Vor internationalen Spielen herrscht bei mir immer Vorfreude. Wir haben es sehr bedauert, dass wir den Sprung ins Champions-League-Achtelfinale verpasst haben. Aber wir haben uns ziemlich schnell aufgerichtet und gesagt: Wir nehmen jetzt die Europa League an und versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Ich bin weiterhin der Meinung, dass dies inzwischen ein sehr attraktiver Wettbewerb ist, der in den vergangenen Jahren eine enorme Aufwertung erfahren hat. Man muss nur schauen, wer noch dabei ist. Bei Mannschaften wie Manchester United oder Liverpool, Tottenham und Neapel, Sevilla oder Valencia kann man nicht mehr sagen, das ist der Loser-Cup.

Wie schätzen Sie Bayers Gegner Sporting Lissabon ein?

Schade Im Moment ist das sicher die stärkste portugiesische Mannschaft. Sporting führt die Meisterschaft an, ist Pokalsieger und gewinnt in Serie. Das wird eine Herausforderung für uns. Wir fahren mit dem nötigen Respekt dort hin – aber eben auch mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein und der Motivation, diesen Gegner ausschalten zu können.

Welches Ziel setzt sich Bayer 04?

Schade Wir haben mit dem Aus im DFB-Pokal eines unserer Ziele verfehlt. Bleiben uns in der Liga und der Europa League noch zwei Gelegenheiten – darauf sollten wir uns intensiv konzentrieren. Ziel ist zum Saisonende die Champions-League-Qualifikation. Aber warum sollten wir jetzt nicht versuchen, in der Europa League weit zu kommen?

Was stimmt Sie so positiv?

Schade Zunächst die Qualität der Mannschaft, die vieles erreichen kann, wenn sie ihr Potenzial abruft. Mut machend war sicher auch das Spiel in Darmstadt. Dort hat das Team den Charaktertest bestanden, weil es nicht um Schönspielerei ging, sondern um Willensschulung. Dass wir gerade in solchen – ich nenne sie mal dreckigen Spielen, in denen es nicht so gut läuft – den Kampf annehmen können, das ging uns bisher etwas ab. Die Mannschaft hat gemerkt, dass es spielerisch nichts zu gewinnen gab und hat die Waffen des Gegners angekommen und damit Erfolg gehabt. Das bleibt gerade bei unseren jungen Spielern hängen, und an so ein Erfolgserlebnis kann der Trainer sie auch später noch manches Mal erinnern, wenn es in der ersten Hälfte nicht läuft.

Haben Sie die Enttäuschung über das Pokal-Aus inzwischen überwunden?

Schade Ehrlich gesagt: Ich bin nachhaltig enttäuscht – wie alle. Das Pokalfinale war für uns ein großes Ziel. Wir hatten dreimal hintereinander ein Viertelfinale zu Hause und haben es dreimal nicht geschafft weiterzukommen. Das tut weh. Wir wollen – egal in welchem Wettbewerb – zeigen, dass wir bei den Besten sein können. Das geht im Pokal am einfachsten. Mit fünf Siegen – ein wenig Losglück vorausgesetzt – steht man im Endspiel.

Warum passiert es immer wieder, dass Bayer 04 in entscheidenden Spielen scheitert?

Schade Diese Aussage ist mir zu pauschal. Für mich ist das ein typisches Klischee der Jahre 1999 bis 2002. Dass wir auch wichtige Spiele gewinnen können, haben wir doch in jüngster Vergangenheit bewiesen. Ich nenne nur die Qualifikationsspiele für die Champions League. Wir haben in Rom 0:1 verloren. Zu Hause ging es um alles, und wir haben 3:0 gewonnen. In den Play-offs erfolgreich zu sein, ist für uns als Verein von elementarer Bedeutung. Wir haben übrigens in all den Jahren alle Qualifikationsspiele zur Champions League stets erfolgreich überstanden. Da geht es um den Etat für die darauffolgende Spielzeit und um eine Summe von 17 Millionen Euro für das Erreichen der Königsklasse. Für uns ist das viel Geld. Solche Spiele sind genauso herausfordernd wie ein Pokal-Viertelfinale.

Bis ins Finale der Europa League sind es noch acht Spiele. Glauben Sie, dass die Mannschaft das Durchhaltevermögen und die Qualität hat?

Schade Ihre Qualität hat sie in Spielen wie gegen Barcelona bewiesen. Überdies sind wir die Mehrfachbelastung gewohnt. Ich wünsche mir noch viele Englische Wochen, denn das würde bedeuten, dass wir Erfolg haben.

Haben das Abschneiden und die damit verbundenen Einnahmen in der Europa League Einfluss auf die weitere Transferpolitik?

Schade Nein, wir planen Investitionen und damit unsere Transfers nie kurzfristig. Und vor allem planen wir nicht mit Geld, das wir nicht haben. Der Sommer ist auch noch weit weg. Bei dem, was finanziell vor allem aus England auf die Bundesligavereine zukommen wird, ist es müßig, bereits jetzt über konkrete Dinge nachzudenken. Da werden Angebot und Nachfrage nach Spielern in einer Dimension entstehen, die wir bisher noch gar nicht vermuten.

Heißt, Sie müssen damit rechnen, dass nach Heung-Min Son weitere Bayer-Profis mit horrenden Summen gekauft und gelockt werden?

Schade Rechnen muss man damit immer. Stand heute wollen wir aber keinen Spieler abgeben. Wir wollen die Mannschaft halten und optimieren. Inwiefern das gelingt, wird man sehen. Aber auch für uns gilt: Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, da gibt es nun mal Schmerzgrenzen. Wenn solche exorbitanten Angebote kommen, werden wir diese prüfen und sehen, was sie uns bringen. Wir haben vom Geld der Engländer im Fall Son letztlich profitiert. Im Nachhinein kann ich sagen, dass für uns Kevin Kampl und Chicharito im Paket wichtiger sind als ein einzelner Spieler. Wenn wir das mit jedem Transfer in ähnlicher Weise hinbekommen, stärken wir die Qualität des Kaders insgesamt.

Womit werden Sie Chicharito überzeugen, dass er über die Saison hinaus in Leverkusen bleibt?

Schade Zunächst einmal hat er Vertrag. Sein Wechsel zu uns hat gezeigt, dass es ihm nicht nur ums Geld geht. Gleiches gilt für Charles Aránguiz. Beide standen in Verhandlungen mit englischen Vereinen. Das waren keine Topklubs, aber sie hätten dort mehr verdient. Beide haben sich aber für die sportliche Perspektive – Champions League in Leverkusen zu spielen – entschieden.

Ich frage anders. Wie groß ist der Druck, die Königsklasse erreichen zu müssen? Anders dürfte es schwierig werden, Chicharito zu halten.

Schade Das könnte so sein, aber wenn wir die Champions League erreichen, haben wir sehr gute Chancen, dass er bei uns bleibt. Chicharito hat bisher auch nie gesagt, dass er weg will. Er fühlt sich wohl, weil er um die Wertschätzung seiner Person weiß. Er will ins Rampenlicht und möchte, dass ihm die Leute in Mexiko beim Toreschießen zusehen können. Bei Bayer 04 spielt er in einer Mannschaft, die ihm das ermöglicht. Er profitiert sehr stark vom Spielstil unserer Mannschaft und von seinen Nebenleuten. Damit hilft er uns, aber wir auch ihm.

Was kann Bayer 04 in dieser Saison erreichen?

Schade Eine Mannschaft wie Bayer 04 kann immer zwischen Platz zwei und sieben landen. Das erklärte Ziel ist aber die Champions League – und das wollen wir versuchen zu erreichen. Im Moment sieht es nicht schlecht aus, wenngleich die Liga sehr ausgeglichen ist und man schnell Plätze verlieren kann. Ein gutes Ergebnis gegen Dortmund am Sonntag könnte ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung sein.

Nun kann man sagen, die Liga ist ausgeglichen, oder aber die Topklubs, zu denen auch Bayer 04 gehört, lassen zu viele Punkte liegen.

Schade Auch das ist sicher richtig. Wir haben in der Hinrunde viele Punkte verschenkt, weil wir einige schlechte Spiele abgeliefert haben und zum Teil lange auf wichtige Spieler verzichten mussten. Verletzungssorgen haben andere auch, aber für uns waren das besonders wertvolle Spieler. Ein Bender oder Toprak ist für uns genauso wertvoll wie ein Badstuber oder Boateng für Bayern München. Von Aránguiz ganz zu schweigen.

Im Pokal-Viertelfinale blieben viele Sitzplätze frei. Das droht auch für die Europa League. Woran liegt das?

Schade In der Bundesliga ist das Stadion fast immer ausverkauft. Wir haben den Schnitt von 22.000 auf 29.700 Zuschauer erhöht. Dass wir in der Woche Probleme haben, das Stadion voll zu kriegen, begleitet uns seit Jahren. Das scheint ein Leverkusener Problem zu sein. Der Bayer-Zuschauer muss offenbar morgens ausgeruht im Büro sitzen. Da geht man abends nicht bis fast Mitternacht ins Stadion. Das Bremen-Spiel war überdies an Karnevals-Dienstag. Die Treuesten der Treuen sind auch unter der Woche da. Ich glaube daher nicht, dass dies etwas mit dem sportlichen Abschneiden zu tun hat. Ich wünsche mir aber, dass sich das irgendwann ändert. Daran arbeiten wir.

Stefanie Sandmeier stellte die Fragen.

Quelle: RP
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