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Bayer Leverkusen
Schade: "Mit Vizekusen können wir sehr gut leben"

Bayer 04 Leverkusen: Michael Schade kann gut mit "Vizekusen" leben
RP-Redakteurin Stefanie B.-Sandmeier im Gespräch mit Michael Schade. FOTO: SANDMEIER
Leverkusen. Seit 2015 fährt in Zell am See-Kaprun eine Bayer 04-Gondel. Die RP fuhr mit Leverkusens Geschäftsführer hoch zur Areitalm und sprach mit ihm über die Qualität des Kaders, Saisonziele und Fehler in der Spielplan-Terminierung.

Herr Schade, Sie sitzen in der Gondel Richtung Areitalm. Um im Bild zu bleiben: Geht es auch für Bayer 04 in der nächsten Saison hoch hinaus oder sogar höher als zuletzt?

Michael Schade Auch wenn es langweilig klingen mag: An unseren Zielen hat sich nicht viel verändert. Als Minimalziel streben wir die internationalen Ränge an. Idealerweise schaffen wir die Champions League. Das ist das erklärte Ziel. In der aktuellen Saison wollen wir die Gruppenphase überstehen und den Fokus auf den nationalen Pokalwettbewerb legen. Denn im DFB-Pokal hat sich die Ausgangslage nicht verändert: Wir wollen so weit wie möglich kommen. Aber vielleicht ist der Wille noch ein bisschen stärker geworden, weil wir glauben, dass der DFB-Pokalwettbewerb für uns derzeit die größte Chance bietet, einen Titel zu gewinnen. Über 34 Spieltage in der Liga die Bayern zu gefährden, ist schwierig.

Täuscht es, oder ist Bayer 04 von einer gewissen Euphorie umgeben?

Schade Euphorie ist etwas Wunderbares, darüber freuen wir uns und die brauchen wir auch im Stadion. Aber wir sind kein Meisterschaftsfavorit wie es vielleicht einige Fans und der eine oder andere Bundesligatrainer sehen. Es ehrt uns, aber man muss realistisch bleiben. Es wird schwer für Carlo Ancelotti und den FC Bayern, mit dieser Mannschaft nicht Deutscher Meister zu werden.

Und dahinter?

Schade Wir haben vielleicht den besten Kader der vergangenen zehn Jahre. Das schürt natürlich Erwartungen, vor allem bei den Fans. Fakt ist aber: Die anderen Klubs haben auch aufgerüstet. Wir profitieren sicher davon, dass wir den Kader zusammenhalten und gezielt verstärken konnten. Wir hoffen, dass wir nun die Früchte dieser Arbeit ernten – also spielerisch überzeugender und konstanter sind als in der vergangenen Saison. Wir würden gerne nachhaltig auf dem Niveau spielen, wie im Saisonfinale. Wenn der Kader weitgehend verletzungsfrei bleibt, bin ich optimistisch.

Dieser Tage titelte ein Medium "Endlich wieder Vizekusen?"

Schade Damit können wir sehr gut leben. Das würde ich sofort unterschreiben, denn Platz zwei wäre ein großer Erfolg.

Geht es darum, den Status Quo zu halten oder kann dieser vor allem in der Breite verstärkte Kader auch den Abstand zur Spitze verringern?

Schade Wenn man Dritter war, ist es angesichts der Konkurrenz erklärtes Ziel, diesen Platz zu manifestieren. Das ist nicht selbstverständlich. Hinter Bayern München spielen drei, vier Teams um die internationalen Plätze – plus die jeweiligen Überraschungsteams, die sich in jeder Saison nach oben schieben. Um wie wir dauerhaft international zu spielen, muss man investieren. Wir tun das mit unserer Strategie, dabei neben jungen Topspielern auch auf Talente zu setzen. Wir hatten schon lange nicht mehr so viele hoffnungsvolle Nachwuchsspieler im Kader wie jetzt in Zell am See.

Ist die Strategie also aufgegangen?

Schade Das Ziel vor dieser Saison war, den Kader in der Breite sehr gut aufzustellen, um dem Trainer mehr Flexibilität zu geben und besser gerüstet zu sein für die Dauerbelastung während der vielen englischen Wochen. Das haben wir geschafft. In der Spitze wäre auch kaum mehr eine Verbesserung möglich gewesen – es sei denn, wir hätten exorbitante Ablösesummen bezahlt. Das war aber nicht nötig, denn wir haben hervorragende Spieler mit teilweise extremen Marktwerten. Der Trainer kann nun ohne Qualitätsverlust wechseln. Die Spieler müssen sich allerdings daran gewöhnen, auch mal auf der Bank zu sitzen. Das ist aber bei allen europäischen Topklubs der Fall.

Es wird auf Trainer Roger Schmidt ankommen, dies zu moderieren.

Schade Das wird ihm auch gelingen. Öffentlich wurde viel diskutiert über Fehler, die er gemacht und eingesehen hat. Wir waren zu jedem Zeitpunkt davon überzeugt, dass er ein hervorragender Trainer ist, mit dem wir noch jede Menge Spaß und hoffentlich Erfolg haben werden – und der diese Mannschaft stärker machen kann. Ich spüre im Moment jedenfalls eine Atmosphäre im Team, die – so lange ich zurückdenke – nie so gut war. Kein Spieler hat uns verlassen, obwohl einige gute Möglichkeiten gehabt hätten. Und das hatte nicht nur finanzielle Gründe. Auch die Spieler glauben, mit dieser Mannschaft und diesem Trainer einiges erreichen zu können.

Wird der Kader noch abgespeckt?

Schade Der Kader ist groß und wird vermutlich noch angepasst. Der Trainer wollte sich in der Vorbereitung von allen in Ruhe ein Bild machen. Die sportliche Leitung wird sich nach dem Trainingslager mit dem endgültigen Kader beschäftigen. Da kann es noch zu minimalen Anpassungen kommen – durch Transfers oder Leihen.

Das heißt, kein Leistungsträger wird mehr gehen?

Schade Ja, wir wollen keinen Stammspieler mehr abgeben. Ein Beispiel: Wir wissen, dass wir Ömer Toprak nächstes Jahr für 12 Millionen Euro Ablöse verlieren könnten – und wir hätten ihn in diesem Sommer für deutlich mehr Geld bereits abgeben können. Aber wir wollten es nicht, weil wir keine Qualität verlieren wollen. Und wir müssen nicht, weil wir gut gewirtschaftet haben.

Werden Ihnen die zuletzt dauerhaft guten Platzierungen der Leverkusener zu wenig gewürdigt?

Schade Ich habe den Eindruck, dass die Wertschätzung zunimmt. Zahlen belegen, dass wir in den vergangenen Jahren einen erheblichen Imageschub erfahren haben. Das zeigt sich in den sozialen Netzwerken, auch die Stimmung im Stadion – das fast immer ausverkauft ist – ist besser geworden. Unsere Spiele haben im Fernsehen inzwischen sehr respektable Einschaltquoten – speziell auch in den USA – und die Zahl unserer Fans bei Auswärtsspielen hat signifikant zugenommen. Wir haben versucht, die Tradition, etwa mit der Schwadbud, stärker in den Vordergrund zu rücken. Aber natürlich: Um richtige Nachhaltigkeit zu erzielen, braucht man auch mal einen großen Erfolg; so etwas wie das Champions-League-Finale 2002. Auch ein Pokalsieg würde extrem helfen.

Wie schafft man den Spagat zwischen dem immer größer werden Kommerz im Fußball und dem eigenen Anspruch, trotzdem ein familiärer Klub sein zu wollen?

Schade Das wird zunehmend ein Problem. Im Moment erlebe ich, dass die Fans keinen Neidgedanken erheben. Sie erwarten vielmehr, dass wir als Verein mitbieten, wenn es darum geht, gute Spieler zu verpflichten. Ob das Verständnis dafür bleibt, kann ich nicht sagen. Wir haben schon jetzt einen kritischen Punkt erreicht. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen im Fußball sind explodiert. Es war wohl noch nie so viel Geld im Umlauf. Dieses Rad wird sich auch nicht mehr zurückdrehen lassen. Es wurden in diesem Sommer Ablösen gezahlt, bei denen man sich fragen muss, ob 100 und mehr Millionen gerechtfertigt sind. Ich habe da meine Zweifel.

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel beklagt, dass der Fußball droht, sich vom "normalen" Stadionbesucher zu entfernen.

Schade Ich glaube, der Stadionbesucher denkt nicht ans Geld. Er möchte seine Mannschaft siegen sehen und dass sie mit den Stars spielt, die er sich wünscht. Er ist erfolgsorientiert – und Erfolg hat man immer dann, wenn das eigene Team gewinnt. Und dabei zählt nach wie vor die etwas abgedroschene Phrase: Geld schießt Tore!

Und wenn der Erfolg ausbleibt?

Schade Dann hat man immer alles falsch gemacht. So ist das Geschäft.

Bayer 04 hat gerade die Partnerschaft mit dem Salzburger Land verlängert. Sind künftig weitere Reisen im Sommer denkbar?

Schade Wir haben ein Konzept der Internationalisierung – und es gehört zu unserer Strategie, internationale Marketingreisen anzustreben, um das Image von Bayer 04 und der Bayer AG zu stärken und zusätzlich Werbung für die Bundesliga zu machen. Davon haben wir in diesem Jahr Abstand genommen, weil die Belastung für die Spieler aufgrund der EM und Olympia zu groß gewesen wäre.

Also im nächsten Jahr?

Schade Das ist fest eingeplant. Im Januar sind wir zum dritten Mal in Orlando. Darüber hinaus werden wir abwägen, ob eine Reise im Sommer in ein asiatisches Land oder Nordamerika Sinn macht. Es geht nicht darum, eine Woche vor dem Ligastart noch nach China zu fliegen, aber wenn sich aber aus sportlicher Sicht zumutbare Möglichkeiten bieten, müssen wir solche Reisen machen, um im Marketing weiter dabei zu sein. Wenn wir für uns selbst in Anspruch nehmen, zu den Top 15 in Europa zählen zu wollen, müssen wir das auch untermauern.

Das Thema Belastung war während der EM ein großes Thema. Muss man die Terminplanung überdenken?

Schade Die EM ist aufgebläht, ich habe sie deshalb aber nicht als spannender und besser empfunden. Man mutet den Spielern immer mehr zu. Zum Teil kommen sie ausgebrannt zu einem Turnier, weil sie im Verein 50 Spiele und mehr gemacht haben. Das ist keine gute Entwicklung. Die Leute wollen Qualität sehen. Es ist sicher einfach für die Verbände, etwas zu beschließen. Die Rechnung zahlen aber die Vereine. Sie tragen das Risiko, wenn die Spieler verletzt oder vollkommen ausgebrannt nach Hause kommen. Ich hoffe nicht, dass nun auch noch die Erkenntnis wächst, dass man die WM künstlich aufblähen sollte. Die Funktionäre müssen im Sinne des Sports handeln. Ich befürchte, sie werden das Gegenteil tun, um irgendwelche Versprechungen einzulösen.

Gefühlt gibt es keine Pause mehr vom Fußball.

Schade Das stimmt. Im Moment erleben wir eine Reizüberflutung, die ins Gegenteil umschlagen kann. Es läuft jeden Tag Fußball im Fernsehen. Ich befürchte dennoch nicht, dass die Leute müde davon werden – so wie es im Tennis nach dem großen Boom passiert ist. Fußball ist und bleibt eine positive Droge.

Glauben Sie, dass Aleksandar Dragovic noch kommt?

Schade Das weiß ich nicht. Wir haben ein faires Angebot abgegeben. Jetzt kommt es darauf an, ob Dynamo Kiew das auch so sieht. Wir werden sicher nicht bis zum letzten Tag pokern und jeden Preis bezahlen.

STEFANIE B.-SANDMEIER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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