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Bayer Leverkusen
Schmidt: "Die englischen Wochen in der Liga sind zu viel für die Spieler"

Fotos: Das ist Roger Schmidt
Fotos: Das ist Roger Schmidt FOTO: afp, pbe/iw
Leverkusen. Bayer 04 Leverkusen ist die erste Station für Roger Schmidt in der Bundesliga. Nach zwölf Pflichtspielen steht der 47-Jährige mit der Werkself auf Rang vier, in der zweiten Runde des DFB-Pokals und holte den ersten Sieg in der Champions League. Im Interview mit unserer Redaktion beklagt Schmidt die englischen Wochen in der Bundesliga.

Herr Schmidt, Sie sind jetzt seit gut drei Monaten Trainer von Bayer 04. Wie weit ist die Werkself damit, das "System Schmidt" umzusetzen?

Roger Schmidt Taktisch würde ich fast sagen, dass wir zu diesem Zeitpunkt weiter sind, als ich das gedacht habe. Physisch muss man sich erst an den Rhythmus der englischen Wochen gewöhnen. Das ist für Spieler wie Hakan Calhanoglu, Karim Bellarabi oder Tin Jedvaj Neuland. Und wir müssen lernen, in der Regeneration inklusive Ernährung perfekt zu sein, damit, wenn der Schiedsrichter das nächste Spiel anpfeift, der Tank wieder voll ist.

Bei Karim Bellarabi scheint der Lernprozess schnell gegangen zu sein. Er ist für die EM-Qualifikationsspiele der deutschen Nationalelf nominiert. Macht Sie das auch selbst ein bisschen stolz, nachdem Sie ihm durch die vielen Einsätze die Chance dazu gaben?

Schmidt Ich freue mich total für ihn, weil er für super Leistungen belohnt wurde. Man hat vom ersten Training an gemerkt, dass er sich viel vorgenommen hat, und er hat das durchgezogen. Durch die Art, wie wir spielen, hat er noch einen Schritt nach vorn gemacht.

Passt er perfekt in Ihr System?

Schmidt Karim passt perfekt in jedes System, weil er über herausragende Schnelligkeit in Verbindung mit herausragender Technik verfügt und sehr trickreich und ausdauernd ist. Was ihm entgegen kommt, dass er nicht mehr darauf beschränkt ist, in Ballbesitz super Szenen zu haben, sondern, dass er sich in der Balleroberung einbringt und so viel mehr Aktionen hat. Er ist kein Szenenspieler mehr, sondern ein kompletter Spieler geworden, der 90 Minuten für die Mannschaft eine große Bedeutung hat.

Sie sagten zuletzt, dass Sie hoffen, dass bald der ein oder andere Spieler mehr für Bayer 04 und Deutschland spielt. An wen haben Sie gedacht?

Schmidt Wir wissen alle, dass Lars Bender nur aufgrund seiner Verletzung rausgefallen ist. Er ist auf dem Weg zur absoluten Bestform und wird sicher zurückkehren. Ich finde auch, dass Gonzalo Castro in dieser Saison hervorragend spielt. Ich weiß nicht, ob eine Rückkehr möglich ist. Aber grundsätzlich denke ich, er spielt so gut auf der Sechs, dass er die Qualität fürs deutsche Mittelfeld hat. Und Bernd Leno ist ein junger Torwart mit herausragender Perspektive, aber auch schon mit viel Erfahrung. Dass er in Zukunft A-Nationalspieler wird, steht für mich außer Frage.

Und Stefan Kießling?

Schmidt Ich denke, das Kapitel ist leider abgeschlossen.

Aber Miroslav Klose hat aufgehört, Mario Gomez ist verletzt. Sie lassen ein ähnliches System wie die Nationalelf spielen, und Kießling bringt teils überragende Leistungen. Wäre es nicht ein richtiger Zeitpunkt, ihm wieder eine Chance zu geben?

Schmidt Das kann nur das Team um den Bundestrainer entscheiden. Man muss natürlich eine Entscheidung mit Perspektive treffen. Es würde keinen Sinn machen, ihn für zwei Spiele zurückzuholen. Man kennt den Spieler sehr gut und müsste dann eine Entscheidung Richtung EM 2016 treffen und sagen, dass man mit ihm plant.

Sie sind noch nicht so lange in Leverkusen. Aber: Fehlt Bayer im Gegensatz zum FC Bayern und Borussia Dortmund die Lobby beim DFB?

Schmidt Das kann ich nicht sagen. Ich habe mit dem Bundestrainer das erste Mal im Zusammenhang mit der Nominierung von Karim gesprochen. Ich habe das Gefühl, dass die Leistung unserer Spieler registriert wird – sonst hätte man Karim nicht eingeladen. Das ist ein klares Signal, dass man sich mit herausragender Leistung auch bei Bayer 04 Leverkusen für die deutsche Nationalmannschaft empfehlen kann.

Kommen wir zu Bayer 04. Der Saisonstart hätte mit fünf Pflichtspielsiegen in Folge nicht besser laufen können. Danach wurde es etwas wechselhafter. Wie bewerten Sie den Verlauf bisher?

Schmidt Insgesamt können wir sehr zufrieden sein, aber uns fehlen sechs Punkte in der Liga, die wir bei besserer Chancenverwertung hätten holen können.

Was ärgert Sie mehr? Eine verdiente Niederlage, weil Sie sich darüber aufregen, dass ihr Team Ihre Vorgaben nicht umgesetzt hat – oder eine unverdiente Niederlage, weil Sie sich dann rechtfertigen müssen, obwohl Ihr Team ihre Vorgaben umgesetzt hat?

Schmidt Ich muss als Trainer perspektivisch denken. Natürlich ist es gut, wenn man eine Mannschaft auf dem Platz sieht, die weiß , was sie spielen will – die dominant auftritt, Chancen kreiert und wenige zulässt. Die Spiele, in denen man das nicht umsetzen kann, sollten nicht zu häufig vorkommen, sonst hat man in einer langen Saison ein Problem. Ein Ergebnis-Problem ist mir daher lieber als ein Spielidee-Problem.

Kritiker Ihrer sehr offensiven Pressing-Maschinerie werfen Ihnen eine fehlende Balance zwischen Verteidigung und Angriff vor. Was entgegnen Sie?

Schmidt Ich kann diese Aussagen der Kritiker nicht ganz nachvollziehen. Wenn man unsere Spiele analysiert, dann komme ich zu dem Schluss, dass wir sehr wenige Chancen zulassen. Wir haben zwei Champions-League-Spiele gespielt, da hat der Gegner jeweils einmal aufs Tor geschossen.

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die kräftezehrende Spielweise in englischen Wochen nicht durchzuhalten sei. Vor allem, wenn man aufgrund von Verletzungen nicht rotieren kann, wie man möchte.

Schmidt Ich registriere auch, dass der eine oder andere Spieler – wie gegen Paderborn – nicht mehr in der besten körperlichen Verfassung war. Aber wir sind zwei Tage zuvor gegen Benfica Lissabon physisch und fußballerisch hervorragend aufgetreten. Und das zeigt, dass wir auch nach vielen Spielen in der Lage sind, Top-Leistungen abzurufen.

Sie müssen Ihren Spielstil also nicht ändern oder anders dosieren, auch wenn Spieler an ihre Grenzen stoßen?

Schmidt Wir hätten gegen Paderborn ja trotzdem gewinnen müssen. Ich sehe also nicht, dass wir uns umstellen müssen. Wir haben viele Spiele dominiert. Was wir lernen müssen, ist, Spiele zu entscheiden. Tore haben in Phasen der Überlegenheit besondere Bedeutung, weil sie dem Gegner den Glauben nehmen, zurückkommen zu können.

Die kommenden Wochen bieten wieder wenig Regenerationsphasen. Champions League und DFB Pokalspiele stehen an. Wie viel taktisches Training ist da noch möglich? Ist das auf dem Platz überhaupt möglich oder nur im Videoraum?

Schmidt Man muss Möglichkeiten ohne intensive Belastung wählen. Aber bei zwei Tagen zwischen zwei Spielen hat die Regeneration absolute Priorität und da spielt Video eine große Rolle. Da betreiben wir auch großen Aufwand und entwickeln die Spieler taktisch weiter. Ich glaube, die Spieler machen das sehr gerne. Sie sehen sich selbst, können sich darauf konzentrieren. Man sieht die Tatsachen.

Rudi Völler sagte zuletzt, die Belastung wäre zu hoch. Was müsste sich ändern?

Schmidt Die englischen Wochen mit Bundesliga-Spielen. Die sollten wir wegkriegen. Vielleicht sollten wir eine Woche früher anfangen und den Nationalspielern im Verein ein wenig mehr Pause geben. Die Belastungsspitzen kommen gegen Ende der Hinrunde, wenn die x-te englische Woche ansteht. Den Spielern würde dann spätestens im Dezember mal eine normale Woche zum Durchschnaufen guttun.

Ihre Champions-League-Gruppe gestaltet sich – bis auf Lissabon - ausgeglichen. Zwei Spieltage sind gespielt. Ihre Einschätzung: Wer schafft es ins Achtelfinale?

Schmidt Ich sehe für uns große Chancen. Wir waren in Monaco die bessere Mannschaft und haben gegen Benfica verdient gewonnen. Man sollte Lissabon aber nicht abschreiben. Benfica hat eine tolle Mannschaft und auch noch alle Chancen - trotz null Punkten bisher. Für uns ist es von extrem hoher Bedeutung, das Heimspiel gegen Zenit St. Petersburg zu gewinnen. Dann haben wir große Möglichkeiten, es zu schaffen. Wer es mit uns schaffen würde, ist uns egal.

Die Überraschung der jungen Saison in ihrem Kader ist gerade mal 18 Jahre alt, spielt aber abgeklärt und souverän wie ein 30-Jähriger. War diese Leistung von Tin Jedvaj zu erwarten?

Schmidt Ich hatte keine überzogenen Erwartungen, weil ich ihn zuvor nur vom Video kannte. Aber man hat relativ schnell gesehen, dass er ein Spieler ist, der über hervorragende Qualitäten verfügt und eine tolle Mentalität besitzt. Er hat seine Chance genutzt.

Hatten Sie schon mal so einen 18-Jährigen, der so viel Selbstsicherheit ausstrahlt?

Schmidt In Julian Brandt und Levin Öztunali haben wir noch zwei 18-Jährige, die viel Einsatzzeit bekommen. Es ist außergewöhnlich, dass wir gleich drei so junge Spieler im Team haben, die schon auf dem Niveau agieren können. Gegen Hertha BSC haben Jedvaj und Brandt sogar wichtige Tore geschossen.

Patrick Scherer führte das Gespräch

Quelle: RP
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