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Bayer Leverkusen
Völler: "Ich bin ein halber Römer"

Bayer 04 Leverkusen: Rudi Völler ist sozusagen "ein halber Römer"
Rudi Völler an einem seiner nur 25 Arbeitstage als Trainer bei AS Rom. FOTO: AP
Leverkusen. Bayer Leverkusen trifft in der Champions League am Dienstag auf AS Rom (20.45 Uhr/Live-Ticker). Für Sportdirektor Rudi Völler ist es auch eine Begegnung mit der Vergangenheit.

An seine Zeit in Rom denkt der 55-Jährige gerne zurück. Sportlicher Höhepunkt war der Gewinn des nationalen Pokals (1991). Seit 2005 ist Völler nun Sportdirektor in Leverkusen. In der Qualifikation hatte sich der Bundesligist in dieser Saison gegen Lazio Rom durchgesetzt, nun wartet Völlers Ex-Klub AS Rom.

Herr Völler, Sie spielten fünf Jahre lang für den AS Rom, sind in Rom Weltmeister geworden und lernten Ihre Frau dort kennen. Eine Stadt für die besonderen Momente, also?

Völler Ja, ich bin sozusagen ein halber Römer. Ich reise zwar nicht mehr so oft dorthin wie noch vor einigen Jahren, aber die Verbindung zur Stadt besteht nach wie vor. Inzwischen stört mich nur die Schlange am Flughafen ein wenig (lacht).

Nach Ihrer letzten Ankunft in Rom vor wenigen Wochen und dem Spiel gegen Lazio rissen sich die römischen Fans darum, ein Foto mit Ihnen zu ergattern. Ein schönes Gefühl?

Völler Wenn ich zurückkomme, werde ich jedes Mal herzlich empfangen. Rom ist für mich nach wie vor die schönste Stadt der Welt, ich habe gerne dort gelebt und gespielt. Zu einigen Verantwortlichen im Verein halte ich noch immer den Kontakt – natürlich mit der nötigen Distanz. Aber mit Sportdirektor Walter Sabatini zum Beispiel tausche ich mich ab und zu aus. Wir reden über den Fußball, die Spieler. Ich hatte in Rom einfach eine schöne Zeit. Auch wenn die Entscheidung, als Trainer einzuspringen, damals ein großer Fehler war.

Ihr Engagement an der Seitenlinie dauerte damals nur 25 Tage...

Völler Die Frau des damaligen Trainers Cesare Prandelli war schwer krank. Der AS Rom brauchte jemanden, der einspringt. Die dachten wohl, da kommt der typische Deutsche und bringt Disziplin ins Team, einer, der dazwischen haut. Doch damit war es nicht getan, das war nicht das eigentliche Problem. In der Mannschaft hat es nicht gestimmt, die Situation war verfahren. Ich habe schnell gemerkt, dass es besser ist, mit einem italienischen Trainer eine Lösung zu suchen. Das war schwer genug, die Roma wäre in dem Jahr beinahe abgestiegen. Ich selbst wollte nach meinem Job bei der Nationalmannschaft ja eigentlich erst einmal eine Pause einlegen. Dann kam die Anfrage. Zu dem Zeitpunkt gab es neben Bayer 04 nur diesen Verein, für den ich schwach geworden wäre. Und das bin ich ja dann auch.

Vermissen Sie das Trainer-Dasein?

Völler Überhaupt nicht, auch wenn einige Anfragen kamen. Letztlich bin ich als Vereinstrainer immer nur eingesprungen, wenn Not am Mann war. Ich bin ehrlich zu mir selbst: Ein ganzes Jahr oder länger jeden Tag auf dem Trainingsplatz, das wäre nichts mehr für mich. Dafür finde ich die Herausforderungen im Management zu spannend.

Welchen Tipp geben Sie dem Neu-Trainer Stefan Effenberg mit auf den Weg?

Völler Vor einigen Wochen habe ich mit Stefan noch zusammengesessen und ihm gesagt, dass es Zeit wird für einen Trainer-Job. Mit Paderborn hat er eine Mannschaft mit viel Entwicklungspotenzial. Ich wünsche ihm dort alles Gute.

Was haben Sie während Ihrer Zeit in Italien gelernt?

Völler Ich mag dieses lockere italienische Lebensgefühl. Bei allem Stress und Druck habe ich versucht, mir das beizubehalten.

Nun treten Sie in der Champions-League-Gruppenphase ausgerechnet gegen Ihren Ex-Verein an. Ist das ein komisches Gefühl?

Völler Der Profifußball ist schon verrückt. Seit Jahren spielen wir nicht mehr gegen die beiden römischen Vereine und jetzt, innerhalb weniger Wochen, gegen Lazio in der Qualifikation und nun gegen den AS Rom in der Gruppe. Wir wollen beide Spiele gewinnen. Im Kampf um Platz zwei wird sicher entscheidend sein, wer sich in diesen Duellen durchsetzt. Dafür wünsche ich Rom, dass sie Meister werden.

Hat die Mannschaft das Zeug dazu?

Völler Wie ich mitbekommen haben, rechnen sich die Römer große Chancen aus. Auch, weil Juventus Turin derzeit etwas schwächelt. Ich schätze sie auch stärker ein als Lazio. Wenn ich mit Römern über das Thema spreche, sage ich oft scherzhaft: Ihr habt das Glück, nicht mit Bayern München in einer Liga spielen zu müssen. (lacht) Dann kann man auch Meister werden.

Der Titelkampf in der Bundesliga ist also auch in diesem Jahr bereits entschieden?

Völler Wenn du bei Bayern einen Fünfjahresvertrag unterschreibst, wirst du drei- bis viermal Deutscher Meister. Ob du willst oder nicht. Das kannst du gar nicht verhindern. Es gibt dann zwar Mannschaften wie Dortmund in diesem Jahr oder Wolfsburg davor, die den Abstand zu ihnen gering halten können, aber im Endeffekt ist es jedes Jahr das gleiche: Man denkt, dass die Bayern nicht noch stärker werden können, letztlich schaffen sie es trotzdem. Das muss man anerkennen. Die wirtschaftliche Wucht, die Bayern seit Jahren hat, ist nicht aufzuholen.

Frustriert das nicht?

Völler Das ist eine Herausforderung. Wir waren 2002 im Champions-League-Finale, weil wir im finanziellen Bereich bei den damaligen Verhältnissen fast auf dem Bayern-Niveau waren. Inzwischen geben sie dreimal so viel aus für Spieler wie wir, daher ist es nahezu unmöglich, sie einzuholen. Was sie aber trotzdem besser machen als viele andere Klubs auf dem Niveau, ist die Transferpolitik. Man darf auch mit viel Geld keine Fehler machen. Wichtiger als jeder Trainer, sind gute Spieler. Und die hat Bayern seit Jahren. Auch in der Breite. Wer reinkommt, fügt sich praktisch ohne Qualitätsverlust nahtlos ein.

Sind Sie für die Gruppenphase der Champions League optimistischer?

Völler Im vergangenen Jahr hatten wir in Benfica Lissabon, AS Monaco und Zenit St. Petersburg eine Gruppe, in der jeder Erster oder Letzter werden konnte. Das ist in dieser Saison anders, da ist der erste Platz im Grunde vergeben.

An den FC Barcelona...

Völler Ja, auch wenn sich Barcelona gegen Rom und uns zweimal schwer getan hat, ist Platz eins unter normalen Umständen weg. Ich denke, dass Rom und wir uns um die Position dahinter streiten – bei allem Respekt vor Bate Borissow, das gegen Rom gewinnen konnte. Dadurch gehen wir sicher mit einem kleinen Vorteil in unser Heimspiel gegen die Römer. Den wollen wir nutzen.

Sie mussten sich die Teilnahme an der Champions League sehr hart erarbeiten.

Völler Der Druck in diesen Qualifikationsspielen ist immens. Als Team arbeitet man ein Jahr lang auf diesen Moment hin. Wenn du dann ausscheidest, ist das besonders bitter. Aber wir haben es zum Glück geschafft – gegen einen Gegner Lazio Rom, der auf Augenhöhe war.

Und das mit einer Mannschaft, die eine der jüngsten in der Bundesliga ist. Reicht das vorhandene Personal, um in drei Wettbewerben zu bestehen?

Völler Die vielen jungen Spieler gehören zu unserem Konzept. Das Besondere an ihnen ist, dass sie körperlich meistens mehr aushalten als ältere. Das ist gerade in den Englischen Wochen sehr wichtig. Aber es ist ja nicht so, dass wir keine erfahrenen Akteure im Team hätten.

Müssen Sie angesichts der Zahl der Talente mehr als zuvor kämpfen, den Kader zusammenzuhalten?

Völler Dass Talente umworben werden, ist ja nicht nur bei Bayer Leverkusen so. Ich sehe es als Beleg für unsere Arbeit. Dass Spieler wie beispielsweise Charles Aránguiz oder Chicharito sagen: 'Wir wollen bewusst zu Bayer Leverkusen', ist etwas, was wir uns in den vergangenen Jahren erarbeitet haben. Wir genießen weltweit einen guten Ruf. Die jungen Spieler wissen, dass sie sich bei uns entwickeln können und auch zum Einsatz kommen – noch dazu in der Champions League.

Das Konzept trägt Früchte. Das hat auch Bundestrainer Joachim Löw bemerkt. Welchen Spielern trauen Sie zu, mit zur EM zu fahren?

Völler Das muss man abwarten. Karim Bellarabi hat sich derzeit sicher festgespielt, auch wenn die Konkurrenz auf den offensiven Positionen groß ist. Die ist im Mittelfeld aber noch größer. Das spüren Lars Bender und Christoph Kramer. Und Bernd Leno hat in Manuel Neuer den besten Torhüter der Welt vor sich. Er hat sich seine Nominierung aber mehr als verdient. Daneben gibt es noch vier, fünf weitere Torhüter, die auch gut sind. Es wird auf die Leistungen im Verein ankommen.

Stefanie Sandmeier und Simon Janssen führten das Gespräch.

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