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Bayer Leverkusen
Dabei sein ist alles - Wendell träumt von Olympia in Rio

Porträt: Wendell: brasilianischer Linksverteidiger
Porträt: Wendell: brasilianischer Linksverteidiger FOTO: afp, PST/bb
Orlando. Das Jahr 2016 soll für Bayers Linksverteidiger in vielfacher Hinsicht herausragend werden. Mit den Olympischen Spielen findet im Sommer ein Großereignis statt, das er unbedingt miterleben möchte. Von Stefanie Sandmeier

Über die Weihnachtstage hatte Wendell etwas Zeit durchzuatmen. Das Jahr 2015, und eingerechnet die Hinrunde der vergangenen Saison, waren eine aufregende, aber auch anstrengende Zeit für den Brasilianer. Während die Seleção, das Nationalteam Brasiliens, im Sommer 2014 in seinem Heimatland um den WM-Titel spielte, bereitete der damals 21-Jährige seinen Umzug nach Deutschland vor. Zu einem Klub namens Bayer Leverkusen, den er bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte; von dem er aber viel Gutes gehört hatte - und über den er nach anderthalb Jahren sagt: "Ich hätte es nicht besser treffen können."

Der Außenverteidiger, der als großes Talent gilt, erspielte sich recht schnell seinen Stammplatz - und in seiner ersten Saison in den Vordergrund. "Ich war selbst überrascht, wie schnell mir die Anpassung gelungen ist", sagt Wendell. Geboren in Fortaleza, spielte er für Londrina, wurde von dort nach Parana und schließlich zu Gremio ausgeliehen. Warum ihn Bayer 04 für rund sechs Millionen Euro verpflichtete, wurde schnell klar. Mit seinen 1,76 Metern und 64 Kilogramm besticht er neben seiner Defensivstärke vor allem durch Offensivdrang, durch technisches Können und pfeilschnelle Vorstöße. Für keinen anderen Spieler bekam Bayer 04 im letzten Sommer so viele Anfragen wie für den Linksverteidiger, die Sportchef Rudi Völler aber sofort abblockte.

Bis 2019 hat der Verein den Brasilianer an sich gebunden, der in dieser Hinserie allerdings wie einige andere Leistungsträger unter seinen Möglichkeiten blieb. "Ich hatte einige Schwierigkeiten. So wie wir spielen ist es wichtig, geschlossen als Einheit zu agieren. Wenn das nicht der Fall ist, macht es das für jeden Einzelnen schwerer, das eigene Spiel gut auf den Platz zu bringen", erklärt Wendell. Auf den Saisonrekord, als erster Bundesligaakteur eine Gelb-Sperre abgesessen zu haben, hätte er gerne verzichtet. Mitunter ging der Brasilianer in den ersten Partien ein wenig zu ungestüm in die Zweikämpfe: Fünf Gelbe Karten in sieben Spielen standen zu Buche. In der gesamten vorigen Saison waren es nur acht für den 22-Jährigen, der anfügt: "Nach einem Jahr kennen die Leute mich und meine Spielweise und haben sich besser auf mich eingestellt."

Als Ausrede will er das aber nicht verstanden wissen. Wendell hat sich für die Rückrunde einiges vorgenommen, der in Orlando bisher einen guten Eindruck hinterlässt. Das Jahr 2016 - es soll für ihn in vielfacher Hinsicht herausragend werden. Mit den Olympischen Spielen findet im Sommer in Rio das nächste Großereignis statt. Wendell will unbedingt dabei sein, der bisher regelmäßig zum Olympiateam gehörte. "Ich wünsche mir sehr, dass ich in die Auswahl berufen werde. Die Olympischen Spiele sind für mich ein großer Traum", sagt er. "Für sein Land dabei zu sein, noch dazu in der Heimat, ist etwas Außergewöhnliches, das ich gerne erleben möchte. Aus sportlicher Sicht, aber auch wegen des Drumherums. Das Zusammentreffen mit anderen Nationen und Athleten anderer Sportarten: Das ist eine Erfahrung, die man als Fußballer sonst nicht macht."

Und dann ist da noch eine Kleinigkeit. Wendell lacht schelmisch. "Ich hoffe, dass wir auf Deutschland treffen. Wir wollen es besser machen als bei der Fußball-WM." Da erlebte Brasilien beim 1:7 einen bitteren Abend. Ein Olympiasieg wäre für das Land überdies ein Novum, das mit seiner U 23 teilnimmt. Die Regularien erlauben, dass drei ältere Spieler im Kader stehen dürfen. Wendell hofft darauf, dass neben Neymar auch David Luiz dabei ist. Irgendwann, so hofft der 22-Jährige, ist er auch ein Teil der berühmten Seleção. "Das ist der Traum jedes Fußballers. Der Stolz der Brasilianer auf ihr Nationalteam ist sehr groß. Es ist ein besonderes Gefühl, wenn ich das Trikot überziehe."

Noch in diesem Monat wird Wendell zum ersten Mal Vater, zu dessen Lernprozess im vergangenen Jahr auch gehörte, ohne Führerschein nicht Auto fahren zu dürfen. "Das war eine dumme Aktion. Ich habe das Thema abgehakt und werde so einen Fehler garantiert nicht nochmal machen", verspricht er.

Beim Gedanken an sein Kind bekommt der Brasilianer strahlende Augen. "Ich bin sehr aufgeregt. Es wird ein Junge", erzählt er. "Es wird aber schwierig, dabei sein zu können. Der Kleine kommt in Brasilien zur Welt. Die Saison hat dann aber schon wieder begonnen."

So schnell wie möglich will der Bayer-Profi seine kleine Familie aber bei sich in Köln haben, der regelmäßig Deutsch-Unterricht nimmt . "Während der Vorbereitung ist es aber schwerer, dran zu bleiben, weil wir einen engen Terminkalender haben", sagt Wendell. "Danke" und "Bitte" klappt schon lange. "Inzwischen komme ich beim Einkaufen auch gut klar." Bei Interviews hilft Sportpsychologe Christian Luthardt mit Übersetzen. "Ich halte mich manchmal bewusst von André Ramalho oder Chicharito fern, um nicht permanent Portugiesisch oder Spanisch zu reden. Denn mit den anderen Jungs bin ich gezwungen, Deutsch zu sprechen. Das ist nicht einfach, aber ich gebe mir Mühe." Probleme mit der Integration hatte der 22-Jährige nie. Das mag am Naturell des Abwehrspielers liegen, der für jeden Spaß zu haben ist. Einer, der für den Moment sagt: "Ich denke kein bisschen darüber nach, hier wegzugehen."

Quelle: RP
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