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Bayer Leverkusen
Wo die Werkself ihre bitterste Stunde erlebte

Bayer 04 Leverkusen: Zurück am Ort der bittersten Stunde
Verhängnisvoller Augenblick: Dem Leverkusener Michael Ballack (am Boden) ist ein Eigentor unterlaufen. Stehend von links: Jens Nowotny, Adam Matysek, Emerson. Im Hintergrund: Der Mannschaftsbus am Rande des Platzes im Sportpark Unterhaching. FOTO: Imago
Leverkusen. Am Dienstag tritt Bayer Leverkusen im Pokal in Unterhaching an. Jens Nowotny erinnert sich an das Jahr 2000, als sein Team dort den Meistertitel verspielte. Von Stefanie Sandmeier

Vielleicht, sagt Jens Nowotny, "hätte ein bisschen mehr Arroganz" nicht geschadet. Die Meisterschale war in Sichtweite. Während sich der Leverkusener Abwehrspieler in Unterhachings Sportpark mit seiner Mannschaft locker warmlief, glänzte die Trophäe bereits in der Sonne. Am letzten Spieltag einer Bundesliga-Saisoen wird sie immer dorthin gebracht, wo der Deutsche Meister bereits feststeht oder mit ziemlicher Sicherheit gekürt wird. Vielleicht, fügt der ehemalige Bayer-Kapitän an, "hätten wir vorher einmal vor der Schale stehen und sagen sollen: Dich nehmen wir nachher mit."

Der 20. Mai 2000 schien wie gemalt dafür, ein großer Tag in der Geschichte von Bayer Leverkusen zu werden. Ein Punkt hätte zum Abschluss der Saison gereicht - und der Werksklub wäre erstmals Meister geworden. Nur die wenigsten, auch nicht der DFB, hatten daran ernsthafte Zweifel. Nicht nur die Schale war vorbereitet, an der Tribüne prangte bereits das Banner mit der Aufschrift: Deutscher Meister 2000 Bayer Leverkusen. Das hatte man während des Spiels noch überdeckt - und das blieb auch so.

Denn an jenem 20. Mai liefen die Dinge eben doch nicht wie erhofft. Als "Waterloo namens Unterhaching" überschreibt die Vereinschronik diesen Tag, der auch Nowotny als ein finsterer seiner Karriere in Erinnerung blieb. "Es flossen viele Tränen. Schlimmer war für mich persönlich aber die Knieverletzung 2002", sagt der heute 41-Jährige, die ihn die WM und das Saisonfinale mit Bayer 04 kostete.

Tränen flossen vor allem bei Michael Ballack, der mit einem Eigentor die 0:2-Niederlage eingeleitet hatte. Der Mittelfeldspieler sank zu Boden, hielt die Hände vor sein Gesicht. Für Bayer der Anfang vom Ende. Ballack brachte hinterher vor laufender Kamera gerade noch heraus, nur nach Hause "und die Kissen vollheulen" zu wollen. Sein Trainer Christoph Daum suchte weinend Trost in den Armen seines Sohnes, während der damalige Manager Reiner Calmund schwer gezeichnet auf den Rasen eilte und dem am Boden zerstörten Ulf Kirsten Halt an seinen breiten Schultern bot. Nun war nach diesem Rückstand nach 20 Minuten noch lange nichts entschieden. "Aber wir waren nach diesem Eigentor in einer Art Schockzustand, aus dem sind wir nicht mehr rausgekommen", erinnert sich Nowotny. Es habe sich nach Hilflosigkeit angefühlt. Schon von Beginn an wirkte Bayer verunsichert, die Gewissheit, nur ein Punkt entfernt zu sein vom großen Traum, wirkte mehr lähmend anstatt motivierend. "Jeder hat danach alles versucht, aber das Ende ist leider bekannt", sagt Nowotny.

Markus Oberleitner verpasste Leverkusen mit dem 2:0 endgültig den K.o. - und zehn Kilometer Luftlinie entfernt im Münchner Olympiastadion feierte der FC Bayern nach einem 3:1 gegen Bremen dank der besseren Tordifferenz seinen 16. Titel. Bayer 04 war trotzdem (wieder) nur Zweiter - und "Vizekusen" war geboren. Trotzdem, sagt Nowotny, "werde ich lieber fünf Mal Zweiter als einmal abzusteigen."

Denn was für ihn von dieser Spielzeit auch hängen blieb: Die Erinnerung an eine "sehr gute Mannschaft, die immerhin 73 Punkte holte" - so viele wie seit dem nicht mehr. Nowotny führte sie als Kapitän an, der in zehn Jahren 293 Spiele für die Werkself absolvierte.

Seinem Klub ist er bis heute verbunden. Auf Einladung begleitete er die Mannschaft zuletzt in der Champions-League-Qualifikation nach Rom. Ansonsten arbeitet er unter anderem als Spielerberater bei "Insoccer", ist Restaurantbesitzer und hat eine eigene Fußballakademie. Die beiden Klubs trennen inzwischen Welten. Bayer wartet zwar immer noch auf einen Titel, ist aber regelmäßig Gast in der Champions League. Haching stürzte in die vierte Liga ab - und nutzte den bisherigen Pokal-Wettbewerb zur Konsolidierung seiner Finanzen. Über die Favoritenrolle gibt es vor dem heutigen Duell (19 Uhr) keine zwei Meinungen. Gewarnt ist Leverkusen in seinem dritten Duell gegen einen Regionalligisten aber allemal, da die Spielvereinigung neben Bundesligist FC Ingolstadt und Zweitliga-Tabellenführer Leipzig immerhin zwei prominente Teams besiegte.

Quelle: RP
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