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Bayer 04 Leverkusen
Bayers Idylle empfindlich gestört

Chicharito und Bellarabi geraten aneinander
Chicharito und Bellarabi geraten aneinander FOTO: dpa, jgu nic
Leverkusen. Nach dem Aus in der Champions League hängt bei Bayer 04 nicht nur sportlich der Haussegen schief. Auf dem Platz giften sich Bellarabi und Chicharito an, Roger Schmidt reagiert zunehmend dünnhäutig auf Kritik und steht unter Druck, schnellstmöglich die Kurve bekommen zu müssen. Von Stefanie Sandmeier

Rudi Völler war bemüht, den Vorfall schnell abzuwiegeln. Der emsige, aber glücklose Karim Bellarabi hatte gerade fahrlässig die große Chance zum 2:1 vergeben, statt den besser postierten Javier Hernández anzuspielen, da kam der Mexikaner auch schon wütend auf ihn zugelaufen. Der Schiedsrichter musste letztlich eingreifen, um das hitzige Wortgefecht der beiden Bayer-Profis zu schlichten. Für Völler aber "kein Problem. Wir beklagen uns manchmal, dass es bei uns zu ruhig zugeht. Dann sagen sich mal zwei die Meinung, dann ist es auch wieder nicht gut. Das kommt im Fußball vor", meinte er.

Damit hat Leverkusens Sportdirektor im Prinzip sogar recht, im Kontext dieses Champions-League-Abends und Bayers sportlichem Abwärtstrend aber gibt diese Szene ein irritierendes Bild ab. Harmonie sieht anders aus - auch wenn man den Disput gestern im Training schnell ausgeräumt habe, wie Roger Schmidt versicherte.

Calhanoglu vergibt Großchance gegen Barcelona FOTO: ap, FO

So oder so stimmt aber allem Anschein nach etwas nicht unterm Bayer-Kreuz. Völler selbst diskutierte mit TV-Experte Oliver Kahn, der kritisierte, dass es der Mannschaft an Emotionen, Gier und Mentalität fehle. "Das sehe ich total anders", entgegnete der Sportchef gereizt, "wir haben alles dafür getan, dass wir das Spiel gewinnen, das hat nichts mit Emotionen zu tun."

Für Völler war die Leistung "sehr, sehr gut" - der den Finger aber doch in die Wunde legte, indem er eingestand: "Wir brauchen zu viele Chancen, um Tore zu erzielen."

Ter Stegen vereitelt Großchance von Bellarabi FOTO: Screenshot ZDF

Noch weniger gelassen zeigte sich Roger Schmidt. Seine Reaktion nach dem Spiel ließ erkennen, wie es um sein Nervenkostüm bestellt ist. Dass seine Mannschaft den Einzug ins Achtelfinale der Champions League durch das 1:1 gegen den FC Barcelona geradezu fahrlässig herschenkte, hinterließ deutliche Spuren. Der sonst so selbstbewusste Trainer war angefressen. "Wenn Sie nochmal so eine komische Bemerkung machen, können wir das Interview auch abbrechen" - blaffte er einen Fernseh-Reporter an. Nun ist der 48-Jährige nicht eingestellt worden, um jedem sympathisch zu sein. Weniger am Charme, dafür aber an den Ergebnissen muss er sich messen lassen.

Die Werkself ging mit dem Anspruch in die Saison, in der Entwicklung nach dem ersten Jahr unter Schmidt mit Platz vier einen Schritt nach vorne zu machen. Sechs Niederlagen in der Bundesliga - zuletzt nur ein Sieg in acht Pflichtpartien - und das Aus in der Königsklasse stellen allerdings eine ernüchternde Momentaufnahme dar. "Hätte Rom gewonnen, wäre es nicht so enttäuschend gewesen. Wir strotzen nicht vor Selbstvertrauen, weil wir viele Chancen liegen lassen", analysierte Bernd Leno, der konstatierte: "Wir haben ein paar Spiele nicht so gut bestritten."

In den Worten des Torhüters klang viel Enttäuschung mit. Barcelona, das bereits qualifiziert war, rollte Bayer mit seiner B-Elf quasi den roten Teppich aus. Auch Rom und Borissow erwiesen sich als gutmütige Kontrahenten. Die Werkself indes vergab ihren Matchball. Zieht man einen Strich unter die Gruppenphase, in der viel mehr möglich war als Platz drei, müssen sich alle Beteiligten fragen, warum sie es nicht geschafft haben. Das Achtelfinale wurde nicht gegen Barcelona, sondern in den Duellen in Rom und Borissow verspielt, weil Bayer derart in seiner Leistung schwankte wie bereits im gesamten Saisonverlauf.

Einzelkritik: Tah bester Leverkusener, Mehmedi geht unter FOTO: ap, FO

Die Gründe, die dafür angegeben werden, sind seit Wochen immer die gleichen. Die Aussage zu Saisonbeginn, dass Alter kein Beleg für Erfahrung sei, ist längst der Erkenntnis gewichen, dass die Abgänge gestandener Profis eben doch nicht so leicht aufzufangen sind. Dazu kommen individuelle Formkrisen von Leistungsträgern wie Hakan Calhanoglu, Bellarabi und Stefan Kießling. Letzterer, immerhin einer der erfahrensten im jungen Team, wird sich seine Reservistenrolle womöglich nicht mehr lange anschauen.

Entlastend wirkt allein der Umstand, dass Ömer Toprak und Tin Jedvaj lange fehlten oder noch immer fehlen. Zudem erlebt Lars Bender permanent verletzungsbedingte Rückschläge. Die Abwesenheit dieser Spieler macht sich bemerkbar. Aber eine Erklärung für die Unfähigkeit, in den entscheidenden Momenten das Tor zu erzielen, ist auch das nicht. Zwar hat Chicharito erneut getroffen, aber den restlichen Offensivkräften fehlte es wieder einmal an Effizienz und der zündenden Idee, für ein klares Ergebnis zu sorgen. Mit fehlendem Glück hat das in dieser Häufung nichts zu tun.

Die Probleme lassen sich vielleicht schönreden, aber nicht wegdiskutieren. Diese in den Griff zu bekommen, ist freilich die Aufgabe des Trainers Roger Schmidt, der sich sogar in einer "Tragödie" wähnte. "Wir haben so viele Chancen in der Gruppenphase liegen gelassen, so viel Pech gehabt. Das wird mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben, dass wir heute ausgeschieden sind", sagte er. Seine Mannschaft habe aber "Leidenschaft und viel Intensität gezeigt".

Das stimmt sogar. Allerdings, und jetzt kommt das große Aber: Dieser Aufwand reichte trotzdem nicht, um gegen ein bisweilen unmotiviertes und personell beinahe wettbewerbsverzerrendes Barcelona zu gewinnen. Kritik an seinem Trainer blockte Rudi Völler dennoch kategorisch ab. "An ihm liegt es nicht".

Die gereizte Stimmungslage lässt jedoch darauf deuten, dass Schmidt und sein Team langsam aber sicher die Kurve bekommen müssen. Erklärtes Ziel ist es jetzt, sich mit einer versöhnlichen Punktzahl in die Pause zu retten, um in der Vorbereitung neuen Anlauf zu nehmen. Mit Blick auf die Liga und das bevorstehende Duell mit Borussia Mönchengladbach morgen machte auch Leno deutlich: "Verlieren dürfen wir auf gar keinen Fall. Auch ein Punkt ist mit Blick auf die Champions-League-Teilnahme wohl zu wenig." Sport Seite ##

Quelle: RP
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