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Interview mit Roger Schmidt
"Habe mir von Rudi Völler Lockerheit abgeschaut"

Fotos: Das ist Roger Schmidt
Fotos: Das ist Roger Schmidt FOTO: afp, pbe/iw
Leverkusen. Roger Schmidt startet mit Bayer Leverkusen am Mittwoch in die Gruppenphase der Champions League. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt der 49-Jährige, was er sich in der Königsklasse erhofft und warum er inzwischen offener und entspannter wirkt. Von Stefanie Sandmeier und Patrick Scherer

Roger Schmidt ist gerade in seine dritte Saison als Trainer in Leverkusen gestartet. Am Mittwoch beginnt für ihn mit Bayer gegen Moskau die Gruppenphase der Champions League. Der 49-Jährige wirkt gelöst, als er zum Interview kommt. Nichts ist mehr zu spüren von der Verbissenheit und dem distanziertem Auftreten, das er noch in den ersten beiden Jahren an den Tag legte.

Herr Schmidt, Sie wirken inzwischen viel offener und entspannter. Gab es einen Moment, in dem Sie sich hinterfragt haben?

Schmidt Es gab nicht den einen Moment. Aber eine Phase, in der ich gemerkt habe, dass es an mir liegt, wie man mich wahrnimmt. Dass ich Dinge nicht voraussetzen kann, dass es andere Meinungen gibt. Ein offenerer Umgang gefällt mir auch viel besser. Wahrscheinlich ist es wie so oft einfach eine Frage der Kommunikation.

Also zeigen Sie jetzt mehr vom wahren Roger Schmidt?

Schmidt Der wahre Roger Schmidt kann sich immer noch ziemlich über gewisse Dinge aufregen (lacht). Ich vertrete auch nach wie vor meine Meinung. Das muss ich auch tun als Trainer, nach meiner Überzeugung handeln, unabhängig von öffentlichem Druck. Ich habe dabei aber nicht mehr den Anspruch, jeden überzeugen zu müssen.Es gibt eben auch andere Auffassungen, gerade von Fußball und den Themen, die er mit sich bringt.

Hat der Verein auf Sie eingewirkt?

Schmidt Der ständige Austausch mit Rudi Völler, der über so viel Erfahrung im Fußballgeschäft und auch im ganzen Drumherum verfügt, hat mir natürlich geholfen. Ich habe mir ein Stück Lockerheit von ihm abgeschnitten, aber trotzdem ein bisschen was von dem bewahrt, was den Rudi in bestimmten Momenten eben auch auszeichnet (lacht): das Emotionale. Jetzt ist ein wenig mehr Gelassenheit dazu gekommen. Auch wir Trainer durchleben Reifeprozesse.

Nach dem Eklat mit Felix Zwayer wurden Sie für drei Spiele gesperrt. Wie gelingt es, künftig nicht wieder mit Schiedsrichtern anzuecken?

Schmidt Dass sich Trainer aufregen, wird immer so bleiben und gehört auch dazu. Aus der Emotion heraus fallen auch manchmal Sätze, die man nach dem Spiel so natürlich nicht sagen würde. Aber ich werde dabei keine Grenzen mehr überschreiten – so wie beim Spiel gegen den BVB. Erfahrungen wie diese sollten dazu führen, dass man auch in Extremsituationen nicht die Beherrschung verliert.

Heute startet Bayer 04 zum vierten Mal in Folge in die Champions League. Was erwarten Sie?

Schmidt Wir freuen uns wie die Kinder. Wir spielen mit Monaco und ZSKA Moskau gegen die Topteams aus Frankreich und Russland. Mit Tottenham ist das eine ausgeglichene und starke Gruppe. Wir treffen mit Moskau auf eine sehr disziplinierte Mannschaft, 50 Prozent der Spieler spielen in der russischen Nationalmannschaft. Sie pflegen einen Spielstil, der auf Geschlossenheit und Konterfußball ausgerichtet ist. Das Spiel gegen den HSV war dafür eine super Vorbereitung – das haben wir gebraucht.

Auf dem Tisch liegt eine Sonderveröffentlichung des Vereins "30 Jahre Europapokal". Dort ist Erich Ribbeck im Cabrio mit der Uefa-Cup-Trophäe im Jahr 1988 zu sehen. Was denken Sie bei diesem Bild?

Schmidt Da würde ich auch gerne mal sitzen.

Wie stellen Sie Ihre Karriere auf? Ist es Ihnen wichtig, auch mal einen Pokal zu holen? Oder sagen Sie, ich kann auch eine tolle Laufbahn gehabt haben, ohne was zu gewinnen?

Schmidt Ich bin sehr ehrgeizig, natürlich würde ich mich darüber freuen. Aber das sind Sachen, die ergeben sich. Erfolge stellen sich dann ein, wenn man versucht, bestmöglich zu arbeiten. Natürlich wäre das ein Traum, aber mein Schicksal hängt nicht daran. Wir als Bayer Leverkusen sollten die Wahrscheinlichkeit, einen Titel zu holen, mit allem was wir haben erhöhen.

Platz drei in der Liga und Champions-League-Achtelfinale – diese Umgebung würden Sie sicher gerne mal verlassen, oder?

Schmidt Das stimmt. Durch Formulieren wird es aber nicht einfacher. Bayern München kann für jede Position den besten Spieler der Welt kaufen – und als Backup den jeweils zweitbesten. Mit welcher Mentalität sie überdies auftreten, ist großartig. Dass man sagen könnte: Wir sind über 34 Spieltage besser als die Bayern, fällt mir ja selbst schwer zu glauben. Es wäre aber schade, wenn wir dann nicht da wären, sollten sie mal schwächeln.

Es wirkt gegenüber vergangenen Jahren, in denen in Leverkusen gefühlt zu viel tiefgestapelt wurde, als formuliere man Ziele offensiver.

Schmidt Da mögen Sie Recht haben. Weil wir den Glauben daran haben und überzeugt davon sind, dass wir uns weiter verbessern können. Diese Überzeugung haben wir uns erarbeitet. Wir wollen auf einem sehr hohen Niveau, das wir in einigen Phasen schon erreicht haben, konstant Fußball spielen. Dann werden wir in der Bundesliga automatisch noch mehr Punkte holen können. Wir haben viele junge Spieler, die wir weiterentwickeln und ihnen dabei helfen wollen, ihr riesiges Potenzial komplett auszuschöpfen. Benjamin Henrichs, Jonathan Tah oder Julian Brandt zum Beispiel. Unsere Ziele setzen wir uns durchaus bewusst.

Dass es gelingt, Leistungsträger langfristig an den Verein zu binden, ist auch eine Entwicklung.

Schmidt Dass wir Toprak, Leno, Bellarabi oder auch Wendell und Chicharito nicht verloren haben oder länger an uns binden konnten, ist ein außergewöhnliches Zeichen. Es zeigt: Die Spieler glauben an den Verein und fühlen sich wohl. Wir haben eine sehr spannende Mannschaft mit vielen jungen Spielern, von denen man noch einen Schritt nach oben erwarten kann. Daher ist es unsere Aufgabe, sie so lange wie möglich bei uns zu halten.

Ihr Ziel ist es, die Mannschaft weiterzuentwickeln. Ist Entwicklung nicht etwas Dauerndes? Die Zeit hat ein Trainer doch gefühlt heute gar nicht mehr, oder?

Schmidt Als Trainer – vor allem eines Topklubs – muss man sich von dem Gedanken verabschieden, zwei Jahre Zeit für etwas zu haben – unabhängig von den Ergebnissen. Dennoch muss man die Vorbereitung und die Phasen zwischen den einzelnen Spielen nutzen, um Dinge zu analysieren und zu verbessern. Über einen längeren Zeitraum ergeben sich automatisch größere Entwicklungen. Das ist ein Prozess. Man lernt viel aus Erfahrungen – auch aus den negativen.

Fühlen Sie sich vielleicht auch deshalb richtig in Leverkusen, weil man Ihnen stets den Rücken stärkte?

Schmidt Ja, natürlich. Ich bewege mich hier in einem sehr verlässlichen Umfeld. Als ich kam, wurde die Erwartungshaltung an mich sehr klar definiert. Bayer Leverkusen verlangte nach einer eigenen Spielphilosophie, nach Fußball mit großem Wiedererkennungswert. Gleichzeitig ist es aber auch das Ziel geblieben, immer den internationalen Wettbewerb zu erreichen. Nach Möglichkeit die Champions League. Wir haben in einer knallharten Konkurrenzsituation zu den anderen Wettbewerbern also eine riesige Erwartungshaltung zu erfüllen. Wir wollen nicht nur in drei Wettbewerben spielen, sondern in drei Wettbewerben überzeugen. Und das in erster Linie mit jungen und talentierten Spielern. Das ist ja auch ein Weg, für den sich Bayer Leverkusen ganz bewusst entschieden hat.

Kommt Ihnen Bayer 04 in der Wahrnehmung zu schlecht weg?

Schmidt Ich habe schon das Gefühl, dass sich die Wahrnehmung von Bayer Leverkusen und von der Arbeit, die hier insgesamt geleistet wird, immer weiter verbessert. Ich musste da ja auch lernen und begreifen, dass es auch an mir liegt, unsere Entwicklungen in Ruhe aufzuzeigen und die Dinge der Öffentlichkeit besser zu erklären. Das Wichtigste bleibt für mich als Trainer aber immer die Arbeit mit der Mannschaft, mich zu 100 Prozent mit dem zu beschäftigen, was dazu führt, erfolgreich auf dem Platz zu sein.

Ist es emotional dasselbe, Regionalligatrainer zu sein und in der Champions League an der Linie zu stehen?

Schmidt Es ist nur ein anderer Rahmen. Ich habe mich immer sehr stark mit meinem Verein identifiziert. Sobald ich anfange, mit einer Mannschaft zusammenzuarbeiten, ist das meine Mannschaft. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir aus der Verbandsliga mit Delbrück im letzten Spiel durch ein Tor in der Nachspielzeit aufgestiegen sind. Das war so emotional wie jetzt die Tore von Pohjanpalo.

Wissen Sie solche Erlebnisse mehr zu schätzen, weil Sie nie den Plan hatten, Champions-League-Trainer zu sein?

Schmidt Der Weg, den ich gegangen bin - also erst mal einen anderen Beruf zu erlernen, sich als Amateurtrainer zu probieren und zu wachsen - hat mir sicher gut getan. Dass dies irgendwann dazu führt, dass ich Profis trainiere und meinen Lebensunterhalt damit verdiene, hätte ich nicht für möglich gehalten. Sie sind ein Verfechter des schönen Spiels.

Befürchten Sie, dass die Rollen künftig noch klarer verteilt sind? Dass es Teams gibt, die extrem defensiv sind und der Gegner versuchen muss, dagegen anzuspielen?

Schmidt Das hat es schon immer gegeben. Jeder macht es nach seinen Möglichkeiten. Ich mag es einfach, das Spiel selbstbestimmt zu führen. Gegen den HSV, der eher auf eine kompakte Verteidigung und schnelles Umschaltspiel ausgelegt war, war es doch auch sehr interessant anzusehen. Ich sehe da insgesamt keine große Gefahr.

Machen Sie sich Gedanken zu Champions-League-Reformen und dem Geld, was auf dem Markt ist?

Schmidt Dass viel Geld im Topf ist, freut uns alle. Aber der Wettbewerb sollte schon noch so gestaltet sein, dass es ab und an Überraschungen geben kann. Wenn das durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kaum noch möglich ist, ist das nicht förderlich für den Fußball, da ginge etwas von dem Reiz verloren. Die Verhältnismäßigkeiten drohen ein wenig aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Bitte vervollständigen Sie den Satz. Wenn mir im Sommer jemand gesagt hätte, dass Joel Pohjanpalo Bayer 04 vor einem Fehlstart in die Saison bewahrt, hätte ich ...

Schmidt (lacht) Das ist tatsächlich eine tolle Geschichte. Wir haben bisher vier Tore erzielt, alle durch ihn. Für mich als Trainer ist aber wichtiger, dass wir als Mannschaft in der Lage waren, gegen den HSV eine schwierige Situation zu meistern. Wir haben ein paar Fehler gemacht und die Angriffe nicht sauber ausgespielt, trotzdem wirkten wir fokussiert. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir das Spiel gewinnen - auch nach dem 0:1.

Die Partie hat gezeigt: Man kann personell und taktisch noch so viel planen, am Ende ist doch vieles Zufall.

Schmidt Glück und Zufall spielen tatsächlich eine größere Rolle, als man vielleicht denkt. Der Sieg gegen Hamburg war aber verdient, weil wir uns diesen mit spielerischen Mitteln erarbeitet haben. Das ist unsere beste Waffe - und in meinen Augen erfolgversprechender als die Hoffnung darauf, irgendwann durch einen langen Ball vors Tor und zu einer Chance zu kommen.

Auch Verletzungen wie die von Karim Bellarabi werfen Pläne plötzlich über Bord. Mit den Ausfällen von Kevin Volland, davor Chicharito und auch Stefan Kießling ist zum Saisonstart gerade die Offensive gebeutelt. Inwiefern kann man sich als Trainer auf solche Dinge einstellen?

Schmidt Das kann man nicht. Man muss die Situation akzeptieren. Ich habe mir angewöhnt, Verletzungen so wenig wie möglich zu betrauern und vielmehr sofort zu überlegen, was zu tun ist.

Kommen einem dann nicht Gedanken an die vielen Aufgaben in den nächsten Wochen? Die werden durch die Ausfälle nicht einfacher.

Schmidt Wir hatten in der vergangenen Saison größere Herausforderungen zu meistern, als uns schon in der Vorbereitung wichtige Säulen wegbrachen. Wenn Kevin Volland wie jetzt mit einem Mittelhandbruch zwei Wochen ausfällt, ist das kein Drama. Was uns weh tut, sind langfristige Ausfälle wie der von Karim. Jemanden wie ihn mit seiner Dynamik können wir nicht Eins zu Eins ersetzen. Das müssen wir als Team auffangen.

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