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Bayer Leverkusen
"Ich habe jetzt viel mehr Kraft"

Lars Bender: "Ich habe jetzt viel mehr Kraft"
Bayer-Kapitän Lars Bender. FOTO: afp, agz
Leverkusen. Bayer 04-Kapitän Lars Bender spricht im RP-Interview über seinen Fitnesszustand, die Sehnsucht nach einem Titel und den Traum, wieder mit seinem Zwillingsbruder zusammen zu spielen.

Wie bewerten Sie den Start in die Saison?

Bender Wir können sicher nicht ganz zufrieden sein mit der ersten Phase dieser Saison, schließlich haben wir zuhause gegen Darmstadt verloren und uns zuvor in München ein bisschen unter Wert verkauft. Aber wie auf der anderen Seite die Champions-League-Qualifikation gegen Lazio nach dem 0:1 im Hinspiel verlief, mit diesem geilen Spiel daheim - das war schon klasse. Darauf können wir aufbauen.

Wie fühlt es sich an, als Kapitän eine Champions-League-Truppe anzuführen? Was hat sich für Sie mit der Binde am Arm verändert?

Bender Ich habe im vergangenen Jahr schon den Part neben Simon [Rolfes, Anm. d. Red.] ganz ordentlich ausgefüllt und die Mannschaft schon öfter auf den Platz geführt. Von daher hat sich für mich da nichts entscheidendes geändert. Es geht mehr um den Umgang in der Truppe und mit der Truppe. Das trägt man aber nicht außen. Diese alltäglichen Dinge im Training, auf dem Platz - da wächst man schon ein Stück weit noch mal in eine andere Rolle. Aber da habe ich jedes Jahr ein bisschen hinzugewonnen und so ist es auch in diesem Jahr.

Wo ordnen Sie Bayer 04 in der Champions-League-Gruppe mit Barcelona, AS Rom und Bate Borissow ein?

Bender Wir haben eine unangenehme, schwere Gruppe. Wir haben uns aber natürlich das Ziel gesteckt, uns da durchzusetzen. Das wird extrem anspruchsvoll. Für uns zählt jetzt der Start mit dem Heimspiel gegen Borrisow. Mit einem Sieg in die Gruppenphase zu starten ist immer das wichtigste. Deshalb nehmen wir das Spiel genauso ernst, wenn nicht sogar ernster als das gegen Lazio.

Ihr Team hat Heung-Min Son verloren. Es war viel Unmut von Ihren Mitspielern zu hören, gerade was den Zeitpunkt der Verhandlungen anging. Wie stehen Sie dazu?

Bender Das ist natürlich unglücklich gelaufen. Dass ein Spieler einen Wechselwunsch äußert, ist legitim, das ist in diesem Geschäft so - gerade wenn die Engländer anrufen. Die kommen teilweise mit unglaublichen Angeboten, das liegt auf der Hand. Aber Sonny hat einige Zeit mit uns gespielt und wusste, was uns dieses Spiel gegen Lazio bedeutet. Dann in diesem kurzen Zeitfenster davor, so eine Nummer zu starten, ist sicherlich nicht optimal, aber wir haben uns davon nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Können Sie aus sportlicher Sicht nachvollziehen, warum sich Son für die Europa League und gegen die Champions League entschieden hat?

Bender Das ist keine Entscheidung, die ich tragen muss. Das muss jeder für sich wissen. Er wird sich das schon reiflich überlegt und seine Beweggründe gehabt haben. Die habe ich nicht heraushören können, aber ich wünsche ihm Glück, dass er sich auf der Insel durchsetzt.

Son ist also abgehakt. Chicharito ist die neue Nummer sieben. Wie ist er so drauf als Typ und wie bringt er Bayer 04 fußballerisch nach vorne?

Bender Er ist ein aufgeschlossener Typ und hat reichlich Erfahrung in großen Klubs gesammelt. Das hat man direkt im ersten Training gemerkt. Er weiß so gut, wie wenige andere, wo das Tor steht. Er wird uns definitiv weiterbringen.

Eigentlich ist es ein untypischer Transfer für Bayer 04, das sich eher auf Talente fokussiert. Befürworten Sie die Abkehr von dieser Philosophie, auch einen gestandenen Akteur zu holen?

Bender Ich glaube, dass man hier nicht grundsätzlich davon absieht, solche Transfers zu tätigen. Aber in der Vergangenheit war es deutlich schwieriger, derartige Wechsel zu realisieren. Da spielen gewisse Summen eine Rolle. Man kann uns als Verein zu diesem Transfer nur gratulieren. Dass man einen Spieler diesen Kalibers zu Bayer 04 holen konnte, zeigt, dass wir in den vergangenen Jahren gut gearbeitet haben und der Verein an Attraktivität in anderen Ländern hinzugewonnen hat.

Als ein zentraler Mittelfeldspieler in Leverkusen gesucht wurde, fiel auch der Name Ihres Zwillingsbruders Sven. Haben Sie mal in Dortmund nachgefragt, was da dran war?

bender Das war kein großes Thema, wurde eher durch die Medien hochgekocht. Ich habe ihn aber natürlich gefragt, ob er was gehört hat und er hat gesagt: ,Nein ich weiß von nichts.' Dementsprechend ruhig sind wir mit der Sache umgegangen.

Sie hätten sich aber über eine Wiedervereinigung in Leverkusen gefreut?

Bender Es ist sicherlich ein Traum von uns, noch mal zusammen zu spielen. So viele Jahre hast du als Fußballer nicht, gerade auf einem gewissen Niveau. Wir haben die ersten Jahre bei 1860 München zusammen verbracht, dann war es ein richtiger und wichtiger Schritt, sich mal zu trennen, als Einzelner voranzukommen. Für die Zukunft ist es aber unser Plan und unser Wunsch, noch mal ein paar Jahre zusammen zu genießen.

Es ist immer wieder zu hören, dass Leverkusen auch bei der Nationalelf etwas die Lobby fehlt. Gonzalo Castro und Stefan Kießling mussten das erfahren. Sie wurden zuletzt nicht mehr eingeladen. Fühlen Sie Sich genug wertgeschätzt vom DFB?

Bender Darum geht es nicht, sondern nur darum, im Verein seine Leistung zu bringen. Was anderes bleibt dir als Spieler nicht übrig. Das ist die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und am Ende des Tages für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich muss zu den 23 besten Spielern Deutschlands gehören. Dann werde ich eingeladen. Ich hatte geile Momente beim DFB, hatte dann eine schwierige Zeit durch meine Verletzung, wegen der ich die WM verpasste, war danach ein, zwei Mal dabei, jetzt zwei, drei Mal nicht. Aber das ist okay. Wir haben sehr viele Weltklassespieler, besonders auch auf meiner Position. Die Leute schlafen ja nicht oder bringen schlechte Leistungen. Deswegen muss man das alles richtig einschätzen.

Wie bewerten Sie Ihre Chancen, noch auf den EM-Zug aufzuspringen?

Bender Das ist absolut mein Ziel.

Roger Schmidt hat letztens bei einer Pressekonferenz scherzhaft gesagt: Es komme ja selten vor, aber er könne mal sagen, dass Lars Bender fit ist. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Ihr Körper Ihnen öfter mal einen Strich durch die Rechnung macht?

Bender Ich glaube, der macht mir keinen Strich durch die Rechnung. Da wird in meinen Augen ein falsches Bild gemalt. Ich habe im vergangenen Jahr sehr viele Einsätze gehabt. Aber ich kam wegen meiner Verletzung mit einer sehr schwammigen Vorbereitung in die Saison. Und dann hatte ich nicht den Luxus, dass ich mal ein Spiel draußen bleiben konnte, weil die Spieler auf meiner Position vor Weihnachten verletzt waren. Da musste ich zwei, drei Monate jedes Spiel machen und habe auch mal kleine Blessuren durchgeschleppt. Da beiße ich dann auch im Sinne des Vereins und der Mannschaft auf die Zähne, weil ich keinen im Stich lassen möchte. Ich bin weitaus gesünder, als es manchmal dargestellt wurde.

Sie fühlen Sich aber insgesamt fitter als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr?

Bender Klar! Ich habe jetzt viel mehr Kraft, weil ich die komplette Vorbereitung mitgemacht und den Spielstil unseres Trainers nun komplett verinnerlicht habe. Den konnte ich mir ja im Gegensatz zu den anderen im vergangenen Jahr erst im Laufe der Saison aneignen.

Es gibt Stimmen, Sie und Christoph Kramer seien zu ähnliche Spielertypen auf der Sechs.

Bender Wir haben mit Christoph super Qualität auf der Position hinzugewonnen. Ich denke nicht, dass wir uns ähneln, wir sind unterschiedliche Spielertypen. Zum jetzigen Zeitpunkt funktioniert das schon sehr gut. Christoph ist erst zwei Monate hier, das wird sich noch weiter entwickeln und passt schon jetzt sehr, sehr gut.

Geschäftsführer Michael Schade sagt offen, dass er Leverkusen als Sprungbrett-Verein zu noch größeren Vereinen sieht. Ihr Name wird hartnäckig mit Arsenal London in Verbindung gebracht. Wann springen Sie vom Brett?

Bender Die Geschichte mit Arsenal kann ich nicht mehr hören.

Dann lassen wir Arsenal einfach mal beiseite. Wann hüpfen Sie denn vom Brett in Leverkusen?

Bender Ich habe hier meiner Ansicht nach eine sensationelle Entwicklung genommen und mich stetig gesteigert. Und ich sehe noch nicht das Ende der Fahnenstange. Die Mannschaft hat an Potenzial gewonnen, wir sind das dritte Mal in Folge in der Champions League. Man ist hier gewillt, den Weg, auf dem wir uns befinden, weiterzugehen. Deswegen hat man sich dieses Jahr so verstärkt. Ich will ein Teil dieser Entwicklung sein. Wenn alles zusammenpasst, können wir vielleicht irgendwo schon einen Tick erfolgreicher sein als in den vergangenen Jahren.

PATRICK SCHERER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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