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Bayer Leverkusen
Roberto Hilbert: "Mancher Fan sucht ein Ventil für Frust"

Leverkusen. Bayer 04-Verteidiger Roberto Hilbert spricht mit unserer Redaktion über persönliche Erlebnisse mit Rassismus, Schmährufe im Stadion und die richtige Bestrafung.

Herr Hilbert, lassen Sie uns nicht über Ihre ersten Monate bei Bayer 04, den famosen Saisonstart der Werkself oder die Arbeitsteilung mit Giulio Donati reden.

Hilbert Okay.

Lassen Sie uns über Rassismus reden.

Hilbert Sehr gerne. Das Thema liegt mir sehr am Herzen.

Warum?

Hilbert Weil ich tagtäglich damit zu tun habe. Meine Frau kommt ursprünglich aus Afrika, bei der Hautfarbe meiner Kinder haben sich die Pigmente meiner Frau durchgesetzt. Ich selbst sehe jetzt auch nicht typisch deutsch aus, sage ich mal. Ich hatte als Jugendlicher fast nur ausländische Freunde. Ich bin selbst schon öfter als Ausländer beschimpft worden, meine Frau noch öfter. Deswegen ist es mir extrem wichtig, den Leuten zu vermitteln, einen Menschen nicht auf seine Herkunft oder Hautfarbe zu reduzieren.

Was überwiegt bei Ihnen, wenn Ihre Familie rassistisch beleidigt wird – Wut, Traurigkeit oder Schock?

Hilbert Es kommt alles zusammen. Erst ist es ein Schock. Dann wird man wütend, weil man seine Familie verteidigen will. Gleichzeitig finde ich es aber auch extrem traurig, dass es in der heutigen Zeit immer noch ein Problem ist.

Was erleben Sie häufiger im Alltag, plumpen Rassismus in Form derber Sprüche oder eher den latenten Rassismus in Form von Blicken oder Gesten?

Hilbert Wenn wir als "Misch-Familie" unterwegs sind, merkt man schon die Blicke der Leute. Das ist das Schlimmere. Leute, die im Stadion Affenlaute von sich geben oder Bananen schmeißen, besitzen einfach keine Intelligenz. Denen kann man sagen: "Was seid Ihr für Idioten!". Aber diese zum Teil wirklich bösen Blicke sind den Leuten schwieriger abzugewöhnen, weil es so eingebrannt wirkt.

Wie kann man dem entgegenwirken?

hilbert Das Problem ist das Klischee-Denken. Ein Beispiel: Meine Frau ist, wie gesagt, dunkelhäutig, kommt ursprünglich aus Eritrea, ist aber in Deutschland aufgewachsen und spricht perfekt Deutsch – sogar mit fränkischem Akzent. Wenn wir irgendwo hinkommen, wird sie meist auf Englisch oder Portugiesisch angesprochen. Wenn sie dann auf Deutsch antwortet, sind die Leute erst einmal geschockt. Ich hoffe aber, dass sie aus solch einer Situation etwas mitnehmen.

Und wie erleben es Ihre Kinder?

Hilbert Mein ältester Sohn ist zwar erst acht. Aber er hat letztens zu mir gesagt: "Papa, es kann doch nicht sein, dass Leute uns beleidigen, nur weil Mama aus Afrika kommt." Er sagte, er würde ab sofort immer sagen, er sei Deutscher, dann würden ihn manche Leute vielleicht mehr mögen. Meine Frau und ich haben ihm dann erklärt, dass er zu 50 Prozent afrikanisch und zu 50 Prozent deutsch ist und dass er das auch ruhig sagen darf und soll. Es ist letztlich traurig, dass wir überhaupt darüber reden mussten. Aber es ist wirklich notwendig.

Sie selbst engagieren sich seit einiger Zeit im Projekt "Zeig' Rassismus die Rote Karte".

hilbert Ja. Ich finde, wir Profifußballer tragen eine Verantwortung dafür, unsere Vorbildfunktion für soziale Projekte zu nutzen. Und beim Thema Rassismus habe ich ja nun aufgrund meiner Vita auch wirklich glaubhafte Argumente.

Der Fußball ist Teil der Gesellschaft. Hat er im Speziellen ein Rassismusproblem?

Hilbert Wie Sie sagen: Er spiegelt die Gesellschaft wider. In einigen Köpfen steckt noch immer eine Feindseligkeit gegenüber Ausländern.

Reklamiert mancher Zuschauer vielleicht auch mit dem Zahlen des Eintrittsgeldes für ein Fußballspiel für sich das Recht, aufgestauten Frust herauszulassen und sich mal eine Auszeit vom Benehmen zu gönnen?

Hilbert Ich glaube, ja. Dadurch, dass ich zuletzt drei Jahre in der Türkei war, habe ich jetzt einen etwas anderen Blick auf Deutschland. Ich habe das Gefühl, dass der eine oder andere ganz oft einfach ein Ventil für seinen Frust sucht. Das richtet sich dann zuweilen eben auch gegen Ausländer.

Wieso schafft es der Fußball nicht, diesem Problem Herr zu werden? Sport gilt doch gemeinhin als Werkzeug zur Integration?

Hilbert Ich glaube, der Sport versucht schon viel, um Kindern in punkto Toleranz und Integration etwas zu vermitteln. Aber die entscheidende Entwicklung passiert halt im Elternhaus. Ein Fußballtrainer hat nicht so viel Autorität wie die Mutter oder der Vater. Und wenn die Eltern ihrem Kind nicht erklären, dass Herkunft und Hautfarbe egal sind, bekommt man das Problem nicht in den Griff.

Im Profifußball stellt sich derweil die Frage, wie man Vereine bestraft, deren Fans sich rassistisch daneben benommen haben?

hilbert Ich weiß nicht, ob ein Verein immer etwas dafür kann, wenn die Fans mal durchdrehen. Und die Fans selbst? Vielleicht wäre es wirklich eine Möglichkeit, die Leute zur Arbeit in einem Integrations-Projekt zu verpflichten. Dann würden sie die Mentalität derer kennenlernen, die sie zuvor beschimpft haben und ändern vielleicht ihren Blickwinkel.

Muss sich eine Fankurve aber letztlich nicht selbst reinigen?

Hilbert Ja, das wäre ein Anfang. Die Fans müssen da auch selbst Initiative ergreifen und klar machen: So etwas gehört in unsere Fan-Gruppierung nicht rein. Aber das kommt Gott sei Dank ja auch vor.

Hatten Sie als Ausländer in der Türkei eigentlich nie Probleme mit rassistischen Anfeindungen?

Hilbert Absolut nicht. Ich bin nie als "Scheiß-Deutscher" beschimpft worden. Im Gegenteil, gerade uns Deutschen wie Fabian Ernst, Michael Fink und mir ist man immer sehr respektvoll gegenüber getreten.

STEFAN KLÜTTERMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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