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Bayer Leverkusen
Schmidts Plädoyer für die Jungen

Porträt: Das ist Julian Brandt
Porträt: Das ist Julian Brandt FOTO: afp, pst-jlu
Leverkusen. Der Trainer attestiert Spielern wie Jonathan Tah, Julian Brandt und Benjamin Henrichs "außergewöhnliches" Talent. Die 19- und 20-Jährigen tragen als Stammkräfte bei Bayer 04 bereits hohe Verantwortung. Die nächsten Talente sind schon in Lauerstellung. Von Stefanie Sandmeier

Mancher mag sich vielleicht erinnern: Es gab in der vergangenen Saison diesen 2:0-Erfolg beim VfB Stuttgart. Der konkurriert in der Analyse der Spielzeit seither mit dem 3:3 von Augsburg in der Frage, welches Spiel in der Rückrunde aus Leverkusener Sicht die Wende zum Positiven einleitete. Das Resultat spielte dabei weniger eine Rolle als die Tatsache, welche Besetzung diesen Sieg erkämpfte.

Denn in größter personeller Not schickte Roger Schmidt mit Spielern wie Benjamin Henrichs, Jonathan Tah, Julian Brandt, Vladlen Yurchenko und Wendell fünf Kräfte aufs Feld, die mit 22 Jahren und jünger ihren Mann standen. Im Laufe der Partie kam mit Marlon Frey ein weiterer hinzu. Der hatte bis zu diesem Spieltag gerade 157 Bundesligaminuten absolviert, Yurchenko 18 und Henrichs überschaubare 31. Warum das wichtig ist?

Ein halbes Jahr später sind vier dieser sechs Fußballer kaum mehr aus der Bayer-Mannschaft wegzudenken. Frey hat im Sommer den Verein Richtung Kaiserslautern verlassen, Yurchenko ist verletzt. Tah, Henrichs, Brandt und Wendell hingegen haben sich als Stammkräfte etabliert. Insbesondere die drei Deutschen sorgen mit ihren Auftritten für Aufsehen. Tah und Brandt sind beide 20 Jahre alt, klopften bereits bei der A-Nationalmannschaft an. Brandt ist dieser Tage erneut dabei. Tah und Henrichs sind oder waren bei der U21, Henrichs reiste zum Zwecke der Regeneration vorzeitig nach Hause. "Die vielen Spiele merke ich schon", entgegnete der 19-Jährige gestern nach dem Training, der im Zuge seiner Umschulung zum Außenverteidiger Anfang des Jahres eine bemerkenswerte Entwicklung nahm. Bis auf den ersten Spieltag verpasste der gelernte Mittelfeldmann keine Partie. Die letzten sieben ging er jeweils über 90 Minuten. Wie schnell aus Henrichs bei Bayer 04 ein "vollwertiger Spieler" (Schmidt) wurde, kann er selbst kaum glauben. "Es läuft ganz gut", sagt er bescheiden, "es macht großen Spaß."

Roger Schmidt bescheinigt Henrichs wie auch den beiden anderen "außergewöhnliches" Talent. Was den Deutsch-Ghanaer auszeichnet, der seit 2004 im Verein spielt, ist neben seiner Spielintelligenz und Souveränität die Fähigkeit, seine Qualitäten auf beiden Abwehrseiten abzurufen. Das macht ihn mit seinem Reifeprozess zu einem Vorzeigeprofi für den Werksklub.

Seit Jahren krankt es an der Durchlässigkeit vom Nachwuchs zu den Profis. Schmidt will auch diese verbessern, bindet daher bewusst Talente ein. "Wir wissen um die hohen Ansprüche von Bayer Leverkusen, versuchen aber trotzdem, diesen mit einer jungen Mannschaft gerecht zu werden. Bei uns sind die jungen Spieler nicht bloß dabei, sie sind tatsächlich in der Verantwortung. Das ist sicher nicht selbstverständlich, aber das ist unser Weg", erklärt der 49-Jährige. Schmidt nutzte die Länderspielpause, gab Nachwuchskräften die Gelegenheit, sich im Training zu präsentieren - und schwärmt: "Es waren acht, neun Spieler dabei, die einen hervorragenden Eindruck hinterlassen haben." Darunter Talente wie Atakan Akkaynak, Sam Schreck oder Kai Havertz, der zuletzt gegen Dortmund im Kader stand. "Ich habe ihn mitgenommen, weil ich ihm zutraue, bei uns zu spielen", erklärt der Trainer. "Alle drei sind sehr talentiert. Und bei allen drei haben wir die Hoffnung, dass sie vollwertige Spieler bei uns werden."

Auf ihrem Weg sollen sie behutsam herangeführt werden. "Bei allen Zielen des Vereins, empfinde ich es auch als Pflicht, diese guten jungen Spieler zu entwickeln und zuzusehen, dass wieder mehr A-Jugendliche den Sprung in die erste Mannschaft schaffen", sagt Schmidt. Künftig soll es häufiger Spieler wie Henrichs oder Gonzalo Castro geben, die ohne Umweg bei den Profis anklopfen. Der Status quo stimmt den 49-Jährigen optimistisch. "Ich glaube nicht, dass wir wieder sieben, acht Jahre warten müssen, bis der Nächste kommt".

Noch ist Henrichs trotz seines Höhenflugs kein Spekulationsobjekt wie etwa Tah oder Brandt. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass auch andere Trainer diese Talente gerne bei sich sehen würden. Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Brandt der FC Bayern München. Der 20-Jährige reagiert auf solche Spekulationen jedoch gelassen. Für ihn gehe es erst einmal darum, "Konstanz in meine Leistungen zu bekommen". Brandt, der Deutschland zu olympischem Silber verhalf und auch in Brasilien viel Verantwortung auf seinen Schultern trug, merkte man zuletzt - mehr noch als den anderen - die Belastungen der letzten Wochen an.

Auch Tah durfte sich gestern Abend beim 4:1-Erfolg gegen Österreich schonen. Der Innenverteidiger gilt als Sinnbild der Zuverlässigkeit. Er absolvierte alle neun Pflichtspiele der Saison, acht über die volle Distanz. In der vergangenen Spielzeit hinderte ihn allein eine Lebensmittelvergiftung daran, nahezu alle Partien zu machen. Tah kam vor knapp einem Jahr als großes Talent, inzwischen tanzt er selbstbewusst auf der Champions-League-Bühne. Mit stoischer Ruhe spult er regelmäßig seine Leistung ab. Das ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass es kaum mehr explizit betont wird. Und doch, sagt Schmidt, sind es junge Spieler, die auch mal Fehler machen. Und dürfen - das gehört eben auch zur Entwicklung.

Quelle: RP
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