| 17.51 Uhr

Bayer Leverkusen
Wie Bayer 04 Dortmund die Krallen zog

Einzelkritik: Bestnote für Henrichs
Einzelkritik: Bestnote für Henrichs FOTO: ap, mm
Leverkusen. Vor dem Topspiel gegen Borussia Dortmund gab es eine Zahl, die in Leverkusen für einigen Respekt sorgte: 16:4. Es war das Torverhältnis des BVB nach fünf Spieltagen. Dass in der BayArena keine weiteren Treffer hinzukamen, hatte mehrere Gründe. Von Dorian Audersch

In der 79. Minute kam endlich die Erlösung: Kevin Volland behauptete den Ball im Mittelfeld und spielte ihn sehenswert auf Hakan Calhanoglu, der wiederum perfekt für Chicharito auflegte - 2:0. Es war einer jener schnellen Umschaltmomente, die Roger Schmidt schätzt und forciert. Bayers Trainer hat sich für das Spiel gegen Dortmund einiges einfallen lassen, um die Torfabrik der Liga lahmzulegen und gleichzeitig gefährlich zu bleiben. Der erste Heimsieg gegen die Borussia nach neun Jahren kam nicht zufällig oder glücklich zustande. Er war das Ergebnis harter Arbeit, Konzentration und kompromissloser Umsetzung der taktischen Vorgaben. Nachfolgend die wichtigsten Punkte:

1. Die Einstellung Bayer 04 war von Anfang an hellwach und brauchte nicht lange, um in die Partie zu finden. Schmidts Team kam bissig und aggressiv aus der Kabine und behielt diesen Stil bis zum Schlusspfiff bei. Dortmunds Coach Thomas Tuchel nahm das Foulverhältnis von 21:7 zum Anlass für Kritik an einer vermeintlich zu harten Spielweise. Die Wahrheit ist eher, dass sich seine Mannschaft den Schneid abkaufen ließ - vor allem in der ersten Halbzeit. Anstatt das zweifellos robuste Spiel der Werkself anzunehmen, wirkte der BVB gehemmt.

Natürlich muss Bayer 04 nicht in jedem Spiel fünf Gelbe Karten kassieren, und gerade das ebenfalls geahndete Foul von Hakan Calhanoglu kurz vor dem Schlusspfiff war überflüssig, aber in einem Topspiel gegen einen direkten Konkurrenten um die vorderen Platzierungen ist die Einstellung wesentlich für den Erfolg. Die hat bei der Werkself gestimmt. Zudem wäre es fahrlässig, ein Team wie den BVB unbedrängt kombinieren zu lassen. Admir Mehmedi, der das 1:0 erzielte, fasste es treffend zusammen: "Wir waren da, voll fokussiert."

2. Die Taktik Ein Ziel von Roger Schmidt war, Dortmunds Mittelfeldgestalter Julian Weigl und die schnellen Offensivspieler möglichst aus dem Spiel zu nehmen. Das gelang durch die Verdichtung der Räume. Das ist zwar sehr laufintensiv, aber effektiv. Sogar Torjäger Chicharito übernahm defensive Aufgaben und attackierte Weigl bereits im Mittelfeld. Dortmund tat sich schwer, dem aggressiven Pressing der Werkself zu entziehen.

Der BVB hatte zwar - wie vorhergesehen - über den gesamten Verlauf deutlich mehr Ballbesitz, aber dafür vergleichsweise wenig zwingende Torchancen. Bayer 04 hingegen verstand es, Ballverluste der Dortmunder zu nutzen, um in die wenigen Lücken zu stoßen und gefährliche Situationen zu kreieren. Diese spielten die Leverkusener besser aus - in einigen Situationen aber noch nicht konsequent genug. Dass die beiden Tore zum richtigen Zeitpunkt fielen, war freilich auch Glück - aber nicht nur. Die Spielidee ist aufgegangen.

3. Die Außenverteidiger Sie sind jeher wichtig im Spiel der Werkself. Wie in Monaco, zeigten Lars Bender und Benjamin Henrichs eine bärenstarke Leistung. Dass Bender zur Halbzeit mit muskulären Problemen in der Kabine bleiben musste, war kein Problem: Dann wechselte Henrichs eben nach rechts und Wendell übernahm links.

Auch das hat gut funktioniert. Ohnehin war Henrichs eine der auffälligsten Figuren. "Er ist nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken", lobte Sportchef Rudi Völler das 19-jährige Eigengewächs. "Benny ist ein außergewöhnlicher Spieler. Das war er schon in der Jugend", sagte Schmidt. "Er hat sehr schnelle Beine, wendige Drehungen, gutes Timing und Zweikampfverhalten - das prädestiniert ihn für die Aufgabe des Außenverteidigers." Auch Ömer Toprak beantwortete die Frage nach dem besten Verteidiger im Spiel klar: "Benny Henrichs".

4. Die Effektivität Dass Chicharito immer für ein Tor zu haben ist, weiß inzwischen jeder, der die Bundesliga verfolgt. Bemerkenswert war auch die Leistungssteigerung von Calhanoglu, der beide Tore vorbereitete und von seiner Mannschaft "das bisher beste Spiel der Saison" sah. "Das wahre Leverkusen" nannte er es. Hinzu kommen die Innenverteidiger Jonathan Tah und Ömer Toprak, die defensiv so gut wie nichts anbrennen ließen - trotz der Dortmunder Offensivpower. Auch Kevin Kampl und Charles Aránguiz waren wichtige Bausteine für den Erfolg: läuferisch, kämpferisch und auch spielerisch. Das gilt ebenso für den wiedererstarkten Mehmedi.

Bayer 04 geht formverbessert in die Länderspielpause, für die mehr als ein Dutzend Nationalspieler abgestellt werden. Die "Woche der Wahrheit" mit den Siegen in Mainz und gegen Dortmund sowie dem unglücklichen Remis in Monaco ist gemeistert. Schmidt freut sich auf eine kurze Phase des entspannten Trainerdaseins. Er will mit Talenten aus der U 19 den Rumpfkader auffüllen und sich einen Eindruck von ihnen verschaffen - ohne den Druck, der sich nach dem eher holprigen Saisonstart aufzubauen drohte. Chicharito bleibt in Leverkusen, um seinen Handbruch endgültig auszukurieren. Sport Seite

Quelle: RP
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