1. Bundesliga 17/18
| 06.58 Uhr

Hoeneß zieht die Fäden
Der alte FC Bayern

Der alte FC Bayern München: Uli Hoeneß holt Jupp Heynckes zurück
Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. FOTO: red
München. Beim FC Bayern München wird vor allem nach Gefühl entschieden. Das zeigt auch die bevorstehende Verpflichtung von Jupp Heynckes. Uli Hoeneß hat die Macht längst wieder an sich gezogen und lässt wenig Platz für Modernisierungen.  Von Gianni Costa und Robert Peters

Kurz bevor Uli Hoeneß wegen seiner Steuervergehen die Haft antrat, rief er den Mitgliedern des FC Bayern München bei einer außerordentlichen Versammlung zu: "Das war's noch nicht." Halb Drohung, halb Versprechen des Präsidenten. Vor allem Klubchef Karl-Heinz Rummenigge muss das wohl als Drohung verstanden haben. Denn in der Abwesenheit des Mannes, der den FC Bayern als sein Lebenswerk versteht, tat Rummenigge einiges, um den Verein nach seinen Vorstellungen umzubauen. Es wurde ein wenig kühler an der Säbener Straße, im geschäftlichen Herz der Fußballfirma Bayern.

Hoeneß aber machte seine Ankündigung wahr. Seine Anhänger, immer noch sehr zahlreich, bereiteten ihm eine triumphale Rückkehr ins Präsidentenamt. Und er gedenkt es nicht als Grüßaugust und halber Privatmann auszufüllen. Hoeneß mischt sich ein, macht Politik und zieht wieder die Fäden. Nicht immer zu Rummenigges Gefallen. Nach dem Gefängnisaufenthalt und der Rückkehr ins Präsidentenamt sagt Hoeneß über das Verhältnis zu Rummenigge: "Das ist, wie wenn es eine Scheidung war. Du musst wieder zusammenkommen." Rummenigge sagt: "Wir sind noch nicht wieder verheiratet."

Ein Problem der beiden Führungsfiguren liegt darin, dass Hoeneß, der Gefühlsmensch, keine Vernunftehe will. Also versucht er, in der Konkurrenz mit Rummenigge den Klub zurückzuerobern. Das Gefühl ist oft stärker als das Kalkül, und so hat er schon einige Etappensiege gefeiert. Der jüngste ist die Verpflichtung von Trainer Jupp Heynckes. Dessen Vorgänger Carlo Ancelotti war ein Rummenigge-Mann und dessen erster Nachfolgekandidat Thomas Tuchel ebenfalls. Hoeneß aber soll sich offen für eine Verpflichtung des Hoffenheimer Trainers Julian Nagelsmann im nächsten Sommer und für eine Übergangslösung ausgesprochen haben. Eine neuerliche Niederlage für Rummenigge.

Der Machtkampf der beiden älteren Herren (Hoeneß ist 65, Rummenigge 62) über die Ausrichtung des Vereins und darüber, wer im operativen Geschäft die Maßgaben erteilt, könnte auf Sicht fatal werden. In ihrem Schatten dulden die beiden Alphatiere allenfalls spaßige Randfiguren wie den sogenannten Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Und sie halten das Projekt Bayern so fest in eigener Hand, dass sie über Erbfolgen gar nicht erst nachdenken. Zeitgemäß ist das nicht. Doch mit einem zünftigen Verweis auf das Mia-san-Mia-Selbstverständnis ist schon so mancher Vorstoß auf Erneuerung abrupt geendet.

Jupp Heynckes muss sich um sein Vermächtnis keine großen Gedanken machen. Spätestens mit dem Gewinn des Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League ist er zu einer Legende in seinem Metier aufgestiegen. Sollte sich seine abermalige Anstellung an der Säbener Straße zum Fiasko entwickeln, würde es nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern sein. Denn Heynckes hat es nicht in das Amt gedrängt, es ist ein letzter großer Freundschaftsdienst für seinen Weggefährten Hoeneß. Es verschafft ein wenig Zeit. Es offenbart aber auch schonungslos, wie nach wie vor in München gearbeitet wird: nach dem Gefallen-Prinzip, wie in einer Familie, wenn der Patriarch eine Bitte äußerst.

Und man kann davon ausgehen, dass der Pate der Säbener Straße alsbald weiterziehen wird und weitere Gefallen einfordert. Dass er Dietmar Hopp ein Angebot machen wird, ihm zur neuen Saison Julian Nagelsmann zu überlassen. Hopp ist ein Geschäftsmann, klar, strukturiert. Er ist aber auch Herzmensch und damit mindestens empfänglich für den Hoeneß-Pathos. Nagelsmann hat unverhohlen kundgetan, früher oder später gerne einen Kontrakt beim FC Bayern zu unterschreiben zu wollen. Im Sommer 2018 wird es sehr wahrscheinlich soweit sein.

Doch mit einem jungen Trainer wird der FC Bayern nicht plötzlich modern. Es gehört deutlich mehr dazu - zum Beispiel Professionalität im sportlichen Management. Die Nominierung von Salihamidzic war ein deutliches Zeichen, dass man aber genau daran überhaupt kein Interesse verspürt. Die Alphatiere Hoeneß und Rummenigge verspüren noch keinen Drang, sich ernsthaft um die Nachfolge zu bemühen. Philipp Lahm wurde mehr als Gefahr denn als Chance wahrgenommen. Lahm hätte die Fähigkeit gehabt, seine Visionen derart fundiert in die Öffentlichkeit zu tragen, dass sich die Machtverhältnisse vor allem in der Außenwahrnehmung vermutlich schnell geändert hätten. Um Veränderungen zu wollen, muss man loslassen können. Vor allem Hoeneß klammert sich aber an die Macht - und an sein Netzwerk aus guten Freunden.

Das Fundament des FC Bayern ist stark genug, dass es etliche Fehler zulässt, ohne dass gleich Einsturzgefahr besteht. Das Selbstverständnis lässt indes kein Scheitern zu. Doch das System hat sich grundsätzlich verändert. Der Fußball hat sich verändert. Nicht mehr der FC Bayern kauft den Markt leer und kann Konkurrenten systematisch schwächen, indem er die besten Akteure wegholt. Es sind längst neue Wettbewerber dazugekommen - vor allem aus England, aber auch Spanien und Italien. Und auch die von Investoren unterstützten Klubs in der Bundesliga.

Die Bayern müssen sich selbst ganz schön strecken, um Weltstars zu verpflichten. Robert Lewandowski ist der einzige Akteur derzeit von gehobener Güteklasse. Vielleicht noch Mats Hummels und natürlich Manuel Neuer, sofern er noch einmal vollständig gesundet. Aus der eigenen Jugend kam zuletzt viel zu wenig nach. Thomas Müller und David Alaba sind die Letzten, die den Sprung über die eigene Nachwuchsarbeit geschafft haben. Bayern hat in diesem Bereich wohl das größte Versäumnis begangen. Bis die unlängst eröffnete Akademie erste Erfolge präsentieren kann, werden noch Jahre vergehen.

Lesen Sie hier einen Kommentar zur Situation beim Rekordmeister: "FC Bayern ist der FC Planlos"

Quelle: RP
 
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