1. Bundesliga 17/18
| 15.28 Uhr

Bayern-Star konzentriert sich auf die Bayern
Als Arjen Robben noch Haare hatte

FC Bayern München: Als Arjen Robben noch Haare hatte
Ein Bild aus vergangenen Tagen: Arjen Robben mit Haaren im Trikot der niederländischen Nationalmannschaft. FOTO: imago
Düsseldorf. Seit vergangener Woche ist er "nur" noch Spieler bei den Bayern. Eine große Karriere klingt langsam aus. Von André Schahidi

Wenn ich daran denke, wie ich Arjen Robben kennengelernt habe, denke ich an Haare auf dem Kopf. An rudernde Arme. Und bunte Sitzschalen. Es war 2004, ich war 22 Jahre alt. Mein Vater hatte in der letzten Runde der Karten-Verlosung noch Tickets für das EM-Spiel der Niederlande gegen Tschechien bekommen. Meine Schwester und ich waren aus dem Häuschen: Wir flogen nach Portugal. Schon damals im kunterbunten Stadion von Aveiro, das wie ein großer Lego-Bausatz aussah, mutete sein Laufstil merkwürdig an. Doch der junge Mann, noch mit Haaren auf dem Kopf und der Nummer 19 auf dem Trikot, wirbelte die tschechische Defensive alleine durcheinander, bereitete zwei Tore vor, gab noch die Vorlage zu zwei Pfostenschüssen. Und wurde dann nach 58 Minuten vom damaligen (und heutigen) Trainer Dick Advocaat ausgewechselt. Wir schauten uns auf der Tribüne fassungslos an: Das hat er nicht wirklich gemacht?

Hatte er doch. Kaum war Robben draußen, hatten die Tschechen plötzlich viel Platz und drehten eines der besten Spiele der Fußballgeschichte nach 1:2-Rückstand noch zum Sieg. Und Willem van Hanegem, damals Advocaats Co-Trainer, antwortete auf die Frage eines Journalisten, was er tun würde, wenn der Coach Robben noch einmal auswechseln würde, mit einem breiten Grinsen: "Dann haue ich ihn um." Auf unserer Rückfahrt vom Spiel gab es im Bus nur ein Thema: "de wissel", die Auswechslung. Allen Fans war klar: Mit Robben auf dem Platz hätten "wir" das Spiel gewonnen. Nicht ganz klar war mir damals aber, dass ich tatsächlich live der Geburt eines Weltstars beigewohnt habe.

Robben verabschiedet sich von den Fans FOTO: ap, PDJ

Doch von diesem Tag an verfolgte ich Robbens Geschichte etwas genauer. Es ist die Geschichte eines Fußballers, der in der tiefsten Provinz bei Groningen aufwächst. Unbemerkt von allen Scouts und den Verlockungen des großen Fußballs. Auf dem Land durfte er dribbeln. Und noch mehr dribbeln. Und erst, als er schon so groß war, dass man ihm das Dribbeln nicht mehr austreiben konnte, wurde er entdeckt. Das war sein Glück, behaupten viele Experten heute - so entging er nämlich den großen Fußball-Akademien, in denen Fußballer stromliniengeformt werden. Nach seinen Gala-Auftritten bei der EM 2004 holte Chelsea London den damals 20-Jährigen nach London. Drei Jahre später ging es zu Real Madrid. Nun war der kleine Dribbler aus der niederländischen Provinz ein Star.

Richtig interessant wurde es für mich jedoch erst, als Robben 2009 zu Bayern München kam. Da brachte er seinen "Signature Move" mit - die Aktion, die fest mit seinem Namen verbunden ist: Von rechts in die Mitte ziehen und den Ball ins lange Eck schlenzen. Klappte ständig. Experten versuchten, die Bewegung zu entschlüsseln, rätselten darüber, warum Verteidiger ihn nicht stoppen konnten, obwohl sie doch genau wussten, was kommt. Die wissenschaftliche Antwort war einfach: Robben ist einfach zu schnell.

Arjen Robben steht sinnbildlich für den niederländischen Fußball. Für Technik, für Spielwitz. Für große, aber eben auch bittere Momente, die für uns Niederländer zum Tagesgeschäft gehören. Ich habe so viele davon mit ihm erlebt. Sein Tor zum Champions-League-Titel 2013 gegen Dortmund. Das Bangen um seine Teilnahme an der WM in Südafrika 2010 wegen einer Muskelverletzung, seine plötzliche Wunderheilung und sein Solo auf dem Weg zum WM-Titel, das vom spanischen Torhüter Iker Casillas im letzten Moment gestoppt wurde. Mit dem rechten großen Zeh, wie in einer griechischen Tragödie. Ich habe danach so feste gegen die Couch getreten, dass fast ein Loch drin war. Ich erinnere mich aber auch an Robbens sportliche Revanche beim 5:1-Sieg 2014 im WM-Gruppenspiel gegen Spanien, als er Sergio Ramos trotz fünf Metern Rückstand überholte, mit Abwehr und Casillas Katz und Maus spielte und sein zweites Tor des Abends erzielte. Für die Spanier war nach der Gruppenphase schluss – doch Robben führte seine Niederländer bis auf Platz drei bei der WM.

Porträt: Arjen Robben – Bayern-Star, Vize-Weltmeister, Triple-Sieger FOTO: dapd, Paul White

Das ist der große Arjen. Es gibt aber auch den anderen Robben. Der, der regelmäßig ohne Berührung umfällt oder nach Auswechslungen gestenreich herummotzt. Ich kann jeden Nicht-Bayern-Fan oder Nicht-Niederländer verstehen, der ihn überhaupt nicht leiden kann. Robben polarisiert. Gleichzeitig habe ich ihn als Journalist als freundlichen und bodenständigen Typen kennengelernt. Während die meisten Fußballprofis mit möglichst teuren Designer-Rollkoffern aus der Kabine schlurften, trug Robben auch mal einen einfachen Kulturbeutel. Mit Kühen drauf. Hatten ihm seine Kinder geschenkt. Mit seiner Frau Bernadien ist er seit zehn Jahren verheiratet. Vater Hans ist sein Berater. Skandale abseits des Platzes? Gibt es nicht.

Wenn ich meine Schwester, die am 23. Januar 1984 geboren wurde, zum Geburtstag anrufe, gratulieren wir uns manchmal auch scherzhaft zu "Arjens Geburtstag" – beide sind nämlich auf den Tag genau gleich alt. Und als Arjen Robben in seinem letzten Länderspiel bei der Nationalhymne weinte und ich die Bilder sah, tat auch mir das weh. Kein "Arjen" mehr in Oranje, daran muss ich mich gewöhnen. Ein Weltstar tritt langsam ab. Immerhin ist es ein sanfter Entzug. Den Bayern bleibt er ja noch ein bisschen erhalten. 

Der Autor (36) wuchs auf der niederländischen Nordseeinsel Texel auf. Er hat den niederländischen und den deutschen Pass.

WM 2010: Robbens Erfolgsrezept FOTO: AFP
Quelle: RP
 
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