1. Bundesliga 17/18
| 14.54 Uhr

Bayern gewappnet für Real
Ancelotti, der Menschenfänger

Ancelotti knutscht Ribéry ab
Ancelotti knutscht Ribéry ab FOTO: rtr, saw
Düsseldorf. Der FC Bayern München hat sich für das Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid warmgeschossen. Trainer Carlo Ancelotti versteht es, die Mannschaft mit seiner ruhigen Art zu führen – und die Stars im richtigen Moment zu streicheln. Von Stephan Seeger

Eine Viertelstunde vor dem Schlusspfiff hatte Carlo Ancelotti genug gesehen von Franck Ribéry. Der Italiener wechselte den Franzosen aus – um ihn für das wichtige Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid am Mittwoch zu schonen. Ribéry hätte gerne noch weitergespielt. "Trainer, was ist los?", fragte der 34-Jährige den 57 Jahre alten Coach. Und was machte Ancelotti? Er nahm den Franzosen in den Arm und gab ihm ein Küsschen als Anerkennung für dessen Leistung im Topspiel gegen Borussia Dortmund. Nach der Szene konnte Ribéry dann auch schnell wieder lachen. So einfach ist es, Fußball-Stars bei Laune zu halten. Ancelotti ist in dieser Disziplin ein Meister seines Fachs. "Das war ein Kompliment für ihn", sagte Ancelotti über den Knutscher für Ribéry: "Er hatte gestern Geburtstag und hat ein fantastisches Spiel gemacht. Man merkt nicht, dass er 34 Jahre alt ist."

Tatsächlich merkte man das nicht, denn der Franzose spielte gegen Dortmund wie in alten Tagen. Das 1:0 erzielte er in der vierten Minute selbst, in den restlichen 70 Minuten wirbelte er in der Offensive und war sich auch nicht zu schade, mit nach hinten zu arbeiten und defensive "Drecksarbeit" zu verrichten. Gemeinsam mit dem ebenfalls überragenden Arjen Robben auf der rechten Seite bildete Ribery die Flügelzange, die die Bayern 2013 zum Triple geführt hat. Dass das Duo wieder so aufblüht, hat viel mit Ancelottis Menschenführung zu tun.

Der Italiener gewährt seinen Altstars auf dem Platz viele Freiheiten, Robben und vor allem Ribéry fühlen sich unter Ancelotti pudelwohl. "Das ist eine schöne Relation mit dem Trainer. Er gibt viel Vertrauen, es macht Spaß mit ihm. Ich fühle mich wohl mit ihm. Das ist wichtig für ihn und für mich", sagte Ribéry nach der Macht-Demonstration gegen den BVB. Beim Triple-Gewinn 2013 war es ähnlich, damals trainierte Jupp Heynckes die Bayern und streichelte seine extrovertierten Stars, wo es ging.

Ronaldo schwärmt von Ancelotti

Schon zu seiner Zeit bei Real Madrid verstand es Ancelotti, das Starensemble um Cristiano Ronaldo in den Griff zu bekommen. Nicht umsonst schrieb Ronaldo in der "Bild" über seinen Ex-Trainer: "Es ist die Art, wie er arbeitet, die Art, wie er als Mensch ist – nicht bloß mit den Spielern, sondern auch mit den Angestellten und seinen Chefs im Verein. Er ist sehr bescheiden, was im Fußballgeschäft so normal nicht ist. Er behandelt jeden als Ebenbürtigen. Er weist nie jemanden ab, nur weil er oder sie nicht mit ihm auf einer Stufe steht; und er hört immer zu. Carlo hat mir sehr viel geholfen, und ich wünschte, er wäre länger bei Real Madrid geblieben. Ich hoffe, eines Tages wieder mit ihm zu arbeiten."

Schon beim 1:0-Erfolg in Mönchengladbach bewies Ancelotti sein feines Gespür für die Stars. Nach der Auswechslung von Arjen Robben reagierte der Niederländer gefrustet, schlug Ancelotti und der gesamten Auswechselbank des Rekordmeisters beinahe die Hand ab. Ancelottis Reaktion? Keine, der Italiener konnte den Niederländer sogar verstehen. "Ich war auch nie glücklich nach Auswechslungen. Ich habe damit kein Problem, kann damit gut leben", sagte Ancelotti in seiner gewohnt ruhigen und besonnenen Art.

Genau damit hat er die Bayern in den Griff bekommen. Als Anfang des Jahres von allen Seiten eine Krise heraufbeschworen wurde und zwar die Ergebnisse, aber das Spielerische in München nicht stimmte, ließ sich Ancelotti nicht aus der Ruhe bringen und führte die Mannschaft wieder auf Kurs. Das Ergebnis: Die Bayern spielen derzeit wie aus einem Guss, auch wenn sie in der Englischen Woche in Hoffenheim die zweite Saisonniederlage kassierten. Dort verzichtete der Italiener allerdings auf einige Stammkräfte, zudem vergaben die Bayern in der zweiten Halbzeit einige gute Torchancen.

Doch der FC Bayern hat die Pleite in Hoffenheim gut verdaut und sich mit einer Gala im Klassiker gegen Dortmund zurückgemeldet. Real Madrid kann also kommen. Das meint auch Bayern-Kapitän Philipp Lahm: "Ich spüre große Vorfreude. Das ist ein Viertelfinale, hört sich aber wie ein Finale an. Ich habe großes Vertrauen in die Mannschaft, wir sind sehr, sehr gut aufgestellt", sagte der Ex-Nationalspieler.

Verzichten müssen die Bayern allerdings auf Mats Hummels, der das Training am Sonntag mit Problemen am rechten Sprunggelenk abbrach und ausfällt. Doch auch ohne Hummels sind die Bayern leicht favorisiert. Und wenn Ribéry wieder nach 74 Minuten ausgewechselt wird, weil er ein überragendes Spiel gemacht hat, wird er vielleicht sogar lächelnd zur Seitenlinie laufen.

(seeg)
 
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