1. Bundesliga 17/18
| 14.37 Uhr

Zu wenig Training und Taktik
Die Gründe für Ancelottis Scheitern beim FC Bayern

"Danke für absolut gar nichts!"
"Danke für absolut gar nichts!"
München. Der FC Bayern München hat sich wegen schlechter Ergebnisse von Trainer Carlo Ancelotti getrennt, jetzt kommen noch mehr Gründe ans Licht. Die Mannschaft scheint zerstritten – einig waren sich die Spieler wohl nur, wenn es um den italienischen Trainer ging. Von Denis Canalp

Die Aufstellung und das Ergebnis des Champions-League-Spiels bei Paris Saint-Germain (0:3) brachten das Fass zum überlaufen, selbst für Außenstehende war klar, dass Ancelottis Zeit in München nach nicht einmal eineinhalb Jahren abgelaufen war. 

Stimmung

Die Stimmung in der Mannschaft war unter Ancelotti schlecht. Präsident Uli Hoeneß hatte nach der Entlassung Ancelottis gesagt, dass es sich der Italiener zuletzt gleich mit fünf wichtigen Spielern verscherzt hatte, doch das war nur die Spitze des Esbergs. Hinter den Kulissen soll es schon seit geraumer Zeit heftig gekriselt haben. Thomas Müller klagte öffentlich über zu geringe Wertschätzung, Robert Lewandowski kritisierte nicht weniger öffentlich die Transferpolitik, intern sollen sich laut "kicker" einige Spieler über die Bevorzugung der spanischen Fraktion um Thiago Alcantara und Javi Martinez sowie des kolumbianischen Zugangs James Rodriguez beklagt haben. "Gemeinsame italienisch-spanische Essen sollen sogar die Aufstellung beeinflusst haben", schreibt das Fachmagazin und nennt das Klima innerhalb der Mannschaft "vergiftet".

Taktik

Ancelotti wollte mit den Bayern nicht mehr so früh pressen, zumindest nicht über die gesamte Spielzeit. Er wollte dem Team eine neue Handschrift verpassen, in dem die Bayern sich in bestimmten Phasen zurückziehen, um den Gegner dann auszukontern. Das Problem: Ancelotti trainierte diese Taktik schlichtweg zu wenig. Nach dem 2:0 auf Schalke in der vergangenen Saison verblüffte Lewandowski mit der Aussage, der Trainer habe nach der uninspirierten ersten Halbzeit dem Team in der Kabine lediglich mitgeteilt, dass es "besser sei als Schalke". Ancelotti sollte recht behalten, die Bayern trafen zweimal in der Schlussphase. In der Englischen Woche, als die Bayern eine 2:0-Führung gegen den VfL Wolfsburg verspielten, soll Ancelotti seinen Spielern nur gesagt haben: "Ihr müsst mehr aufpassen." Überschaubare Arbeitsnachweise für ein Jahresgehalt von 15 Millionen Euro.

Kommunikation

"Quiet Leadership – Wie man Menschen und Spiel gewinnt", so heißt die Biografie Ancelottis. Sie wird wohl nicht um das Kapitel München erweitert. Bei den Bayern gelang es ihm von Anfang an nicht, die Spieler auf seine Seite zu ziehen. Ancelottis sprachliche Defizite sollen einen großen Teil dazu beigetragen haben, berichtet der "kicker". Kommunikation soll nur mit den wenigsten Profis regelmäßig auf der Tagesordnung gestanden haben. Junge Spieler wie Joshua Kimmich oder Kingsley Coman, aber auch erfahrene Weltmeister wie Jerome Boateng reagierten mit Verunsicherung und spielten mit Wechselgedanken. Ancelottis lange Leine wurde ihm zusätzlich zum Verhängnis. Seit seinem Amtsantritt an der Säbener Straße häuften sich die Disziplinlosigkeiten im Bayern-Kader – ohne Konsequenzen für die Protagonisten. Egal, ob Ribéry, verärgert über eine Auswechslung, sein Trikot wütend in die Ecke schmiss, Lewandowski den Verein in einem Interview kritisierte, oder der zuletzt nach Swansea ausgeliehene Renato Sanches den Trainingsauftakt verpasste, weil er in Lissabon zu spät für sein Flugzeug am Flughafen erschien – Ancelotti drückte beide Augen zu.

Training

Die Zusammensetzung des Trainerstabs mit Sohn Davide als Co-Trainer wurde von Beginn an kritisch beäugt, der rauchende Fitnesstrainer Giovanni Mauro genoss im Team nie die Wertschätzung seiner Vorgänger. Die Intensität des Trainings soll zudem ausbaufähig gewesen sein. So sehr, das sich Leistungsträger wie Manuel Neuer, Thomas Müller und Jerome Boateng regelmäßig bei Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge beschwerten. Es soll soweit gegangen sein, dass die Spieler selbst ein Zusatztraining organisierten. Als Ancelotti davon erfuhr, verbot er die freiwillige Einheit der Profis. Robben soll dem "kicker" zufolge gewettert haben, dass "in der D-Jugend in Grünwald (dort spielt Robbens Sohn) besser trainiert wird."

Ein verheerendes Urteil eines Musterprofis, das die Bayern-Bosse sicherlich auch zum Handeln gezwungen hat.

 
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