1. Bundesliga 16/17
| 08.41 Uhr

Gerd Müller feiert Geburtstag, Thomas spielt Champions League
Alles Müller, oder was?

FC Bayern München: Gerd Müller feiert seinen 70.
Zwei Torjäger des FC Bayern und der Nationalmannschaft: Gerd und Thomas Müller. FOTO: imago sportfotodienst
Düsseldorf. Gerd Müller wird heute 70 Jahre alt. Sein Nachfolger Thomas Müller spielt morgen mit den Bayern morgen gegen Arsenal. Von Robert Peters

Heute wird Gerd Müller 70. Es ist nicht sicher, wie viel er davon mitbekommt. Ganz sicher ist, dass kein großes Fest veranstaltet wird. Denn der Jubilar leidet an Alzheimer, er lebt seit einem dreiviertel Jahr in einer Klinik in der Nähe von München.

Deutschlands größter Torjäger erlebt ein dunkles Finale seines Lebens, das so außerordentlich hell begann. Der kleine, dicke Mittelstürmer schoss die Bayern zu ihren Triumphen der 60er und 70er Jahre. Sie waren die Grundlage für den Aufstieg zu einem Weltklub. "Ohne ihn", sagt sein früherer Mitspieler Franz Beckenbauer, "würden wir uns immer noch in einer Holzhütte an der Säbener Straße umziehen." Müllers Tore machten Deutschland zum Europameister und zum Weltmeister. Seine Quoten bringen noch heute jeden Fußballstatistiker ins Schwärmen. 68 Treffer in 62 Länderspielen, 365 Bundesligatore in 427 Spielen – diese Kunst beherrschte er. "Des kannst oder des kannst nicht", hat er gesagt.

Die größten Erfolge von Gerd Müller FOTO: dpa

Gesprochen hat er nie so viel. Die Öffentlichkeit mochte er nicht, wenn sie außerhalb des Rasenvierecks lag. Gerd Müller war ein schüchterner Mann. Er ließ lieber andere reden. Auch deshalb wurde er nie annähernd so gut bezahlt, wie es seine Rolle eigentlich geboten hätte. Ans größere Geld kam er erst nach seinem Wechsel in die US-Soccer-League. Sportlich aber war das ein Abstieg. Während der ehemalige Doppelpass-Partner Beckenbauer mit der schillernden Crew von Cosmos New York zum Weltmann wurde, fühlte Müller sich unwohl fern der Heimat.

Vor allem die vielen Flüge setzten ihm zu. Schon in seiner späten Phase bei den Bayern hatte er einen verhängnisvollen Rat befolgt und seine ausgeprägte Flugangst mit harten Drinks bekämpft. In den USA wurde es schlimmer mit dem Trinken. Und als er zurück nach Deutschland kam, war er dem Alkohol verfallen. Seine alten Freunde von den Bayern, allen voran der damalige Manager Uli Hoeneß, bewegten ihn zum Entzug. Und Hoeneß brachte ihn auch im Familienbetrieb der Bayern wieder unter.

Portrait: Gerd Müller: Der Bomber der Nation FOTO: dpa

Müller hatte Spaß an seiner Arbeit als Co-Trainer bei den Amateuren und mit dem Nachwuchs. Er freute sich an Talenten wie seinem Namensvetter Thomas Müller, mit dem er bei Werbespots für eine große Molkerei seine wenigen öffentlichen Auftritte hatte. Die zweite Reihe gefiel ihm viel besser. Gerd Müller führte ein behütetes zweites Sportlerleben beim FC Bayern. Man kann annehmen, dass es ihm sehr gut dabei ging. Erst als die Krankheit des Vergessens erkennbar Besitz von ihm ergriff, entzogen ihn die Bayern mehr als schon zuvor den Blicken der Öffentlichkeit. Selbst die immer sehr meinungsfreudigen Münchner Medien hielten still. Es war eine späte Verbeugung vor einem großen Fußballer und freundlichen Menschen.

Thomas Müller: Unorthodoxer Raumdeuter

Fotos: Thomas Müller – Bayer, WM-Torjäger, Weltmeister FOTO: afp, desk

Thomas Müller (26) ist unnachahmlich. Das hat er mit seinem Namensvetter gemeinsam. Wie Gerd, der Deutschland und Bayern München in neue Fußball-Dimensionen schoss, hält sich Thomas Müller nicht lange mit ästhetischen Fragen bei der Torproduktion auf. Der Ball muss über die Linie – das ist sein Maßstab für Vollendung. Ob er den Ball zuletzt mit der Schuhspitze berührte (ein Gräuel für selbst ernannte Wahrer des Schönen), ob er ihm ans Schienbein sprang oder andere nicht dringend der Torproduktion verdächtige Körperteile im Spiel waren, ist ihm herzlich gleichgültig. Das wird er auch morgen im Champions-League-Spiel gegen Arsenal London auf dem Platz bezeugen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die beiden Bayern-Müller schon engere berufliche Berührungspunkte hatten. Als Müller, Thomas, seine ersten Schritte auf der Profibühne machte, war Müller, Gerd, einer seiner Ratgeber. "Er hat mir von Anfang an Tipps gegeben, wie ich mich als Offensivspieler im Strafraum bewegen soll. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar", sagt der lange, dünne Müller über den kleinen, dicken Müller.

Der junge Müller hat nicht nur schnell gelernt, er hat der Fußball-Welt auch noch sein Talent im Umgang mit den Räumen außerhalb des Strafraums offenbart. Während der Sechzehner, wie ihn die Fußballer nennen, der natürliche Lebensraum von Gerd Müller war, in dem sich alle seine Qualitäten entfalten konnten, ist Thomas Müller mit seinen langen staksigen Schritten überall auf dem Feld unterwegs. Am liebsten erscheint er wie von Zauberhand gezogen von den Außenpositionen irgendwann am Arbeitsplatz aller Torjäger. Weil er über ein außergewöhnliches Gefühl für die Spielentwicklung und seine Position hat, nannten ihn findige Beobachter einen "Raumdeuter".

Das ist ihm basis-bayerisch wurscht – so lange das Ergebnis stimmt. Mit seinen unorthodoxen Läufen trägt er dazu bei, dass es in der Nationalelf und bei den Bayern überwiegend stimmt. Er hat inzwischen beinahe so viele Länderspiele wie der Gerd (67), er ist ebenso wie sein Vorbild Weltmeister. Er hat mit den Bayern die Champions League gewonnen. Und er kann von sich sagen: "Ich bin nicht mehr der kleine Müller, der mal mitspielen darf."

Anders als der Gerd ist Thomas Müller einer, der durch Redebeiträge auffällt. Er ist dabei so geradeheraus wie in seinem Spiel, so bayerisch-unverkrampft und so unterhaltend. Thomas Müller genießt diese Auftritte. Sie haben ihn zu einem begehrten Gesprächspartner gemacht und zu einer interessanten Werbefigur. Auch diese Bühne betritt er sehr viel lieber als Gerd Müller, dessen Erkrankung ihm "total an die Nieren gegangen" ist, wie er jüngst beteuerte.

Kein Wunder, denn ein Stück vom Gerd lebt im Thomas weiter. Groß sind beide.

(can/pet)
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