1. Bundesliga 17/18
| 14.51 Uhr

Rekordmeister in der Krise
Bayern und Ancelotti – nur ein großes Missverständnis?

Pressestimmen: "Tiefpunkt unter Trainer Carlo Ancelotti"
Pressestimmen: "Tiefpunkt unter Trainer Carlo Ancelotti" FOTO: dpa, kne
Meinung | München. Der FC Bayern München steckt mitten in der Krise. Die Entwicklung dürfte eigentlich niemanden überraschen, zu deutlich waren schon seit Wochen die Vorzeichen erkennbar. Spätestens nach dem peinlichen 2:3 beim FK Rostow ist der Rekordmeister unter Trainer Carlo Ancelotti am sportlichen Tiefpunkt der vergangenen Jahre angekommen. Von Denis Canalp

Die bisherige Saison der Bayern lässt sich in wenigen Worten so zusammenfassen: Anfangs lief es gegen schwache Gegner gut, dann wurden die Spiele zusehends schwächer, aber die Ergebnisse stimmten noch. Nach den jüngsten drei Pflichtspielen ohne Sieg stimmen aber auch die teils glücklich erreichten Resultate nicht mehr. Der FC Bayern ist in der Saison 2016/17 nach Jahren der Dominanz wieder eine gewöhnliche Bundesliga-Mannschaft. Eine gewöhnliche Mannschaft mit den besten Einzelspielern der Liga, zugegeben. Dass dies aber nicht ausreicht, um die hohen sportlichen Ziele zu erreichen, sollte spätestens nach der Niederlage beim russischen Außenseiter in der Champions League jedem klar sein.

Unter Trainer Ancelotti fehlt es den Bayern, die unter seinem Vorgänger Pep Guardiola drei Meistertitel in Serie holten und dreimal im Halbfinale der Champions League standen, an Dominanz, Kontrolle, defensiver Ordnung, Kreativität, Tempo, Spritzigkeit und Form. Zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen klaffen riesige Lücken, eine klare Spielidee ist kaum zu erkennen. Ancelotti hat bislang keinen Spieler besser gemacht. Im Gegenteil, zahlreiche Leistungsträger rufen ihr zweifelsohne vorhandes Potenzial nicht mehr ab. Alles nur eine Systemfrage? TV-Experte Oliver Kahn ließ sich am Mittwoch im ZDF zu der Frage hinreißen, ob es überhaupt ein "System Ancelotti" gibt.

Ancelotti wirkt derzeit mit der Situation überfordert

Ancelotti, der von den Bayern im Sommer nicht verpflichtet wurde, um eine taktische Revolution zu starten, sondern um das Erbe der unter Louis van Gaal, Jupp Heynckes und eben Guardiola vorangetriebenen Spielweise zu verwalten, hält stur an seinem 4-3-3 fest. Mit diesem System hatte er 2014 mit Real Madrid die Champions League gewonnen. Mit ganz anderen Spielertypen wohlgemerkt. Einen technisch beschlagenen, dribbel- und sprintstarken Kilometerfresser wie Angel di Maria, für Reals System und Spielweise damals wichtiger als die Ausnahme-Außenstürmer Cristiano Ronaldo und Gareth Bale, sucht man bei den Bayern vergeblich. Es war jedoch Ancelotti, der vor der Saison betonte, dass der Kader stark genug sei, er keine Verstärkungen mehr brauche. Diese Einschätzung fliegt ihm jetzt um die Ohren.

Der Italiener, dem der Ruf vorauseilt, sich perfekt auf das vorhandene Spielermaterial einstellen zu können, wirkt derzeit mit der Situation überfordert. In Interviews nach den Spielen wirkt der Trainer genauso hilflos wie seine Spieler auf dem Platz. Der 57-Jährige, der als einziger Trainer drei Mal die Champions League gewann und in München rund 15 Millionen Euro Gehalt pro Jahr einstreichen soll, flüchtet sich regelmäßig in Plattitüden. Nach der Blamage in Rostow sagte er: "Ich muss die Mannschaft so schnell wie möglich wieder in die Spur bringen." Wie er das schaffen will, verriet er nicht.

Gelingt dem Rekordmeister, der nach dem 0:1 in Dortmund auf Platz zwei in der Bundesliga abrutschte, am Samstag gegen Bayer Leverkusen nicht die Trendwende, könnte es für Ancelotti schon bald ungemütlich werden. Auch wenn es an Alternativen auf der Trainerbank mangelt und die Bayern sich eingestehen müssten, dass die Verpflichtung des Konter-Fans Ancelotti für eine der besten Ballbesitz-Mannschaften der Welt ein großes Missverständnis gewesen ist. 

(can)
 
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