1. Bundesliga 16/17
| 10.26 Uhr

Bayern gegen Augsburg beim Telekom-Cup
Enttäuschte gegen Glückselige

Fotos: Bobadilla überwindet Neuer per Hacke
Fotos: Bobadilla überwindet Neuer per Hacke FOTO: dpa, kne jai
Mönchengladbach. Es gibt einen herrlichen Aphorismus des irischen Dichters Oscar Wilde. Der geht so: "Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer nur mit dem Besten zufrieden." Dieses Zitat könnte auch der Slogan des FC Bayern München sein, und auf gewisse Weise ist der Wahlspruch "Mia san Mia" auch nichts anderes als die bayerische Variante dieses wildschen Sinnspruchs. Von Karsten Kellermann

Der FC Bayern will immer der Beste sein. Und dabei ist ihm Deutschland nicht genug: Er will der Beste in Europa sein, in der Welt und damit, da von großartigen Fußballklubs jenseits der Erde nichts bekannt geworden ist, auch des Universums.

Beim FC Augsburg, der die Bayern herausfordert im zweiten Halbfinale des Telekom-Cup, ist alles viel kleiner. Vor allem die Ansprüche. Darum war es den schwäbischen Bayern am Ende der Saison auch vergönnt, einen herrlich selbstironischen Spruch zu entwerfen, der in wunderbarer Weise die Größe des erreichten Erfolges widerspiegelte: "In Europa kennt uns keine Sau", stand auf den T-Shirts der Augsburger, nachdem sie mit dem 3:1 im Borussia-Park am letzten Spieltag der vergangenen Bundesligasaison den fünften Platz und damit den direkten Einzug in die Europa League geschafft hatten.

Wie klein sich das anhört, im Gegensatz zum Selbstverständnis des FC Bayern. Und tatsächlich ist es so: Geografisch liegen zwischen München und Augsburg nur rund 80 Kilometer. Doch im Fußball sind es Welten, die beide Vereine trennen. Es gibt viele Zahlen, die das belegen. So summiert sich der Gesamtwert aller Spieler des FC Augsburg laut Transfermarkt.de auf knapp 44,85 Millionen Euro. Der pompöse Kader der Bayern ist insgesamt 586,50 Millionen Euro wert. Die wertvollste Startelf, die Augsburgs Trainer Markus Weinzierl derzeit (Stand: 6. Juli) auf den Platz bringen kann, hat einen kumulierten Wert von 31 Millionen Euro, sein Kollege Pep Guardiola bei den Bayern kann eine Elf im Wert von 425 Millionen Euro aufbieten.

Dabei sind drei Spieler allein teurer, als alles, was der FCA hat: Thomas Müller hat einen Marktwert von 55 Millionen Euro, Arjen Robben ist 50 Millionen wert und Manuel Neuer 45 Millionen. Der (bis zum 6. Juli) teuerste Transfer, den sich Augsburg leistet, ist Dominik Kohr. Der war zuvor von Bayer Leverkusen ausgeliehen und wurde nun für 1,4 Millionen Euro fest verpflichtet. Die Bayern haben derweil den Brasilianer Douglas Costa von Schachtar Donezk gekauft – für 30 Millionen Euro. Aus den Zahlen ergeben sich Ansprüche. Erfolg im Fußball ist vom Prozentsatz der Erfüllung der Ansprüche abhängig. Bei den Bayern ist der natürliche Anspruch, der sich aus dem natürlichen Selbstverständnis des Klubs ergibt: Sie wollen immer alles gewinnen. Augsburgs Anspruch ist, möglichst nichts oder wenig zu tun zu haben mit dem Abstiegskampf.

Was die vergangene Saison angeht, ist die Diagnose, gemessen an den Ansprüchen: Der FC Bayern ist nur Deutscher Meister, womit gerade mal ein Drittel des Saisonziels erfüllt wurde. Deswegen schmeckte der 25. Meistertitel bittersüß. Dass das Triple geht, zeigte Jupp Heynckes 2013: Er gewann als Bayern-Trainer alles. Pep Guardiola, der mit Barcelona dreimal die europäische Meisterliga gewann, ist seither "nur" zweimal Meister und einmal Pokalsieger geworden. Das ist zu wenig. Für ihn. Und für die Bayern.

Beim FC Augsburg ist hingegen jedes Jahr, in dem er im Kreis der Bundesligisten dabei sein darf, ein großes Erlebnis. Die Augsburger haben daher in der Saison 2014/2015 ihr Soll übererfüllt. Sie haben nicht nur nichts mit dem Abstiegskampf zu tun gehabt, sondern sind sogar in die Europa League aufgestiegen. Das ist das größte Fußballereignis in Augsburg seit Helmut Haller. Der war bis dahin das namhafteste Produkt der Fußballgeschichte der Fuggerstadt. Haller spielte bei drei Weltmeisterschaften mit, wurde 1970 Dritter und 1966 Zweiter. Im Finale von Wembley schoss er sogar ein Tor. Da spielte er aber schon in Italien. 1962 in Chile war Haller der letzte Spieler des FC Augsburg, beziehungsweise des Vorgängers BC Augsburg, der a) für Deutschland spielte und b) bei einer WM dabei war.

Erst 2014 wurden beide Statistiken erneuert. Ein gewisser André Hahn, inzwischen bei Borussia angestellt, wurde als Augsburger von Joachim Löw ins DFB-Team berufen. Bei der WM in Brasilien war er nicht dabei, dafür spielten aber der Niederländer Paul Verhaegh und die beiden Südkoreaner Hong Jeong-Ho und Ji Dong-Won mit. In dieser Saison nun darf der FCA erstmals auf der europäischen Bühne tanzen. Ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte.

Zusammengefasst: Im zweiten Halbfinale des Telekom-Cup 2015 treffen Enttäuschte und Glückselige der Vorsaison aufeinander. Der letzte Vergleich der ungleichen Klubs aus Bayern endete wie die ganze Saison: Die Bayern waren enttäuscht, der FC Augsburg glückselig. Denn der frühere Borusse Raul Bobadilla erzielte das einzige Tor jenes Spiels und machte damit den 1:0-Erfolg der Augsburger in der Münchener Allianz-Arena möglich. Dass zudem eine Leihgabe der Bayern, Pierre Emil Höjbjerg, mit seinem 1:1-Ausgleich im letzten Spiel in Gladbach die Wende für die Augsburger einleitete und damit wesentlich dazu beitrug, dass der FCA das Ticket nach Europa löste, passt in die Geschichte.

Den Bayern fehlten am Ende der Saison Helden, als es darauf ankam. Im Pokal-Halbfinale gegen Dortmund fehlten Tormacher, sogar im Elfmeterschießen. Und im Champions-League-Semifinale gegen den FC Barcelona, fehlten zu viele Stars, um dem aktuell besten Team der Welt Paroli bieten zu können. Beide Trainer waren nach dem Ergebnis der abgelaufenen Spielzeit Spekulations-Objekte. Guardiola, weil vermutet wurde, dass er gehen könnte, nachdem er zweimal in Folge nicht den ganz großen Triumph feiern konnte. Und Markus Weinzierl, weil seine großartige Arbeit in Augsburg Begehrlichkeiten weckte. Zunächst war Weinzierl als möglicher Nachfolger von Jürgen Klopp in Dortmund im Gespräch, danach wollte ihn der FC Schalke holen.

Beide jedoch, Guardiola und Weinzierl, sagten Ja zu ihren Klubs und werden nun in der neuen Saison erneut die bekannten Ziele angehen: Guardiola soll alles gewinnen, Weinzierl aus den bescheidenen Möglichkeiten, die der FCA bieten kann, das Beste machen. Für beide wird der Druck größer. Guardiola wird nach wie vor am Heynckes-Triple gemessen und hat selbst den Anspruch, die Bayern zum Champions-League-Sieg zu führen. Dass er nebenbei Meister und Pokalsieger wird, ist vorausgesetzt. Weinzierl hingegen darf sich einer neuen, für Augsburg unglaublichen Herausforderung stellen: Der FCA geht in drei Wettbewerben an den Start.

Daraus ergeben sich neue Ansprüche: Als Europa-League- Teilnehmer nur das Ziel auszugeben, nichts mit dem Abstieg zu tun haben, dürfte schwieriger sein als zuvor. Hinzu kommt für Weinzierls Team das große Abenteuer Europa. Dies zu bestehen und zugleich den Alltag Bundesliga zu meistern, ist durchaus eine Kunst für einen internationalen Novizen. Augsburgs Vorteil kann sein, dass die Bundesliga trotz der nun vier Jahre währenden Teilnahme, beileibe noch kein Alltag ist.

Das gilt auch für den Telekom- Cup. Da ist Augsburg ebenfalls Debütant. Die Bayern sind, natürlich, von jeher dabei. Das Spiel der beiden ist die alte Geschichte von David, der den Goliath fordert. Augsburg kann nur gewinnen, die Bayern können nur verlieren. Darum ist die Frage, ob es manchmal leichter ist, der FC Augsburg zu sein als der FC Bayern. Während die Bayern immer nur die Besten sein müssen, passt zur anstehenden Saison der Augsburger ein anderer Aphorismus von Oscar Wilde: "Versuchungen soll man nachgehen, man weiß nie, wann sie wiederkommen."

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