1. Bundesliga 16/17
| 12.09 Uhr

Abwehrchef fällt monatelang aus
Boatengs Ausfall bereitet Bayern und DFB Sorgen

Medien: Boateng mit Muskelbündelriss - Drei Monate Pause?
München. Der Ausfall von Jerome Boateng trifft nicht nur den FC Bayern München, sondern auch Joachim Löw hart. Vor dem ersten Treffen der Weltmeister im EM-Jahr am Montag ist der Bundestrainer alarmiert.

Der Abwehrchef fällt lange aus, die Mannschaft spielt "unter Niveau": Angesichts der großen Probleme der deutschen Weltmeister zum Start des EM-Jahres schlägt Joachim Löw Alarm. "Wir haben ein halbes Jahr vor dem Turnier, da müssen jetzt alle noch ein paar Prozent drauflegen", sagte der Bundestrainer vor dem ersten Treffen 2016 am Montag in München der ARD. Löw sieht die Titelmission in Frankreich ernsthaft in Gefahr – zumal in Weltmeister Jerome Boateng eine Stütze seiner Mannschaft monatelang ausfällt.

Der Abwehrchef wird dem deutschen Rekordmeister Bayern München aufgrund eines Muskelbündelrisses im Adduktorenbereich möglicherweise drei Monate fehlen. Das berichtet die "Sport Bild". Die Bayern hatten nach einer Untersuchung des 27 Jahre alten Innenverteidigers am Samstag lediglich von einer Muskelverletzung im Adduktorenbereich und einer "längeren Pause" gesprochen. Die "Bild" berichtet sogar von einem möglichen Saison-Aus des Abwehrchefs. Das hätte auch gravierende Auswirkungen auf die EM und die deutsche Nationalmannschaft.

Boateng ist nicht zu ersetzen

Ohne Boateng wird der vierte Münchner Meistertitel in Serie wohl kaum in Gefahr geraten. Für Guardiolas finale Champions-League-Mission mit dem FC Bayern ist sie jedoch schon mit Blick auf die Achtelfinalhürde Juventus Turin am 23. Februar und 16. März fatal. Neben Torhüter Manuel Neuer ist Boateng der Spieler in der Münchner Defensive, der nicht zu ersetzen ist. "In der Verteidigung wird es personell langsam eng", stöhnte Kapitän Philipp Lahm angesichts der Ausfälle von Medhi Benatia, Rafinha und Juan Bernat in Hamburg.

Im Abwehrzentrum müssen es ohne Boateng vor allem Holger Badstuber und Javi Martínez richten, zwei Akteure mit einer besorgniserregenden Krankengeschichte in der jüngeren Vergangenheit. Noch kurz vor Ende der Winter-Transferperiode Ersatz für Boateng zu finden, erscheint utopisch. Guardiola wird also improvisieren müssen, etwa mit dem schon als Innenverteidiger erprobten David Alaba. Und der Spanier sieht sich mit einer neuen Debatte über die vielen Muskelblessuren beim Rekordmeister konfrontiert: Badstuber, Götze, Ribéry, Bernat, Benatia, Robben – die Ausfallliste der Saison ist lang und prominent.

Kritische Nachfragen würgte der empfindliche Guardiola in Hamburg ab, wohlwissend, dass auch seine Trainingsbelastung hinterfragt wird. Das Thema Ärzte und Guardiola ist belastet. Blessuren seien "normal, wenn Spieler alle Wettbewerbe" spielten, betonte der Katalane.

Nur Pech?

Boateng erwischte es im ersten Pflichtspiel nach fünf Wochen Pause und einer knapp dreiwöchigen Wintervorbereitung. War's einfach Pech? Auch die Spieler rätseln. "Ich habe keine Erklärung dafür, dass wir so häufig Muskelverletzungen haben. Ich bin kein Fachmann", sagte Lahm. Und Thomas Müller konstatierte: "Kurz vor Weihnachten haben wir noch mit 14 Spielern gespielt. Wir haben irgendwie die Seuche am Stiefel." Er mache sich jedoch keine Sorgen: "Aber es ist schon blöd, dass wieder neue Verletzte hinzugekommen sind." Ein Lichtblick waren immerhin die 90 Minuten von Sorgenkind Badstuber. "Aber er braucht auch noch Zeit, die man ihm geben muss", mahnte Kapitän Lahm.

Doch nicht nur Verletzungsssorgen belasten den Bundestrainer. Nach dem WM-Triumph von Brasilien 2014 habe das DFB-Team "zu lange gebraucht, um so richtig in Schwung zu kommen", monierte Löw. Die Qualifikation für die Endrunde in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) war ihm zu holprig, "einige Spiele waren unter unserem Niveau. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir die richtige Konzentration für die Nationalmannschaft mitbringen. Wir müssen uns auf jeden Fall um einiges steigern." Schon jetzt, ab Montag, wolle er "so ein bisschen die Schrauben anziehen", betonte er unmissverständlich.

Dem "Startschuss" in dieses wichtige Jahr, wie es Teammanager Oliver Bierhoff im Gespräch mit dem SID nannte, kommt große Bedeutung zu. "Wir wollen und müssen den Fokus unserer Spieler auf die EM richten und sie über unsere Planungen zum Turnier informieren", sagte Bierhoff über die Maßnahme. Löw hat rund 30 Spieler eingeladen, die für die EM infrage kommen. Dazu gehört auch Boateng, der nach seinem Muskelbündelriss aber wohl zumindest für die Länderspiel-Klassiker am 26. und 29. März in Berlin und München gegen Berlin sowie Italien ausfällt.

Löw und Bierhoff präsentieren EM-Fahrplan

Im Hilton-Hotel am Tucherpark sollen Kapitän Bastian Schweinsteiger und Co. letzte Marketingaktivitäten absolvieren, außerdem wollen Löw und Bierhoff den Fahrplan bis zur EM darlegen sowie noch einmal den Terror von Paris und Hannover thematisieren. Über den November 2015, betonte Löw, "müssen wir noch einmal reden, um die unangenehmen Erinnerungen nicht mit ins Turnier zu nehmen".

An oberster Stelle steht das "große Ziel, endlich auch den vierten EM-Titel für Deutschland zu gewinnen", wie Löw (55) hervorhob. Das soll Schweinsteiger und Co. in einem intensiven Gespräch am Nachmittag eingeschärft werden. "Wir wissen", zeigte sich Torhüter Manuel Neuer bereits einsichtig, "dass wir an uns arbeiten müssen".

Im Fahrplan bis zum EM-Auftakt gegen die Ukraine am 12. Juni in Lille müssen nur noch letzte Details geklärt werden. Am 23. Mai, zwei Tage nach dem DFB-Pokalfinale, beginnt die Vorbereitung mit dem Trainingslager in Ascona (bis 3. Juni). Am 29. Mai, einen Tag nach dem Endspiel der Champions League, trifft die Mannschaft in Augsburg wohl auf Griechenland - es ist der letzte Test, bevor Löw am 31. Mai seinen 23-Mann-Kader melden muss. Am 4. Juni steigt in Gelsenkirchen die EM-Generalprobe, vermutlich gegen Ungarn, ehe die Weltmeister nach zwei freien Tagen am 7. Juni ihr EM-Quartier in Evian-les-Bains am Genfer See beziehen.

Die Hoffnung, dass am Ende trotz aller Widrigkeiten doch der Triumph steht, will Löw nicht aufgeben. "Ich bin optimistisch, weil ich weiß, dass die Mannschaft eine große Qualität hat", sagte er.

(can/sid/dpa)
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