Drehscheibe des Menschenhandels?: Belgischer Fußball im Zwielicht
zuletzt aktualisiert: 19.03.2001 - 20:47Brüssel (rpo). Der Bericht einer parlamentarischen Untersuchungskommission sorgt für Wirbel im belgischen Fußball-Geschehen. Die dort aufgedeckten dubiosen Machenschaften einiger Erstliga-Klubs - es ist von Menschenhandel die Rede - werden zunehmend von den Medien, insbesondere aber von der Brüsseler Staatsanwaltschaft begutachtet.
Ein Erstligaclub betreibt Filialen in Afrika, brasilianische Fußballer werden mit gefälschten Papieren ins Land geholt, nur mit Tricks soll Spitzenspieler Luis Oliveira an seinen belgischen Pass und in die Nationalmannschaft gekommen sein - eine lange Liste von Vorwürfen gegen namhafte Clubs und Manager füllte am Montag die Seiten der belgischen Zeitungen.
Die Untersuchungskommission war einem Spielereinkauf in Brasilien nachgegangen. Belgien sei deshalb so attraktiv für die Geschäfte der Branche, weil minderjährige Spieler dort problemlos als Studenten angemeldet würden, erläuterte die Zeitung "De Morgen": "Was Belgien zusätzlich interessant macht, ist, dass die Clubs nicht an eine Höchstzahl ausländischer Spieler gebunden sind." Ein Blick in die Mannschaftslisten bestätigt dies: In der Saison 1989/90 spielten noch 75 Ausländer in der ersten Division; elf Jahre später haben 200 von 450 Erstliga-Spielern keinen belgischen Pass.
Vor allem die Afrika-Connection sei bei belgischen Clubs beliebt, heißt es. Vergangene Woche habe der Informationsdienst "Soccer Investor" den Einstieg des Fußballclubs Lokeren beim Team Canon Yaounde in Kamerun gemeldet. "Auch Satellite Abidjan aus der Elfenbeinküste ist eine Filiale von Lokerens Import-Exportgeschäft mit schwarzen Fußballern", schreibt "De Morgen". Nirgendwo sei "der Rohstoff" des Fußballgeschäfts so billig zu haben wie in Afrika.
Viele Verbindungen hat Belgiens Fußball aber auch nach Brasilien geknüpft. Der liberale Senator und frühere Judo-Nationaltrainer Jean- Marie Dedecker sprach den Berichten zufolge mit 50 jungen ausländischen Fußballern und deckte "eine Reihe schreiender Missstände" auf. Und er wertete den Bericht einer brasilianischen Kommission aus, die möglichen Menschenhandel mit jungen Brasilianern im belgischen Fußball untersucht hatte. "Sie stieß dabei auf einen klaren Zusammenhang zwischen dem Drogengeschäft und dem Handel mit Fußballern", sagte Dedecker der Zeitung "Het Laatste Nieuws".
Der Brasilianer Luis Oliveira soll Ende der 80er Jahre mit einem gefälschten Pass zum Spitzenclub Anderlecht gekommen sein, der ihn vier Jahre jünger machte. Auch die Einbürgerung des späteren Nationalspielers beruhe damit auf falschen Angaben, erklärte die Zeitung "Het Volk". Der Verbandsvorsitzende Michel D'Hooghe reagierte überrascht und will die Vorwürfe untersuchen lassen. Der belgische Fußballbund habe jedenfalls in gutem Glauben gehandelt. Für Senator Dedecker reichen die anrüchigen Geschäfte indes weit über den Fußball hinaus: "Besonders schlimm ist die Lage im Fußball, aber auch Basketball und Leichtathletik sind betroffen."
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