1. Bundesliga 17/18
| 12.50 Uhr

BVB verspielt 4:0 gegen Schalke
Bosz ist kaum noch zu halten - darf aber bleiben

Trainer Bosz bleibt im Amt - vorerst
Trainer Bosz bleibt im Amt - vorerst FOTO: dpa, bt jhe
Nach dem Derby herrscht bei Borussia Dortmund Katerstimmung. 4:4 nach 4:0 gegen den ungeliebten Rivalen im Pott - Trainer Peter Bosz hat kaum noch Argumente für eine Weiterbeschäftigung. Derweil feiert Schalke das Unentschieden, das sich wie ein Sieg anfühlt. Von Eckhard Czekalla, Dortmund

Da standen sie vor der "Gelben Wand", wie so oft nach Ende eines Bundesligaspiels. Doch diesmal gab es keinen Applaus, keine Aufmunterung. Pfiffe drangen in die Ohren der Dortmunder Fußballprofis, die ihren Fans das Wertvollste gestohlen hatten - einen Sieg gegen den ungeliebten Rivalen FC Schalke 04.

Nur 4:4 nach einer 4:0-Pausenführung, das war zu viel für die in den letzten Wochen geschundenen schwarz-gelbe Seelen. In den zurückliegenden zehn Pflichtspiele nur der Pokalsieg beim Drittligisten Magdeburg, nun der von den Gästen gefeierte "4:4-Sieg", das tat weh.

"Wir sind fassungslos"

"Wir sind fassungslos, was da in der zweiten Halbzeit passiert ist. Das müssen wir erst einmal verarbeiten", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc nach einem Spiel, das statistisch das 173. Derby seit der Premiere 1925 war, das aber nicht nur für jene in Erinnerung bleiben wird, die es im ehemaligen Westfalenstadion miterlebten. Fassungslos war auch Dortmunds Trainer Peter Bosz. Er fühle nur Enttäuschung im Körper, sagte der Niederländer. Gefeiert nach dem besten Start der Vereinsgeschichte, wobei die 19 Punkte aus den ersten sieben Bundesligaspielen auch den Gegnern geschuldet war, droht Bosz nach nur weiteren zwei Zählern in sechs Bundesligaspielen und den enttäuschenden Auftritten, die zum Aus in der Champions League führten und sogar noch im Duell mit Zyperns Meister Nikosia die Qualifikation zur Europa League gefährden, gefeuert zu werden.

Der Spielfilm des dramatischen Revierderbys FOTO: rtr, RC

Am Sonntagmorgen ab 11 Uhr muss Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf der Hauptversammlung den Mitgliedern Rede und Antwort stehen. Es hätte ein Termin der Hoffnung und Zuversicht sein können, wäre da nicht die zweite Halbzeit gegen den Nachbarn gewesen. "Wenn du 4:0 führst, Aubameyang das fünfte Tor machen muss, darf das niemals passieren. Auch nicht mit der Roten Karte für Aubameyang, du darfst nicht mehr verlieren", meinte Bosz. Zehn Tore hatten die Schalker in zwölf Bundesligspielen erst kassiert. Am Samstag waren es gleich vier innerhalb von 14 Minuten. Der sehr agile Aubameyang (12.) mit Handunterstützung, Benjamin Stambouli, der einen Sahin-Freistoß unbedrängt ins eigene Tor lenkte (18.), der kleine Mario Götze mit einem Kopfballtor (20.) und Portugals Europameister Raphael Guerreiro mit einem Volleyschuss verwandelten die Vorfreude der rund 7000 Schalker-Fans im Stadion in Entsetzen.

"Es war die Hölle"

Dortmund spielte wie zu Saisonbeginn, als alles klappte und schon so mancher Fan vom Titelgewinn träumte. "Es war die Hölle", sagte Domenico Tedesco. Der Schalker Trainer, der in fünf Monaten eine stabile, strukturiert auftretende Mannschaft geformt hatte, fragte sogar den vierten Offiziellen, ob man nicht nur 70 statt der üblichen Minuten spielen könne. Mit der Einwechslung des wieder genesenen Nationalspielers Leon Goretzka und des Marokkaners Amine Harit bereitete der 32-Jährige das Unfassbare vor und machte letztlich mit seiner Ansprache in der Halbzeit den Weg frei zum "Fußball-Wunder". An ein Unentschieden oder gar einen Sieg zu denken, sei bei einem 0:4 in Dortmund unrealistisch gewesen, erzählte Tedesco nach Spielschluss. Deshalb wollte man sich einfach gut verkaufen und zeigen, dass man eine gute Mannschaft sei und einfach die zweite Halbzeit gewinnen. Und am Ende konnten die Königsblauen jubeln. Der Klub reagierte schnell und originell: Schalke bietet seit Sonntag "Derbysieger"-Shirts an.

Schalke-Spieler jubeln vor dem Gästeblock FOTO: ap, mm

Ruhig und strukturiert, so traten die Gäste auf, aber zugleich zupackend und nie aufgebend. "Schalke hat Charakter, Schalke hat Qualität, und Schalke kann Spektakel bieten", sagte der Chefcoach noch unter dem Eindruck der zweiten Halbzeit. Guido Burgstaller verlängerte per Kopf eine Stambouli-Vorlage, wobei der Ball rund 45 Meter flog und BVB-Abwehrchef Sokratis keine gute Figur abgab, zum 1:4 (61.). Dann traf Harit (65.). Die Dortmunder Profis hatten da längst die Souveränität eingebüßt, mit der sie den Gegner dominierten. Das Gefühl, wieder zu enttäuschen, lähmte die Kreativität, den Mut. Fußball wurde nicht mehr gespielt, stattdessen der Ball hilflos nach vorne gedroschen, wo ihn Schalker dankbar aufnahmen und ihre nächsten Nadelstiche setzten.

Und doch: Hätte Aubameyang den Blick für Mario Götze gehabt und nach dem Fehler von Torwart Ralf Fährmann, der sich als Filigrantechniker versuchte und den Ball an den Gabuner verlor - nach dem 0:5 wären die Gäste wohl nicht mehr zurückgekommen. Doch der Stürmer wollte sich selbst feiern lassen, aber Fährmann bügelte seinen Patzer aus. In der zu Beginn und am Ende hitzigen, ja nickeligen Partie, in der Schalkes Thilo Kehrer vor der Pause Glück hatte, nicht vom Platz gestellt zu werden, zückte Schiedsrichter Deniz Aytekin nach einem dussligen Foul von Aubameyang an Harit die Gelb-Rote Karte (72.).

Twitter-Reaktionen auf das irre Revierderby

Bosz wackelt nach dem 0:4 in zweiter Halbzeit

Als Daniel Caligiuri seinen Tanz durch die Dortmunder Abwehr mit dem dritten Treffer krönte (86.) war der "Wahnsinn" nicht mehr aufzuhalten. Naldos Kopfball in der vierten Minute der Nachspielzeit ließ die Emotionen explodieren. Als nach dem Abpfiff Schalkes Torhüter Fährmann die "Gelbe Wand" mit einer Geste provoziert und Dortmunds Nuri Sahin ihn zur rede stellt, kommt es zur Rudelbildung. Einige Fans versuchen durch ein plötzlich offenes Tor in den Innenraum zu gelangen, eifrige Hörender versuchen wenig später auf der Gegenseite, die Schalker Profis nicht zu nahe an ihre Fans, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Freude, kommen zu lassen. "Das war nicht nötig. Ich darf mich nicht so verhalten, dafür entschuldige ich mich", sagte Fährmann, der in der zweiten Halbzeit auch von einigen so genannten Fans aus der "Gelben Mand" provoziert worden war.

"Du führst mit 4:0 und hast sie komplett zerlegt. Ich kann es nicht erklären, was da abgelaufen ist", sagt Schalkes Spielgestalter Sahin. Torhüter Roman Weidenfeller, der Roman Bürki ersetzte (der Schweizer war nach einem Tritt gegen den Kopf im Dienstagsspiel gegen Tottenham Hotspur noch nicht wieder fit), meinte, dass jeder sich hinterfragen müsste, ob er in der zweiten Halbzeit alles für den Erfolg getan habe. "Ich habe nie aufgegeben, als Spieler und als Trainer nicht", betonte Bosz. Den Vorwurf, seinen Spielern fehle die körperliche Fitness, ließ er erneut nicht gelten. "Nach einem Gegentor spielen wir oft keinen Fußball mehr, nutzen die Räume nicht, bieten sich Spieler nicht mehr an und fordern den Ball", betont der 54-Jährige. Für ihn ist es vorrangig ein mentales, kein körperliches Problem.

Dies zu lösen ist vielleicht bald die Aufgabe eines anderen Cheftrainers. Auch wenn der Niederländer laut Informationen von "Bild" und Sport1 zumindest im Ligaspiel bei Bayer Leverkusen am Samstag (15.30 Uhr/Sky) noch auf der Bank sitzen wird - wohl auch mangels kurzfristiger Alternativen.

 
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