1. Bundesliga 17/18
| 08.22 Uhr

Neuer Trainer von Borussia Dortmund
Tuchel fehlt die bezaubernde Volksnähe von Klopp

Thomas Tuchel: Pokalsieger, Ex-BVB-Trainer
Thomas Tuchel: Pokalsieger, Ex-BVB-Trainer FOTO: dpa, jai nic
Dortmund. Der ehemalige Trainer des FSV Mainz 05 bekommt bei Borussia Dortmund einen Dreijahresvertrag. Die Abschiedstournee von Jürgen Klopp beginnt mit einem 3:0 gegen den SC Paderborn. Von Robert Peters

Das Wochenende beginnt Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke mit einer ernsten Ermahnung. "Ich warne davor", sagt er, "zu einseitig in Richtung Tuchel zu denken." Es setzt sich fort mit einem 3:0-Erfolg des BVB im Bundesligaspiel gegen den SC Paderborn. Wahrscheinlich setzt es sich auch mit einer letzten Verhandlungsrunde fort. Gestern nämlich endet dieses Wochenende mit der Verpflichtung des Nachfolgers von Jürgen Klopp, der Mittwoch seinen Rücktritt zum Saisonende erklärt hat. Ihm folgt eben jener Tuchel, Vorname Thomas.

Die Mitteilung an die Medien fasst knapp und sachlich zusammen: "Der achtmalige Deutsche Fußball-Meister Borussia Dortmund hat Thomas Tuchel ab dem 1. Juli 2015 als neuen Trainer verpflichtet. Der 41-Jährige erhält einen Dreijahres-Vertrag. Borussia Dortmund wird Thomas Tuchel in der Woche nach dem Saisonende offiziell vorstellen. Der BVB bittet um Verständnis dafür, dass sich alle Beteiligten bis zu diesem Zeitpunkt nicht zur Sache äußern werden."

Tuchel hat schon Klopps Erbe beim FSV Mainz 05 ziemlich gewinnbringend verwaltet. Er war wohl doch der einzige ernsthafte Kandidat. Klopp selbst soll ihn empfohlen haben. Und es heißt, der BVB habe bereits in der Winterpause Kontakt aufgenommen, als niemand wusste, wo die Reise des Champions-League-Finalisten von 2013 hingeht.

Ebenso wie Klopp ist Tuchel ein Vertreter jener Trainergeneration, die vor ihren Spielern anschaulich über die Geheimnisse von Pressing, Gegenpressing, Verschieben und hoher Verteidigung sprechen können. Und wie Klopp beherrscht er den Textvortrag vor den Medien, der ihm allerdings reichlich oft ein wenig professoral gerät. Bislang ist er ebenfalls nicht durch jene bezaubernde Volksnähe aufgefallen, die Klopp zum Glücksfall für Dortmund machte. Der noch amtierende BVB-Coach hat das Gefühl für die Stehplatzbesucher und im richtigen Moment das richtige Wort für die Anhänger auf den teuren Plätzen. Und er war sicher Dortmunds liebster Wunschschwiegersohn.

Die Tuchel-Chronologie

Die besondere Verbindung wird am Samstag noch einmal sichtbar. Auf dem Weg zum Trainingsgelände von Borussia Dortmund in Brackel hängt ein Spruchband. "Wir sind so traurig", steht da – zur Sicherheit mit vielen "O"-s. Im Stadion tragen Zuschauer Schals mit dem Namen Jürgen Klopp. Und kurz vor Schluss der Bundesliga-Begegnung mit dem SC Paderborn singen Zehntausende diesen Namen. Die Arbeit auf dem Platz ist durch ein 3:0 im ersten Spiel nach Klopps Abschiedsankündigung getan.

Es ist Zeit für die großen Gefühle. Nur der Hauptdarsteller des Nachspiels zur Bundesliga-Partie lässt die großen Gefühle nicht zu. Klopp leuchtet mit seinem strahlendsten Zahnpasta-Werbelächeln auch die dunkelste Ecke des ehemaligen Westfalenstadions aus, er winkt, und er freut sich. Aber er will sich den Emotionen nicht ausliefern. "Natürlich ist das schön, was ab der 88. Minute geschehen ist. Aber ich kann mich nicht jede Woche aufs Neue darauf einlassen", sagt er, "es wird noch einmal richtig emotional werden, aber bis dahin muss ich einen Schutzpanzer tragen. Es will doch niemand jede Woche einen 47-jährigen Mann wild flennend im Fernsehen sehen." Das mit dem Flennen wird noch kommen. Einstweilen gelte es, "alles aus dieser Saison herauszupressen". Den richtigen Weg schlagen die Dortmunder nach längeren Anlaufschwierigkeiten gegen Paderborn schon ein. Als der endlich mal überzeugend aufspielende Henrikh Mkhitaryan kurz nach der Pause per Kopf die Führung erzielt, kommt Dortmund in Fahrt. "Da war der Expresszug nicht mehr aufzuhalten", stellt der Paderborner Trainer André Breitenreiter fest.

Dortmund kombiniert "zwischen den Linien", wie Klopp sagt, bringt die beiden Abwehrketten der Ostwestfalen in Unordnung und gewinnt so die Freiheit fürs eigene Spiel. Der Ball läuft mit jener Selbstverständlichkeit, für die der BVB einst berühmt war, der Gegner kommt nicht zum Luftholen, in ein paar Minuten hätte die Borussia einen ganz hohen Sieg herausschießen können. Es reicht zum 3:0, weil auch Pierre-Emerick Aubameyang und Shinji Kagawa treffen. Und es ist ein Schritt hin zu den Europa-League-Plätzen, deren Erreichen Watzke zum neuen Saisonziel gemacht hat. Im kleinen Europapokal lässt sich der Einnahmeverlust im Vergleich zur Champions League noch ein wenig freundlicher gestalten. Schließlich garantieren gut 65.000 Zuschauer in der chronisch ausverkauften Arena tüchtige Einnahmen.

Klopp vermittelt zwar offiziell den Anschein, gegen Paderborn sei es zunächst mal darum gegangen, den Abstand auf die Abstiegszone komfortabel groß zu gestalten. Tatsächlich hat er das Vorderfeld längst im Auge. Und natürlich hat er den Traum vom DFB-Pokalfinale am 30. Mai in Berlin. Nächste Woche tritt sein Team im Halbfinale bei Bayern München an.

Weiter in die Zukunft schaut er nicht. "Es ist nichts geplant, alles ist offen", erklärt Klopp. Selbst eine spätere Rückkehr zum BVB schließt er nicht aus. Warum auch? Verbrannte Erde wird er nicht hinterlassen.

Quelle: RP
 
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