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Ex-Gladbacher überzeugt in London
Christensen wird bei Chelsea mit Lob überschüttet

Bilder: Das ist Andreas Christensen
Bilder: Das ist Andreas Christensen FOTO: dpa, mb
Mönchengladbach/London. Zurückkommen nach Mönchengladbach wird Andreas Christensen nur noch, falls es Borussia mal wieder in die Champions League schafft. Der Däne hat sich beim FC Chelsea einen Stammplatz erarbeitet – und klopft an der Tür zur Weltklasse an. Von Jannik Sorgatz

Wann hatte sich die Hoffnung endgültig zerschlagen? Allerspätestens am 4. Juli 2017 um neun Uhr war klar, dass Andreas Christensen nicht so bald zu Borussia Mönchengladbach zurückkehren würde – es war der Moment, als der Verein die Pressemitteilung verschickte, dass Verteidiger Matthias Ginter nur noch den Medizincheck hinter sich bringen müsse, um endgültig an den Niederrhein zu wechseln.

Mit der Ablösesumme von 17 Millionen Euro war die Christensen-Kasse geplündert, die Abschiedsszenen vom 21. Mai erhielten einen finalen Anstrich. An diesem Sonntagvormittag nach dem letzten Saisonspiel hatte Christensen seine Sachen in den Kofferraum seines Autos geladen. Um ihn herum standen so viele Fans, dass er die Klappe kaum öffnen konnte. "Mange tak" stand auf einem Plakat, Dänisch für "Vielen Dank".

Christensen selbst sagte ebenfalls "Vielen Dank" – seinen Kollegen bei Borussia, die er nach zwei Jahren und 82 Einsätzen verlassen musste. "Ich habe ihnen gesagt, dass es mir viel Spaß gemacht hat und eine Ehre war, mit ihnen zu spielen", erzählte Christensen, der sich aufmachte nach England, um beim FC Chelsea den Sprung zum Premier-League-Spieler zu packen. "Das ist mein Ziel", sagte der 21-Jährige. "Ich werde sehen, wie die Saisonvorbereitung läuft. Wenn es nicht so gut aussieht, ist Gladbach natürlich eine Option für mich."

Ein halbes Jahr später spricht der Däne von der "womöglich besten Vorbereitung, die ich je mitgemacht habe". Christensen ist Stammspieler geworden, hat David Luiz verdrängt und sorgt in der Mitte der Dreierkette dafür, dass Chelsea eine der stabilsten Abwehrreihen der Premier League hat. Am Dienstag verlängerte er seinen Vertrag um zwei weitere Jahre bis 2022. "Er kann ein neuer John Terry werden", sagt Eddie Newton, der sich bei Chelsea um die zahlreichen Leihspieler kümmert. Das ist, als würde einem jungen Gladbacher bescheinigt, er könne "ein neuer Berti Vogts werden".

Very happy to have signed a new 4️⃣ 1/2 years with @chelseafc 🖊💙

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Chelsea hat seinem "Academy Player" aus der eigenen Jugend  – 2012 war Christensen von seinem Heimatklub Bröndby IF nach London gewechselt – sogar eine kleine Doku gewidmet. In neun Minuten wird der Weg des Abwehrspielers nachgezeichnet, gut zwei davon handeln von seiner Zeit in Gladbach. Der Geroweiher im Sonnenlicht, die Treppen hoch auf den Abteiberg, das Fußballdenkmal in Eicken – gleich die idyllischen ersten Bilder suggerieren, dass Christensen eine verdammt gute Zeit am Niederrhein gehabt hat. "Mit 19 fällt dir auf, dass du nicht mehr viel Zeit hast, um den nächsten Schritt zu machen", erinnert er sich an seinen Wechsel auf Leihbasis. Gleich im ersten Pflichtspiel im DFB-Pokal beim FC St. Pauli spielte Christensen durch, genauso beim 0:4 gegen Borussia Dortmund, wonach er erst einmal wieder auf die Bank gesetzt wurde. Marvin Schulz blieb im Team.

Doch ein paar Wochen später war Christensen zurück in der Startelf, in Lucien Favres letztem Spiel als Borussia-Trainer beim 1. FC Köln. Dass er das entscheidende Kopfballduell gegen Anthony Modeste verlor, wurde ihm nachgesehen. Bis zu seinem Abgang spielte Christensen immer, wenn er gesund war, und immer durch. "Wenn ich in die zweite Liga in England gegangen wäre, glaube ich nicht, dass es so gut aufgegangen wäre wie in Deutschland", sagt er in der Chelsea-Doku mit dem Titel "The Andreas Christensen Story". Anstelle von Brentford und Birmingham hießen seine Gegner Bayern und Barcelona. "Ich war so froh, als ich aus dem Stadion ging", erinnert sich Leihspieler-Betreuer Newton an das 1:2 zu Hause gegen Barca in der Champions League. "Obwohl Gladbach verloren hatte, war er herausragend – weil er das Spiel so gut liest und mit einer Reife spielt, die weit über sein Alter hinausgeht."

Die Christensen-Doku bei Youtube:

Christensen verließ die Bundesliga als bester Zweikämpfer, in der Premier League ist er mit einer Quote von 93,9 Prozent nun der zweitsicherste Passspieler. Er hat 1659 Minuten auf dem Konto in dieser Saison, am Mittwochabend ist Arsenal im Halbfinale des Ligapokals zu Gast an der Stamford Bridge. Vor einer Woche trafen die beiden Rivalen aus London in der Liga aufeinander, 2:2 endete eine Partie von beeindruckender Intensität. Nur einer schien seine Körpertemperatur wie gewohnt bei 36,8 Grad Celsius zu halten – Andreas Christensen. "Wenn ich mit ihm spiele, habe ich das Gefühl, dass er alleine zurechtkommt und ich mich auf meine Aufgaben konzentrieren kann. Das ist ein riesiges Kompliment", sagt Chelsea-Kapitän Gary Gahill, der elf Jahre mehr auf dem Buckel hat. Wenn Christensen mal ins Tackling geht, dann mit chirurgischer Präzision. Kaum ein heldenhaft geblockter Ball verändert seine Mimik. Hinzu kommt, dass Christensen ein enormer Athlet ist – 1,88 Meter groß, dafür erstaunlich flink und mit einer herausragenden Ausdauer gesegnet.

Mit einem Marktwert von 30 Millionen Euro ist er der zweitteuerste Däne nach Christian Eriksen (Tottenham Hotspur). Wobei es spätestens nach seiner Vertragsverlängerung utopisch ist, dass Christensen für solch eine Summe zu haben wäre. Der Klub, der am häufigsten als potenzieller Interessent genannt wird, ist der FC Barcelona. Gut vorstellbar, dass das einmal wahr werden könnte, wenn Christensen es denn woanders hinziehen sollte.

Am 20. Februar messen sich Chelsea und Barca im Champions-League-Achtelfinale, ein nächster großer Härtetest. Im Sommer steht die Weltmeisterschaft an, in den vergangenen sieben Spielen kam Christensen jedoch nur zweimal für Dänemark zum Zug – zuletzt im Play-off-Rückspiel beim 5:1 in Irland allerdings über 90 Minuten. Aber bei der WM dürfte kein Weg an ihm vorbeiführen. Und was bleibt Borussia? Vor allem die stolze "Der war mal bei uns"-Erinnerung an Christensen.

 
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