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Andreas Christensen im Interview
"Ich habe keine Alternative zum Profifußball"

Bilder: Das ist Andreas Christensen
Bilder: Das ist Andreas Christensen FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Borussias junger Abwehrchef spricht über Provokationen auf dem Rasen, seine Entwicklung in Gladbach, eine ganz spezielle Motivation und die leidige Frage nach seiner Zukunft als Nervfaktor. Von Karsten Kellermann

Herr Christensen, fallen Ihnen Entscheidungen leicht?

Christensen Normalerweise bin ich jemand, der sich Zeit nimmt und sich seine Gedanken macht, bevor er eine Entscheidung trifft.

Auch, wenn es um Ihre Zukunft geht?

Christensen In dem Fall ist es vielleicht so, dass ich gar keine Wahl habe. Wenn Chelsea sagt, ich soll zurückkommen, kann ich nichts machen. Aber wenn ich selbst entscheiden kann, werde ich mir die Zeit nehmen und genau überlegen, was ich tue. Es ist ja keine leichte Entscheidung.

Sie kennen nun die Bundesliga und die Premier League. Wo sind die Unterschiede?

Christensen Für mein Spiel ist es kein großer Unterschied. Natürlich steht in England bei vielen Teams der Kampf mehr im Vordergrund, aber Chelsea spielt einen ähnlichen Stil wie Borussia, es wird immer nach fußballerischen Lösungen gesucht. Ein großer Unterschied ist in meinen Augen, dass der Torwart in England nicht so ins Spiel einbezogen wird - dort schlagen sie viele lange Bälle hinten raus.

In Gladbach sind sie ein Teil einer defensiven Dreierkette. Gefällt ihnen das?

Christensen Ja, das ist für mich einfacher zu spielen. Ich habe immer noch zwei Männer an meiner Seite, das hilft mir. So hat man immer einen Mann mehr hinten.

Als Sie im vergangenen Jahr nach Gladbach kamen, spielte Borussia noch mit einer Viererkette. Was war aber noch anders? Es gab sechs Niederlagen am Stück. Nun sind es vier Siege.

Christensen Das ist schwer zu sagen. Auch in der vergangenen Saison war die Stimmung gut, alle waren zufrieden, es lief. Und das Pokalspiel in St. Pauli war okay. Vielleicht hat die Niederlage in Dortmund vieles durcheinandergebracht. Es geht ja viel um Selbstvertrauen, und nach diesem Spiel waren wir alle ein bisschen down. Selbstvertrauen spielt eine große Rolle, das hat sich dann nach dem Augsburg-Spiel gezeigt. Wir waren plötzlich wieder mental sehr stark, es lief dann von selbst.

Mit Ihnen als Abwehrchef.

Christensen Ja, auch bei mir lief es dann. Es geht ja manchmal nur um eine Aktion, die das Selbstvertrauen bringt. Das kann ein Tackling sein, ein guter Zweikampf, ein Kopfball - alle kleinen Dinge können dazu beitragen. Wenn die erste Aktion gelingt, läuft es. Darum konzentriere ich mich schon im Spielertunnel auf diese erste Aktion, mit der ich dem Stürmer auch zeigen kann: Hey, das wird kein einfaches Spiel für dich.

Wie machen Sie es dem Stürmer der gegnerischen Mannschaft klar? Gehen Sie zu ihm und sagen: Heute geht für dich nichts?

Christensen (grinst) Nein, keine Worte, ich zeige ihm durch meine Aktionen, was ihn erwartet.

Aber es gibt ja schon so etwas wie Trash-Talk auf dem Platz. Ihr Vorbild bei Chelsea, Routinier John Terry, ist ein Experte darin, könnte man meinen.

Christensen Das kann man sagen. Aber es ist nicht mein Ding. Und ich muss einen Stürmer auch nicht mit einer rüden Attacke einschüchtern, das ist nicht mein Spiel. Ich will meine Qualität zeigen und ihn damit beeindrucken. Und wenn der Stürmer mich attackiert, mit Worten oder mit einem Foul, dann lache ich ihm ins Gesicht und denke mir: Das beeindruckt mich nicht.

Wird überhaupt mit dem Gegner geredet?

Christensen Ich spreche nur mit Spielern, die ich kenne, zum Beispiel aus dem Nationalteam. Da kann man schon mal einen kleinen Spaß auf dem Platz machen, wenn es das Spiel zulässt.

Bei Borussia Mönchengladbach sind Sie Abwehrchef. Auch das dänische Nationalteam braucht Sie. Und vielleicht auch Chelsea. Haben Sie vielleicht einen oder zwei Zwillingsbrüder?

Christensen Nein, dummerweise nicht. Darum muss ich darauf schauen, wo ich die besten Perspektiven habe. Aber dafür nehme ich mir Zeit. Und erstmal entscheiden, wie gesagt, die Klubs.

Dänemark ist im Umbruch. Zuletzt war ein dänisches Fernsehteam in Gladbach und ist der Frage nachgegangen: Ist Andreas Christensen ein Führungsspieler? Sind Sie einer?

Christensen Wenn Sie meinen als Person: Jetzt wohl noch nicht. Ich bin sehr ruhig, kein Lautsprecher. Aber auf dem Spielfeld kann ich auch mit Leistung führen. Das versuche ich. Ich denke nicht, dass man unbedingt laut sein muss als Führungsspieler. Es geht darum, dem Team zu helfen und seinen Job zu machen. Und dafür gebe ich mein Bestes.

Viele vergessen angesichts Ihrer abgeklärten Spielweise, dass Sie erst 20 sind. Wie viel Prozent können Sie noch drauflegen?

Christensen Eine Menge, hoffe ich. Ich denke, ich habe mich im Vergleich zur vergangenen Saison schon sehr gesteigert. Ich konzentriere mich ganz darauf, immer den nächsten Schritt zu machen.

In Gladbach haben Sie es so weit gebracht, dass der Verein vielleicht bereit ist, eine Rekordablöse von 20 Millionen Euro oder mehr zu zahlen. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Entwicklung?

Christensen Mal abgesehen von den ersten Spielen schon. Ich habe mich stetig entwickelt - als Spieler und als Mensch.

Was haben Sie als Mensch dazu gelernt?

Christensen Ich habe, würde ich sagen, etwas mehr Präsenz in der Kabine als zu Anfang. Aber es hängt ja zusammen: Wer auf dem Platz Fortschritte macht, macht sie auch im sonstigen Leben.

Wie gesagt: Sie sind 20 - und gefühlt schauen unendliche viele Augen auf Sie. Aus London, aus Dänemark, auch Gladbach. Ist es nicht manchmal hart, immer so extrem professionell zu sein.

Christensen Vielleicht. Aber ich bin ein ruhiger Typ und am liebsten mit meiner Familie zusammen. Da lenkt mich nicht viel ab. Wenn ich frei habe, fahre ich immer zurück nach Dänemark. Kopenhagen ist meine Heimat. Auf dem Platz kann ich gut damit umgehen, wenn die Leute auf mich schauen - ich habe mich dazu entschieden, diesen Job zu machen. Es ist für mich mehr als ein Job, aber ich weiß, dass man professionell sein muss, wenn man ihn gut machen will. Es fällt mir leicht. Nach der neunten Klasse habe ich mich entschieden, Fußball zu spielen und bin nach London gegangen. Ich habe keine Alternative, keine andere Ausbildung. Das motiviert auch.

Gibt Ihnen John Terry noch immer Tipps?

Christensen Wir sprechen nicht mehr so oft wie am Anfang. Aber ich weiß, dass ich ihn jeder Zeit anrufen kann, wenn ich eine Frage habe. Das ist gut zu wissen.

Sie kennen auch beide Hazards, Eden von Chelsea und Thorgan, den Borussen. Wer von den beiden ist der bessere?

Christensen Ich will nicht sagen, dass einer besser ist. Beide sind tolle Spieler. Eden ist etwas effektiver, aber Thorgan arbeitet vielleicht etwas mehr nach hinten. Aber als Menschen sind sie sich sehr ähnlich: in der Art wie sie sprechen, worüber sie sprechen. Man merkt, dass sie Brüder sind.

Sie kehren mit Borussia in der Champions League auf die Insel zurück, es geht nächste Woche wieder nach Manchester. Außerdem wartet der FC Barcelona. Das müsste für Sie genau die richtige Herausforderung sein.

Christensen Es wird hart, aber ich freue mich darauf. Es wird eine große Erfahrung, diese Spiele zu machen.

Was war ihr bisher größtes Spiel mit Borussia?

Christensen Das Auswärtsspiel in Turin und das Heimspiel gegen die Bayern. Da stimmte alles: Die Stimmung war super, die Fans waren ekstatisch, die Spiele großartig.

Wird das Spiel gegen Barcelona alles toppen?

Christensen Das kann sein. Auswärts und zu Hause wird es klasse. Aber ich gebe zu: Ich freue mich mehr auf das Heimspiel, als auf das Rückspiel in Nou Camp. Unsere Fans werden uns nach vorn peitschen und noch lauter sein als sonst. Das wird fantastisch.

Auch, gegen Lionel Messi zu spielen - wenn er wieder fit ist?

Christensen Als junger Spieler willst du unbedingt gegen solche Spieler antreten. Es gibt ja nicht nur Messi, sondern auch Neymar und alle anderen.

Ist Borussia gut genug, um zu bestehen?

Christensen Wenn Sie mich vor dem City-Spiel in der Vorsaison gefragt hätten, was wir schaffen können, weiß ich nicht, was ich gesagt hätte. Wir haben dann zu Hause ein gutes Spiel gemacht - und in Manchester eine Stunde den besten Fußball gespielt, seit ich in Gladbach bin. Es wird darauf ankommen, wie wir an dem Tag drauf sind. Ganz sicher werden alle ihr Bestes geben.

Erstmal geht es aber zum SC Freiburg. Da gab es seit neun Jahren, keinen Sieg für Gladbach. Schauen Sie auf solche Statistiken?

Christensen Nein. Ich schaue nicht zurück, sondern auf das hier und jetzt. Wir schauen uns Videos vom Gegner an und wollen dort etwas holen. Es wird nicht leicht sein, aber wir wissen, was wir können. Das wollen wir abrufen.

Worauf würden Sie in den nächsten Monaten am liebsten verzichten?

Christensen Auf die Frage nach meiner Zukunft. Gladbach oder Chelsea - ich weiß es noch nicht, und ich kann es nicht sagen. Immer, wenn ich gefragt werde, kann ich nur dasselbe sagen: Vielleicht ist es nicht meine Entscheidung. Ich will auch gar nicht darüber sprechen, wo ich glücklicher wäre. Ich mag beide Klubs sehr und will sie nicht vergleichen.

Quelle: RP
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