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Borussia Mönchengladbach
Attraktiv, nicht so weit, schlagbar

Vorbereitung auf die Generalprobe
Vorbereitung auf die Generalprobe FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Den ganzen Sommer hindurch haben Borussias Fans mögliche Play-off-Gegner sondiert. Am Donnerstagabend wird die Liste mit 31 Mannschaften komplett sein. Hinter den 31 potenziellen Reisezielen steckt so manches Abenteuer. Freitagmittag herrscht Gewissheit. Von Jannik Sorgatz

Die Gäste haben ihre Privatautos direkt am Stadionzaun abgestellt. Wofür sollte UMF Stjarnan Gardabaer in einen Bus investieren? Schließlich ist beinahe jedes Team der ersten Liga Islands im Großraum Reykjavik beheimatet, das lässt sich günstiger lösen. 50 Gästefans sind mitgereist, bei ihnen hat es sogar für einen Bus gereicht. Doch bevor Stjarnan an diesem Sonntagabend Mitte Juni in Keflavik antritt, zieht die Meute erst einmal Richtung Innenstadt. Im Irish Pub ist Happy Hour, das große Bier kostet ausnahmsweise bezahlbare fünf Euro. Und bei der WM in Brasilien spielt Frankreich zur gleichen Zeit gegen Honduras.

Ende August könnte diese weit entfernte Fußballwelt ihre Wege mit dem Niederrhein kreuzen. Wenn Stjarnan am Abend das 1:0 aus dem ersten Duell mit Lech Posen aus Polen im Rückspiel behauptet, sind die Isländer der nominell schwächste der 31 möglichen Play-off-Gegner von Borussia Mönchengladbach.

Die letzte Etappe vor der Gruppenphase der Europa League ist einer der wenigen Restplätze für Fußball-Romantik auf der internationalen Bühne. Wer am Freitagin Nyon im Lostopf liegt, ist mitunter schon am 3. Juli in die Qualifikation eingestiegen. Damals bereitete sich die deutsche Nationalmannschaft auf ihr WM-Viertelfinale gegen Frankreich vor.

So lange ist Tschichura Satschchere schon dabei. Knapp 5000 Kilometer trennen den georgischen Pokal-Finalisten vom Dritten der isländischen Meisterschaft, Stjarnan Gardabaer. Unbezwingbar ist in dieser Runde, die am 21. und 28. August ausgetragen wird, allerhöchstens die Aussprache. Wie wäre es mit Schachzjor Salihorsk (Weißrussland) oder Petrolul Ploiesti (Rumänien)?

Fotos: Kramer steigt wieder ins Training ein FOTO: Dirk Päffgen

Seitdem aus dem Uefa-Cup vor fünf Jahren die Europa League wurde, haben zwölf deutsche Mannschaften in den Play-offs gestanden. Lediglich der VfB Stuttgart ist in der vergangenen Saison gescheitert. Gegner waren die Kroaten von HNK Rijeka, aus Fansicht bedeutete das immerhin "eine Woche Sandstand" und ein malerisches Stadion inmitten einer Felslandschaft.

In 24 Spielen haben die Bundesliga-Teams 63:26 Tore erzielt und sind überhaupt nur dreimal als Verlierer vom Platz gegangen. Als gesetztes Team müsste Borussia schon viel Unglück erwischen, um auf einen der ernstzunehmenden Gegner zu treffen, der sich lange rar gemacht hat in Europa und deshalb kaum Zähler für seinen Uefa-Koeffizienten sammeln konnte. Bei aller erforderlichen sportlichen Demut dürfen zumindest die Fans von konkreten Gegnern träumen.

Der Blick auf vergangene Jahre zeigt, dass sich die Reisewilligen innerlich auf einen Trip nach Osteuropa vorbereiten sollten. Zwei Drittel aller deutschen Play-off-Gegner kamen dort her, ansonsten hatte die Auslosung noch zweimal Skandinavien, einmal Frankreich und einmal Spanien zu bieten. "Wenn möglich nix im Osten, wegen Urlaubstagen und so", schreibt @borussia_ch bei Twitter. In der Hinsicht hat @DetaBMG vorgesorgt, denkt aber an die Reisekasse: "Ziel in der Nähe (Belgien) wäre mir aus finanzieller Sicht am liebsten." 3500 Kilometer mussten die Vorgänger des VfL in den Play-offs durchschnittlich zurücklegen.

Vor zwei Jahren war die Lage übersichtlicher. Jeder Fan konnte sich Pläne für fünf verschiedene Gegner zurechtlegen, es wurde Kiew. Am späten Donnerstagabend wird diesmal ein Pool von 31 Mannschaften feststehen. "Die Klubs werden für die Auslosung in sechs Gruppen aufgeteilt (fünf mit zehn und eine mit zwölf Mannschaften)", schreibt die Uefa dazu auf ihrer Webseite. Was sie unter "aufgeteilt" versteht, wird im gleichen Absatz nicht erklärt. Transparenz schreibt der Verband mit einem nicht ganz so großen T.

Fotos: Kramer trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein FOTO: Dieter Wiechmann

Doch wie sieht der perfekte Play-off-Gegner überhaupt aus? Nicht allzu weit soll es sein, lediglich 13 bis 20 Tage bleiben für die Reiseplanung, Linienflüge drücken aufs Portemonnaie. Aber ein bisschen Europacup-Exotik ist wünschenswert. Am besten in einem Land, wo die Lebenshaltungskosten (was auch heißt: die Bierpreise) angenehm sind. Und dann sollte vor Ort noch die Sicherheitslage stimmen. Maccabi Tel Aviv trug sein Heimspiel gegen NK Maribor am Mittwoch jedoch auf Zypern aus. Die Insel gibt das letzte Stichwort für die Wunschliste: Ein neues Land darf es nach den Besuchen in der Ukraine, Frankreich, der Türkei, Italien und eben Zypern gerne sein. Vielleicht Borussias erstes Pflichtspiel auf der Insel seit 1996 (3:2 gegen den FC Arsenal).

Gefühlt seit dem 34. Spieltag der abgelaufenen Saison beschäftigen sich manche Fans mit möglichen Gegnern. Seitenwahl.de aktualisiert die Liste laufend. Alles ist eine Frage des Koeffizienten. Und hinter jedem Namen steckt eine potenzielle Geschichte, so manches Abenteuer. Da vergisst man gerne, dass nur eines davon Wirklichkeit wird. Giorgio Marchetti und Gianni Infantino, die Herren der Loskugeln bei der Uefa, haben es am Freitag im wahrsten Sinne in der Hand.

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