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Borussia Mönchengladbach
Auftrag der Nordkurve, ganz klar: Support!

Borussia Mönchengladbach: Auftrag der Nordkurve, ganz klar: Support!
Mönchengladbach. Borussias Fanbeauftragter Thomas "Tower" Weinmann nimmt vor dem Stuttgart-Spiel alle Fangruppen des Bundesligisten in die Pflicht: "Es geht um das Wesentliche."

Herr Weinmann, wie hat Ihnen der Support der Gladbach-Fans in Augsburg gefallen?

Weinmann Der war super. Alle Fangruppen haben zusammengehalten. Die neuen Vorsänger haben einen guten Job gemacht. Sie haben auch Oldschool-Elemente eingebaut. Das hat mir sehr gut gefallen.

Vor dem Derby gegen Köln, dem letzten Heimspiel, standen die Fans fast mehr im Fokus als das sportliche Geschehen ...

Weinmann ... was sicherlich auch daran liegt, dass die Wahrnehmung der Fans eine andere geworden ist. Durch die sozialen Medien vervielfältigen sich Themen viel mehr, auch die Debatten um die Fans. Man muss gestehen: Fußball ist heute eine große Show.

Die Borussia-Choreos des Jahres 2015 FOTO: Dirk Päffgen

Sind die Fans ein Teil der Inszenierung dieser Show?

Weinmann Das waren sie ja immer schon. Die Fans müssen nur aufpassen, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Das ist uns hier in Gladbach bisher gut gelungen. Andere Klubs, zumal die, deren Fanszene sich erst aufbauen muss, helfen schon mal bei Choreographien finanziell. Da wird sogar der Support gesteuert. So etwas gibt es hier nicht, unsere Fanszene ist kreativ und vielfältig und hat sich eine Eigenständigkeit bewahrt.

Aber geht nicht ein Riss durch Borussias Fanszene, gerade durch die aktive? In den sozialen Netzwerken gab es nach dem Derby harsche Worte "normaler" Fans in Richtung der Ultra-Szene. Die wiederum fühlte sich schwerer attackiert als jemals eine Fan-Gruppierung zuvor. Das klingt nicht nach "großer Familie".

Weinmann Ich glaube nicht, dass es einen Riss gibt. Es war schon vor dem Derby so, dass die Fans in der Nordkurve ihr Fan-Sein auf verschiedene Art ausleben. Wichtig ist aber eines, und das möchte ich an dieser Stelle klar hervorheben: Alle Fans, die in der Nordkurve stehen, die jungen, die alten, die Kutten, die Ultras und und und, sie alle haben nicht das Recht, die anderen Fangruppen zu dominieren.

Borussia Mönchengladbach: Die schönsten Choreografien FOTO: Dirk Päffgen

Die Ultras sind aber, ihrem Selbstverständnis nach und auch hörbar, für die Stimmung zuständig. Auch da gibt es verschiedene Meinungen.

Weinmann Die Ultras polarisieren natürlich. Natürlich finden es alle nicht in Ordnung, wenn sie Mist bauen. Bei den Ultras sind viele junge Fans dabei, die auch mal was ausprobieren wollen. Das gab es früher auch. Da konnte schon mal die ganze Nordkurve den Block des Gegners stürmen, weil ein Regenschirm auf unseren Torwart geworfen wurde. Natürlich sind solche Sachen nie in Ordnung, aber gehören trotzdem dazu. Wenn die Ultras aber eine tolle Choreo machen, sagen alle: Das waren WIR Fans und hängen sich die Fotos ins Zimmer. Jetzt haben die Ultras eine Entscheidung getroffen, im Derby auf Support zu verzichten. Das muss nicht verstehen, aber akzeptieren. Und auch, dass die anderen Fans, in der Nordkurve stehen oder sitzen, das Team unterstützen. Das haben sie im Derby getan.

Danach brach eine Debatte los, welcher Support besser ist. Der spielbezogene Oldschool-Ansatz oder der der Ultras mit vielen Fahnen und Dauergesang? Es scheint, da hat ein Konflikt geschwelt.

Weinmann Das Schlimme ist, dass viele über die sozialen Medien lästern und fluchen können - ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist nicht mal ein Problem unserer Fanszene, sondern eines der Gesellschaft. Aber beide Seiten müssen aufpassen, dass sie nicht zu verbohrt werden. Alle müssen sich fragen - und ich unterstreiche das hier doppelt und dreifach: Das ist eine Botschaft!: Wofür sind wir eigentlich im Stadion? Es gibt zwei Möglichkeiten: Ein Fan kommt wegen des Sports, einfach um guten Fußball zu sehen. Oder er kommt auch, um zu supporten. Wenn es so ist, dann hat er gefälligst die Pflicht, das Team zu unterstützen. Es gibt sicherlich Gründe, das nicht zu tun. Zum Beispiel, wenn es mit der Mannschaft zu tun hat - was es bei uns ja schon gab. Oder mit der Vereinsführung ist was faul. Dann haben die Fans vielleicht das Recht zu sagen: Jetzt machen wir mal ein paar Minuten Liebesentzug und zeigen denen, dass wir auch noch da sind. Beim Derby traf keiner der Gründe zu, weswegen drei Viertel der Fans im Stadion gesagt haben: Nein, kein Boykott, wir müssen supporten, dafür sind wir da.

Beim Boykott im Hinspiel gab es sogar eine Zusammenarbeit der meisten aktiven Fan-Gruppen der Nordkurve. Nun nicht mehr.

Weinmann Die Situation war eine andere. Damals wurden Borussias Fans für etwas bestraft, was Kölner getan haben - da konnte man über einen Boykott reden, und drei Viertel der aktiven Fanszene standen dahinter. Da war es auch eine Mehrheitsentscheidung, bei der alle Gruppen irgendwie zusammengearbeitet haben. Nun war es nur noch eine Gruppe, die weiter der Meinung war, boykottieren zu müssen. Die Mehrheit der Fans hat aber gesagt: Nein. Darum ist der Schuss nach hinten losgegangen.

War es für die "normalen" Fans auf gewisse Weise auch eine Befreiungsaktion, weil sie sich offenbar durch die Ultras oft gegängelt fühlen?

Weinmann Vielleicht haben sie sich aber auch viel zu sehr gängeln lassen. Natürlich gibt es bei den Ultras Leute, die intolerant sind und den anderen sagen: Ihr seid keine richtigen Fans. Aber mit den meisten, vor allem den Wortführern, kann man jederzeit reden. Das sollte man dann auch tun und nicht in den sozialen Netzwerken diskutieren. Es wird bald im Fanhaus einen Fandialog geben, die der frühere Vorsänger Sven Körber und aktuelles Vorstandsmitglied des FPMG initiiert hat, bei der die aktiven Fans alle Themen ansprechen können. Das sollte jede Fangruppe nutzen, um sich zu artikulieren und zu positionieren. Es wird gezielt eingeladen, damit alle Fangruppen vertreten sind, denn bei offenen Veranstaltungen waren sonst vor allem Ultras da. Die sind am Austausch interessiert, doch in der Masse unterdrücken Sie dann natürlich vielleicht andere Meinungen.

War das Derby ein Ventil, um die Probleme auf den Tisch zu bringen?

Weinmann Das würde ich so sehen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es keinen Riss gibt, sondern nur verschiedene Ansätze. Alle müssen nun aufeinander zugehen ...

... diesen Ansatz hat auch das FPMG im Nachklang des Derbys auf seiner Internetseite proklamiert. Die Ultras haben in ihrer Nachbetrachtung der Geschehnisse beim Derby ebenfalls dafür plädiert, die Fanszene als Einheit zu sehen ...

Weinmann Richtig. Und wenn alle das Wesentliche sehen, nämlich das Team zu unterstützen, dann erledigen sich manche Probleme von selbst. Das Derby war aber von daher vielleicht ein gutes Ventil, weil es einigen Leuten die Augen geöffnet hat, dass es nur zusammen geht. Sicherlich sind einige in der Nordkurve zu müde, um gegen die Dauergesänge anzukämpfen und eigene Akzente zu setzen. Aber sie lehnen sich auch gern zurück und lassen die anderen machen.

Welchen Support bevorzugen Sie?

Weinmann Ich mag eher den alten Supports, bei dem auch Schweigen möglich ist. Denn auch damit kann man Zeichen setzen in Richtung die Mannschaft. Gegen Köln war es so, der Support war unorganisiert, kam mal von rechts oder links, mal von oben oder unten - so war das früher auch am Bökelberg. Die Freiheit hat den Älteren offenbar viel Spaß gemacht. Aber wir haben nun mal 2016 und eine andere Fankultur als in den 80ern. Die Ultras sind da - und sie tun alles für Borussia. Darum müssen alle einen gemeinsamen Weg finden. So schwer sollte das auch gar nicht sein. So haben die Ultras in den vergangenen Jahren auch, ich sage mal, klassisches Liedgut übernommen. Es geht also.

Wie wichtig wird das Stuttgart-Spiel, das Heimspiel eins nach dem Derby, für die Gladbacher Fankultur?

Weinmann In Augsburg war die Tendenz wie gesagt positiv. Stuttgart wird trotzdem wichtig sein, eben, weil es ein Heimspiel ist. Sicherlich sollten es die Ultras es auch da einfach mal mehr laufen lassen. Das wäre dann ein Angebot an die anderen Fans. Das wäre ein Aufeinander-Eingehen. Wie gesagt: Jeder soll sich besinnen, warum er ins Stadion geht. Und wer in der Nordkurve steht, der geht nicht nur zum Fußballschauen dahin, sondern, auch, um sein Fan-Sein auszuleben. Da ist ein gewisser Egoismus dabei, denn jeder will sich darstellen. Das ist anders, als in den anderen Bereichen des Stadions. Im Sitzplatzbereich habe ich das Recht, nicht zu supporten. In der Nordkurve, zumal in Block 16, ist der Auftrag ganz klar: Support ohne Wenn und Aber.

Das viel, zuweilen zu viel strapazierte Wort "Fankultur" ist also gar nicht gültig. Es gibt verschiedene Fankulturen.

Weinmann Genau so ist es. Das zeigt sich auch bei der DFL: Dort gibt es eine Arbeitsgruppe FankulturEN. Es gibt natürlich die eine Gladbacher Fankultur, DIE Fankultur. Die zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich aus verschiedenen Fankulturen zusammensetzt. Es gibt keinen einheitlichen Begriff Fankultur. Wir haben eine heterogene Szene mit Kutten, Ultras, Normalos, Fanklubs, Familien, Allesfahrer, auch Eventfans - und jede Gruppe für sich ist eine eigene Fankultur. Und die müssen im Stadion miteinander klar kommen. Das ist der Anspruch, den Borussia hat. Der Verein will nicht, dass die eigenen Fangruppen aufeinander losgehen, ganz egal wo. Es gibt den Borussen-Kodex, da steht alles drin und der gilt für alle Fankulturen. Es sollte sich keiner so wichtig nehmen, auszuscheren.

Aber es müssen auch alle mitmachen. Oft kritisiert die Nordkurve, dass Süd, West und Ost zu leise sind.

Weinmann Man muss dazu wissen, dass man in der Nordkurve manchmal gar nicht mitbekommt, wie laut es in den anderen Bereichen des Stadions ist. Wenn man unten im Innenraum steht, kriegt man mit, wie gut die Stimmung insgesamt wirklich ist. Da ist der Anspruch manchmal vielleicht auch zu hoch, den unsere Fans haben. Die Stimmung ist bei uns im Stadion meistens sehr gut. Aber sie kann natürlich noch ein bisschen besser sein.

Gibt es einen perfekten Support?

Weinmann Der perfekte Support ist, wenn alle spüren, was sie zu tun haben. Für mich persönlich gab es ein Spiel, ein 2:0 gegen Stuttgart, das muss im ersten Jahr des Borussia-Parks gewesen sein, Neuville und Sverkos haben die Tore gemacht. Da brannte das Stadion total. Das war für mich die Geburt des Borussia-Parks. Es wird immer an Kiew oder das Derby der letzten Saison erinnert, an die Relegation. Aber dieses Spiel gegen Stuttgart, bei dem haben alle gleichzeitig gespürt, was zu tun war. Da hat die Luft im Stadion gezittert. Beim perfekten Support kommt alles zusammen: Wenn die Spannung im Spiel die richtige ist, springt der Funke über. Dann supporten alle zusammen.

Das Spiel gegen den VfB im April 2005 war der einzige Sieg gegen den VfB im Borussia-Park. Vielleicht ist es ja ein gutes Omen, dass jetzt wieder Stuttgart kommt.

Weinmann Ein Heimsieg und ein Support, bei dem alle Fans im Stadion mitmachen und Spaß haben - das klingt jedenfalls gut.

Quelle: RP
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