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Borussia Mönchengladbach
Bedingt umkehrbereit

Borussia Mönchengladbach: Bedingt umkehrbereit
FOTO: dpa, gki fpt nic
Mönchengladbach. Borussias Trainer André Schubert hält an seiner Spielidee fest – trotz inzwischen anhaltend großer Defensivanfälligkeit des Konstrukts. Sichtbare Korrekturen am Spektakelfußball bleiben weiter aus. Das wirft Fragen auf. Von Stefan Klüttermann

Wer Spektakel mag, der sollte sich in dieser Saison unbedingt Spiele mit Beteiligung Borussias angucken. 80 Tore fielen bislang in den betreffenden 21 Bundesligapartien – das ist Bestwert. Nur die Bayern und Dortmund schießen mehr Tore als Borussia, nur Bremen und Stuttgart kassieren mehr – für den neutralen Zuschauer sind das ganz wunderbare Rahmenbedingungen.

Allein, in Gladbach selbst drängen die Kehrseiten des Hurra-Fußballs in diesen Wochen immer stärker in den Vordergrund, ja, sie übertünchen inzwischen die Errungenschaften von Schuberts Systemumstellung aus dem Herbst. Trotzdem bleibt Schubert weiter Antworten auf die längst frappierende Defensivschwäche seiner Mannschaft in Form sichtbarer Korrekturen schuldig. Stattdessen hält er an seiner Spielidee mit dem hohen Pressing fest. Aber warum eigentlich?

Probleme bei Standards

Muss ein Trainer um seine Geltung fürchten, wenn er von seiner favorisierten Spielidee abweicht, weil die Realität genau das nahelegt? Oder muss ein Trainer um sein Standing fürchten, weil er an seiner Spielidee unbeirrbar festhält, obwohl die Realität nach Korrekturen schreit? 38 Gegentore kassierte Borussia in dieser Saison, mehr (53) waren es zu diesem Zeitpunkt zuletzt 2011, da war Gladbach Letzter. Niemand lässt aktuell mehr Gegentore nach Standards zu, niemand mehr Gegentore per Kopf, sechs der zurückliegenden acht Pflichtspiele gingen verloren. Das kollektive, hohe Attackieren des Gegners ist immer öfter keine geschlossene Aktion aller Mannschaftsteile mehr. Ballgewinnen stehen als Ergebnis immer öfter riesige Lücken in der eigenen Hälfte gegenüber, in die der Gegner dankbar hineinstößt, weil Borussia in diesen Momenten ungestaffelt, unsortiert und mehrheitlich vor dem Ball dasteht. Ein Team, das unter Vorgänger Lucien Favre eine nahezu perfekt zusammenarbeitende Defensive besaß, erklärt die eigene Spielhälfte heute erschreckend oft zum Brandherd. Ja, Favre ist oft als ängstlich bekrittelt worden, weil er im Zweifelsfall ein 0:0 in Kauf nahm, Aber Schubert wird nun dafür kritisiert, mit seiner Idee im Zweifelsfall ein 2:3 in Kauf zu nehmen.

Ein "So weiter wie bisher" oder ein "Alles nicht so dramatisch" fällt vielen im Gladbacher Umfeld immer schwerer zu akzeptieren. Doch Schubert vertraut eben weiter seiner nach vorne verteidigenden Spielidee. Er tat dies auch Ende der Hinrunde, als er im Nachhinein selbst zugeben musste, da hätten den Spieler ob der Vielzahl der Partien entscheidende Körner für den beabsichtigten Fußball gefehlt. Er tut es auch jetzt, da nur die Bundesliga geblieben ist. Die spielfreie Zeit unter der Woche sollte dazu genutzt werden, um an den Problemen zu arbeiten.

Allein, bislang bleibt sichtbare Besserung aus. Niemand erwartet von Schubert, dass er sagt "Okay, dann spielen wir eben wieder so wie unter Favre", aber das Erbe einer über viereinhalb Jahre erarbeiteten Defensivqualität eines noch im Juni 2015 als "taktisch reifstes Team" (Tobias Escher, spielverlagerung.de) bezeichneten Kaders nicht ins Spiel zu integrieren, wirkt mindestens unnötig.

Schubert wurde zurecht gelobt, als er den Favre-Fußball ab September mutig weiterentwickelte. Nun ist er gefragt, seinen eigenen -Fußball weiterzuentwickeln. Daran wird er sich im Ergebnisgeschäft Fußball messen lassen müssen. Wie ein trotz ausbleibender Resultate verbissenes Festhalten an einer Spielidee enden kann, musste Alexander Zorniger in Stuttgart erfahren.

Quelle: RP
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