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Borussia Mönchengladbach
Vogts: "Es ist ein Muss, die Europa League zu erreichen"

Porträt: Das ist Berti Vogts
Porträt: Das ist Berti Vogts FOTO: AP
Mönchengladbach. Der Ur-Borusse Berti Vogts spricht vor dem Rückrundenstart über offensiven Fußball, Gladbachs Trainer André Schubert, den Vergleich mit Dortmund und seine Erwartungen für die Rückrunde.

Herr Vogts, was hat Sie in der Hinrunde mehr überrascht: Lucien Favres plötzlicher Abgang oder die Tatsache, dass Borussia trotz des Fehlstarts mit fünf Niederlagen am Ende noch als Vierter in die Winterpause gegangen ist?

Vogts Ich war überrascht, dass Lucien Favre so leichtfertig aufgegeben hat. Warum und weshalb, das kann ich nicht sagen. Es war für mich aber enttäuschend, dass er nach den Niederlagen nicht den Kampf aufgenommen hat. Da hätte er besser vor der Saison sagen können: Ich habe mit dieser Mannschaft das Limit erreicht, mehr geht nicht. Danach hat die Mannschaft aber gezeigt, was in ihr steckt und wie stark sie spielen kann, wenn man sie spielen lässt. Die Mannschaft wollte einfach nur beweisen, wie gut sie ist. So kamen die tollen Ergebnisse zustande. Überrascht hat mich das Aus im Europapokal. Ich hatte schon erwartet, dass wir als Dritter durch diese Gruppe gehen. Auch, dass Borussia im DFB-Pokal an Bremen gescheitert ist, musste nicht sein. Jetzt müssen wir abwarten, wie die Mannschaft sich neu findet, wie sie vorbereitet wird. Ich hoffe, dass sich Borussia am Ende für einen der europäischen Wettbewerbe qualifizieren kann.

Trainer André Schubert lässt einen sehr offensiven Fußball spielen. Das passt historisch zu Borussia. Wie bewerten Sie seine Arbeit?

Vogts Zunächst mal müssen wir über den Begriff offensiven Fußball sprechen. Da gibt es immer wieder Missverständnisse in meinen Augen. Ist man offensiv, wenn man viele Tore erzielt? Oder ist es offensiv, wenn man mit einer Dreierkette spielt? Wenn der Gegner den Ball hat, ist es, da sich die defensiven Außen zurückziehen, eine Fünferkette, dazu kommen die beiden defensiven Mittelfeldspieler. Damit sind es dann sieben Spieler, die hinter dem Ball sind. Deswegen sage ich: Die Dreierkette ist nicht offensiv. Genau genommen ist es eine Fünferkette.

Die Schubert-Tabelle FOTO: afp, oa-iw

Viele Tore haben die Borussen aber erzielt. Viele sagen: Borussia macht Spaß. Ihnen auch?

Vogts Wenn man sieht, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt, macht das natürlich Spaß. Schubert versteht es, die Spieler auf die für sie besten Positionen zu stellen. Nehmen wir Lars Stindl: Er ist einfach kein Sechser, sondern gehört nach vorn. Er hat schon in Hannover seine besten Spiele ganz vorn gemacht. Oder Fabian Johnson: Vor zwei Jahren war er einer der besten Außenverteidiger der WM in Brasilien. Jetzt spielt er vorne links, schießt viele Tore und bereitet Tore vor. Er bildet auch ein gutes Paar auf links mit Oscar Wendt, sie ergänzen sich hervorragend. Das war schon in der Rückrunde der vergangenen Saison zu sehen. Aber jetzt sind beide noch viel effektiver.

Granit Xhaka wird von seinen Kritikern als unheilbar unbeherrscht eingestuft, seine Fans erfreuen sich an seiner Art. Er wird in den ersten drei Spielen fehlen. Wie sehr schmerzt das?

Vogts Ich muss gestehen: Die Frage kann ich nicht objektiv beantworten. Denn ich bin ein großer Xhaka-Fan. Ich mag ihn und die Art und Weise, wie er spielt mit seiner positiv-aggressiven Art. Sicher, manchmal müsste er sich ein wenig mehr zurücknehmen. Aber das ist seine Art, das gehört zu seinem Spiel. Das ist seine Art, das Team zu führen. Und vermutlich wäre er nicht mehr der Granit Xhaka, der er ist, wenn er sich zurücknehmen würde. Xhaka hat in Mo Dahoud zudem einen Mitstreiter an seiner Seite, der mir viel Freude macht. Er hatte unter Favre kaum Gelegenheit, sich zu zeigen. Natürlich wird Xhaka den Borussen fehlen. Er ist ein wichtiger Mann für diese Mannschaft geworden, und es war eine gute und kluge Entscheidung von André Schubert, Xhaka zum Kapitän zu machen. Das hat Xhaka noch mal stärker gemacht.

Rekord-Transfers von Borussia Mönchengladbach FOTO: afp, PST

Sie haben Mo Dahoud schon angesprochen. Er ist ein Eigengewächs. Die Fohlen-Philosophie greift also?

Vogts Sie ist eines von vielen Dingen, die bei Borussia gut funktionieren. Bei vielem von dem, was man dem Klub vor einigen Jahren kritisch vorgeworfen hat, ist das genaue Gegenteil eingetreten. Gehen wir mal weg vom Trainer, ob Favre oder Schubert – der Klub hat ein gutes System entwickelt mit der Strategie, mit der Akademie, mit den handelnden Personen. Es ist ein harmonisches Miteinander, es gibt nicht nur elf, sondern 24, 25 gute Spieler. Das ist alles sehr positiv. Darum ist es auch sehr schade, dass sich Borussia nicht weiter international zeigen kann. Ein Klub wie Borussia muss internationale Signale senden. Das ist wichtig für die Spieler, für den Klub, sportlich und wirtschaftlich. Gerade in dieser Zeit. Borussia muss sich positionieren bei den Klubs oben in der Tabelle.

Hilft dabei die große Geschichte des Klubs noch immer?

Vogts Natürlich. Deswegen ist der Name Borussia den Fußball-Fans weltweit noch ein Begriff. Denn damals wurden Titel geholt. Und Titel sind das, worauf international geschaut wird. Deswegen ärgert mich auch das Pokal-Aus so sehr. Denn der Pokal ist und bleibt der kürzeste Weg zu einem Titel. Und das Heimspiel gegen Bremen war durchaus machbar.

Tops und Flops der Hinrunde in Zahlen FOTO: dpa, ade nic

Borussia hat 1:0 geführt und trotzdem verloren. Das ist kaum zu erklären.

Vogts Die Bremer waren ganz einfach optimal vorbereitet. Sie haben die Spieler unter Druck gesetzt, die man unter Druck setzen muss, wenn man Gladbach wehtun will. Das kann natürlich ein Vorbild für andere Vereine sein – in Ansätzen war das schon gegen Darmstadt zu beobachten, dass die Gegner Borussias Spiel analysiert und teilweise entschlüsselt haben. Gladbach muss also aufpassen und reagieren.

Der erste Gegner der Rückrunde ist Borussia Dortmund. Das Hinspiel ging 0:4 verloren, es war der Anfang vom Ende der Ära Favre. Thomas Tuchel hat den BVB wieder stark gemacht.

Vogts Man darf nicht vergessen, dass die Dortmunder schon in der Rückrunde der vorigen Saison wieder zu alter Stärke gefunden haben. Vorher gab es viele Verletzte und unglückliche Niederlagen. Als dann aber alle Spieler wieder da waren, hat Klopp gut gearbeitet und das Fundament für Tuchel gelegt. Tuchel macht gute Arbeit beim BVB. Er kann vielleicht sogar noch die Bayern ärgern. Trotzdem glaube ich aber, dass die wahre Borussia die Borussia aus Dortmund besiegen wird.

Reicht dazu ein normaler Tag, oder muss es ein richtig guter werden?

Vogts Die Tatsache, dass Xhaka fehlt, ist natürlich ein Minuspunkt. Als Ersatz wäre es sicher gut, einen etwas defensiveren Spieler, ich denke Nordtveit, neben Dahoud aufzubieten. Dahouds Rolle wird sehr wichtig sein: Er muss nach vorn noch mehr aktiv werden und noch mehr die Stürmer in Position zu bringen. Es wird ein hochinteressantes Spiel, auf das ich mich sehr freue.

Interessant wird das Spiel sicherlich für Jonas Hofmann. Er ist vom BVB zu Gladbach gewechselt. Ein guter Einkauf?

Vogts Ich muss gestehen, dass ich ihn nicht so genau kenne. Die Ablösesumme hat mich ein wenig überrascht, aber Max Eberl wird wissen, warum er die Summe für einen Spieler ausgibt. Borussia wird ihn genau beobachtet haben, und ich wünsche ihm viel Glück bei der wahren Borussia.

Deren Ziel ist es, wieder in die Champions League zu kommen. Ist das realistisch?

Vogts Jeder Klub und jeder Spieler hat Träume. Und es wäre toll für alle, wenn es wieder klappt. Aber man muss auch sehen, dass mit Dortmund, Wolfsburg und Leverkusen Klubs da sind, die viel größere wirtschaftliche Möglichkeiten haben als Gladbach. Trotzdem ist es vielleicht wieder möglich, Platz drei oder vier zu schaffen. Eines wäre aber enttäuschend: Wenn Borussia das internationale Geschäft komplett verpasst. Mit dem Kader ist es eigentlich ein Muss, mindestens die Europa League zu erreichen.

Es hieß, Lucien Favre sei der richtige Trainer für Borussia. Ist André Schubert das auch?

Vogts Das wird die Zukunft zeigen. Noch kann man ihn nicht richtig beurteilen. Er hat die Mannschaft in einer Phase übernommen, als es alle drei Tage ein Spiel gab. Jetzt hatte er die Möglichkeit, seine eigene Fußballidee einzubringen, als er das Team auf die Rückrunde vorbereitet hat. Er hat einen guten Kader, und Schubert muss nun in der Rückrunde zeigen, was er kann und ob er in der Lage ist, Borussia wieder in den Europapokal zu führen.

Karsten Kellermann führte das Gespräch

(kk)
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