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Berti Vogts im Interview
"Ohne Messi ist Barca weniger berechenbar"

Porträt: Das ist Berti Vogts
Porträt: Das ist Berti Vogts FOTO: AP
Mönchengladbach. Berti Vogts, der frühere Bundestrainer und Ur-Borusse, sagt, wie die Borussen auftreten müssen, um dem übermächtigen FC Barcelona Paroli bieten zu können. Von Karsten Kellermann

Herr Vogts, wenn man sich an das 0:4 in Manchester erinnert: Wie groß muss die Angst sein, wenn Borussia nun gegen den FC Barcelona spielt?

Vogts Sie haben es gesagt: Angst. Ich glaube, Borussia muss keine Angst haben, gerade in Heimspielen. Auch der vermeintlich Unbesiegbare kann besiegt werden. Jeder Spieler will diese Chance nutzen, um zu beweisen, dass Borussia doch eine starke Mannschaft hat. Barcelona ist sicherlich eine andere Dimension mit ganz anderen Möglichkeiten. Aber an diesem Abend wird 90 Minuten lang gespielt, es gibt zwei Tore und nach 45 Minuten einen Seitenwechsel. Es ist ein Fußballspiel. Und nur das ist wichtig. Alles andere muss man ausschalten. Entscheidend wird es sein, dass die Borussen in die Zweikämpfe hineinkommen, anders als in Freiburg und Manchester. Wenn den Gladbachern das gelingt, können sie auch Barcelona beeindrucken, und es kann eine Überraschung geben.

Ist dieses Spiel eine Belohnung für die Arbeit der vergangenen Jahre?

Vogts So kann man es sehen. Selbst wenn wir es nicht schaffen sollten, Barcelona zu besiegen. Wenn die Borussen vom Platz gehen und sagen können: Wir haben ihnen alles abverlangt, dann ist es in Ordnung. Dann haben sie sich, ganz unabhängig vom Ergebnis, auch den Applaus der Zuschauer verdient. Aber: Einfach etwas geschehen zu lassen wie in Manchester – das darf nicht noch einmal passieren.

Sie sind Berater von US-Trainer Jürgen Klinsmann. Bei der Copa America im Sommer gab es das Spiel gegen Argentinien mit Lionel Messi. Das US-Team inklusive des Borussen Fabian Johnson konnte ihn nicht stoppen. Gegen Gladbach wird er fehlen. Ist das gut für Borussia?

Vogts Das würde ich so nicht sagen, im Gegenteil. Denn ohne Messi ist Barca sogar unberechenbarer. Barca hat ja schon zu Beginn der Saison ohne ihn gespielt, und man hat gesehen, dass die anderen dann mehr im Kollektiv arbeiten. Wenn Messi spielt, wird er immer gesucht. Und er ist an sich recht leicht zu kontrollieren, weil er ohne Ball kaum in Position läuft, er lässt sich anspielen, und wenn er dann den Ball hat, dann wird es schwierig. Daher darf er den Ball erst gar nicht bekommen. Wenn er den Ball hat, muss man nah an ihm dran sein Er ist unheimlich schnell auf den ersten Metern, das muss man wissen, dann kann man ihn ausschalten. Das kann man im Kollektiv lösen. Ohne Messi fehlt Barca diese individuelle Stärke, aber die anderen haben auch viel Qualität und können die dann ganz anders entfalten. Darauf kann man sich schwerer einstellen.

Wie viel Messi ist der FC Barcelona?

Vogts Er ist wichtig, aber es ist ja nicht nur Messi, wir sprechen in allen Bereichen über eine absolute Weltklassemannschaft. Nehmen wir Suárez. Oder Neymar. Aber auch die kann man in 90 Minuten besiegen. Gladbach hat ja auch dem FC Bayern München in der vergangenen Saison vier Punkte abgenommen. Warum sollte es nicht auch gegen Barcelona gelingen?

Die Bayern-Spiele sind also die optimale Vorlage für dieses Spiel?

Vogts Ja. Ich würde den Spielern zum Beispiel noch einmal Bilder von den beiden Bayern-Spielen zeigen. Noch einmal zu sehen, wie sie gegen die Bayern etwas geholt hat, das kann der Mannschaft für das Barcelona-Spiel helfen. Sie weiß: Sie kann auch große Gegner schlagen. Klar ist auch, dass Barcelona hinten anfällig ist, weil die Innenverteidiger nicht die Antrittsschnellsten sind. Das müssen Spieler wie Thorgan Hazard oder André Hahn, wer immer auch spielt, ausnutzen. Sie müssen einfach mutig sein, den Gegner anlaufen und immer die Eins-gegen- Eins-Situationen suchen. Das sind die spanischen Verteidiger so nicht gewohnt, weil dort eher gemächlich aufgebaut wird. Wenn man auf die draufgeht, kann man Druck aufbauen und sie überraschen.

Im Tor des FC Barcelona steht ein Gladbacher: Marc-André ter Stegen. Was bedeutet es für Borussia, Spieler zu produzieren, die dann zu den Topklubs gehen?

Vogts Es spricht für die Qualität der Ausbildung. Aber wenn wir jetzt mal gemein sind, sage ich: Borussia kennt die Stärken von Marc-André ter Stegen, aber auch seine Schwächen. Vielleicht greift ihn die Stimmung im Stadion ein wenig an, er kennt sie bislang ja nur von der anderen Seite. Ich bin gespannt.

Was bedeutet es für die Stadt Mönchengladbach, ein absolutes Weltklasseteam wie den FC Barcelona zu Gast zu haben?

Vogts Für die Stadt ist es doch ein tolles Ereignis. Man darf bei den Großen mitspielen, das tut dem Selbstvertrauen der Stadt gut. Wir haben das damals auch gespürt, wenn wir international unterwegs und erfolgreich waren. Aber man muss auch sagen: Auch die ganz Großen wissen, wo Mönchengladbach liegt. Sie wissen, dass wir kein Stadtteil von Düsseldorf oder Köln sind, sondern eine schöne kleine Stadt mit einem großen Fußballverein – und der hat einen guten Namen in Europa. Barca weiß, was es in Gladbach erwartet.

Wie ordnen Sie das Spiel gegen Barca ein?

Vogts Das ist das größte Spiel seit vielen Jahren. Man muss keine Statuen für Messi und die anderen errichten, aber es ist doch wie ein Sechser in Lotto, diese Mannschaft hier empfangen zu können.

Worum geht es für Borussia in der Gruppe? Nach dem 0:4 in Manchester wohl um Platz drei.

Vogts Wenn es Borussia schafft, Dritter zu werden, wäre ich zufrieden. Sie überwintert dann im Geschäft, das wäre ein Schritt nach vorn nach dem vierten Platz im Vorjahr. Aber ganz ehrlich, ich möchte auch sehen, dass wir gegen einem der beiden Großen, Barca oder City, mehr abverlangen als das, was wir in Manchester gesehen haben.

Woran hat es da gefehlt?

Vogts An allem. Man kann gegen Barca nur alles besser machen. Sie waren früher Trainer des schottischen Nationalteams. Borussia trifft neben ManCity und Barcelona auch auf Celtic Glasgow. Viele sagen: Die Schotten muss man hinter sich lassen.

Ist das so leicht?

Vogts Wenn die Mannschaft so spielt wie zum Beispiel in Freiburg, dann wird sie auch bei Celtic nichts holen. Da geht es auch über den Körper, Spiele gegen schottische Teams tun auch weh. Darauf muss man sich einstellen. Und von der Atmosphäre kommt da etwas auf die Borussen zu, was noch keiner von ihnen erlebt hat.

Wie wichtig ist die Atmosphäre im eigenen Stadion für einen Underdog – wie für Borussia gegen Barca?

Vogts Die Spieler des FC Barcelona werden sich von der Atmosphäre sicher nicht beeindrucken lassen, dafür sind sie zu abgezockt, zu abgebrüht. Aber die Stimmung ist wichtig für unsere Mannschaft, das zeigt ja die Heimbilanz. Wenn ein Spieler einen Fehler macht, dann muss das Stadion weiter hinter ihm stehen und ihm helfen.

Wenn sich Borussia gegen Celtic durchsetzt im Rennen um Platz drei – was ist da in der Europa League möglich? Zweimal kam das Aus im Sechzehntelfinale. Wäre nun mehr drin?

Vogts Das hängt ja sehr davon ab, wen man dann zugelost bekommt. Es sind ja viele gute Teams in der Europa League dabei. Man muss auch ein bisschen Glück haben. Wenn das so ist, dann kann mehr drin sein als bisher, sicherlich.

Hat sich der Gladbacher Kader verbessert?

Vogts Von den Namen her auf jeden Fall. Aber es hat sich auch schon gezeigt, dass der eine oder andere an die Leistungsgrenze gehen muss. Es hat noch nicht jeder Spieler 100 Prozent gezeigt in dieser Saison, da steckt mehr drin. Gegen Barca muss aber jeder 100 Prozent plus riesige Begeisterung abrufen, wenn eine Überraschung gelingen soll. Grundsätzlich kann ich nur jeden, der ein Ticket hat, beglückwünschen und bitten, Borussia total zu unterstützen. Dann wird es ein toller Europapokal- Abend. Wenn es perfekt läuft, ist ein Sieg drin, aber schon ein Unentschieden wäre eine große Sache.

Karsten Kellermann führte das Gespräch.

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