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Borussia Mönchengladbach
Bitte nicht, Borussia

Einzelkritik: Gegen Borussia Dortmund hagelt es Fünfen
Einzelkritik: Gegen Borussia Dortmund hagelt es Fünfen FOTO: Dirk Päffgen
Am Sonntag muss Mönchengladbach gegen Mainz beweisen, dass das 0:4 gegen Dortmund bloß ein Ausrutscher war. Unser Autor hat große Sorgen vor dem Spiel und fragt sich: Warum denn bloß? Von Sebastian Dalkowski

Das größte Problem eines Fußballfans ist, dass nicht die Realität, sondern der unwahrscheinlichste Fall seine Gedanken formt. Eigentlich bräuchte ich mir um meine Borussia keine Sorgen zu machen. Eigentlich hat Gladbach gut eingekauft in der Sommerpause. Eigentlich hat Gladbach ein gefestigtes Team. Eigentlich ist Lucien Favre einer der besten Trainer der Bundesliga. Eigentlich ist Gladbach am Sonntag der Favorit gegen Mainz. Aber "eigentlich" ist der größte Unruhestifter der deutschen Sprache.

Samstag vor einer Woche war es wieder da, das "eigentlich". Ich sitze in meinem Auto. Das Auto steht auf einer Wiese. Regen prasselt auf das Auto. Mein Lieblingsfestival ist gerade dabei abzusaufen, als eine SMS von meinem Bruder eintrifft: "Nach 15 Minuten schon 2:0 für Doofmund". Und fünf Minuten später: "3:0". Ich sehe, was dort steht, aber ich glaube es nicht. Wir sind doch die Borussia, die alles weghaut. Wir sind doch die stärkste Rückrundenmannschaft. Wir sind doch die, die bald gegen Barcelona und Madrid spielen.

Und dann fängt es in meinem Gehirn an zu arbeiten. Und tut es seitdem. Willkommen zurück, du blödes "eigentlich".

Das Gehirn eines Borussia-Fans ist grundsätzlich anders gebaut als das eines Bayern-Fans. Wo andere den Platz für Zweifel haben, hat Bayern einfach noch mehr Platz für Selbstbewusstsein. Der Platz für Zweifel im Gehirn eines Borussia-Fans ist in den vergangenen Jahren kleiner geworden, aber er ist noch immer da. Und er kann sehr schnell wieder wachsen.

Eigentlich war das 0:4 gegen Dortmund nur ein Ausrutscher. Eigentlich ist Borussia eine Spitzenmannschaft. Eigentlich ist alles gut.

Aber da ist eben diese Frage, die bei Niederlagen diesen Ausmaßes akut wird: Waren die letzten Jahre der Beginn einer Ära oder doch nur ein schöner Irrtum der Natur? Auch wenn alle Fakten sagen, dass es der Beginn einer Ära ist.

Denn da ist diese Vergangenheit, die 90er, die 2000er. Da sind Abstiegskämpfe, Abstiege, 15. Plätze und 16. Plätze und Jahre ohne Auswärtssieg. Es hat schon seinen Grund, warum Igor de Camargos 1:0 gegen Bochum in der Relegation präsenter ist als die Tore von Raffael gegen Bremen, die die Champions League klarmachten. Es hat schon seinen Grund, weshalb Panik in mir aufsteigt, wenn Borussia 3:0 führt und dann den Anschlusstreffer kassiert. "Man traut dem Braten noch nicht", sagte mir kürzlich der bekannte Ex-Libero Hans-Jürgen Wittkamp.

Der Kampf um die internationalen Plätze ist noch nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert. Wer sich jahrelang als Underdog fühlte, tut sich schwer damit zu glauben, nun der Platzhirsch zu sein. Niederlagen gegen Frankfurt oder Hoffenheim fühlen sich noch immer natürlicher an als Siege gegen Schalke.

Und deshalb entwickle ich gerade Horrorszenarien: Geht es zurück nach unten? Gibt es wieder Mittelmaß? Hannover war ja auch mal kurz eine Spitzenmannschaft.

Favre betont seit Jahren beinahe rituell, dass sie wüssten, wo sie herkommen. Das kann nur eine Ansage an die Mannschaft sein. Nicht an die Fans. Ich jedenfalls werde nie vergessen, wo Borussia herkommt. Selbst wenn die Straße längst abgerissen worden ist.

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